Kultur | 13.06.2012

Die Entführung weiblicher Zuschauer aus der öden grauen Welt

Text von Chiara Nauer | Bilder von Manuel Lopez
«Zicke zacke zicke zacke hoi hoi hoi!" Der Schlachtruf zog sich durch das ganze Konzert der fünf Teilnehmer von "Deutschland sucht den Superstar". Im Basler Rhypark liessen sie den Event nochmal aufleben, aus dem sie vorzeitig ausgeschieden waren. Showeinlagen und Übertreibungen durften natürlich nicht fehlen.
Einzige Frau des DSDS-Revivals war in Basel Fabienne Rothe. Die Deutsche wurde von den zahlreichen vor allem jüngeren Fans mit frenetischem Jubel begrüsst. Hamed Anousheh: Hip Hop ist sein Ding.
Bild: Manuel Lopez

Das Kreischen des Publikums war schon von weitem zu hören. Das lag wohl am Moderator, Christian Schöne. Er ist bekannt als schrill gekleideter Lockenkopf, der gut im Unterhalten ist. Um das unter Beweis zu stellen, gab er gleich zu Beginn ein paar Stücke zu Besten. Nur das ausgefallene Outfit fehlte.

 

Herzensbrecher

Als nächstes kam Joey Heindle auf die Bühne. Und mit ihm schnellte ein Meer aus filmenden Handys in die Höhe. Wie es sich für einen richtigen Frauenschwarm gehört, kamen Balladen von Xavier Naidoo und anderen Künstlern aus Joeys Mund. Das Ganze wäre perfekt gewesen, wenn nicht noch eine Panne dazwischen gekommen wäre: Während einer Minute lang suchten die Tontechniker nach der richtigen Melodie. Übel nahm das Joey niemand. Denn er holte fünf weibliche Zuhörer und einen kleinen Jungen auf die Bühne und verdrehte den Mädels so sehr den Kopf, dass diese ganz vergassen im Hintergrund mitzusingen.

 

Die Henne im Korb

Um das weibliche Geschlecht zu vertreten, kam nach kurzer Ansage von Christan Schöne Fabienne Rothe in farbenfrohem Aufzug reingetänzelt. Hie und da witzelte sie mit dem knapp zu einem Viertel gefüllten Raum und erzählte ihm, wie sehr sie Süsses mag. Zur Beruhigung der 14-Jährigen, die sich so trotz Diät ein Eis gönnen konnten. Fabienne Rothe war die Einzige, die nicht in der ersten Reihe vor der Bühne eine Runde drehte. Sie klatschte lieber die hingestreckten Hände und winkte rum.

 

Welcome to Gangsta’s Paradise

Hip Hop ist sein Ding. Das merkte man bei Hamed Anousheh am Mode- und Musikstil – oder an seiner Begrüssung ganz im Gangster-Stil. Auch bei seinem selbst komponierten Lied schimmerte diese Neigung durch. Allgemein machte Hamed eine gute Stimmung. Schade, dass dazu nicht getanzt wurde. Das lag daran, dass die Leute zu jung oder doch schon wieder zu alt waren. Und auch beim jungen Mann mit iranischen Wurzeln streikten die Techniker teilweise. Nach mehrfachen Aufforderungen die Musik lauter zu stellen, kamen diese dem Wunsch nach.

 

Kaum ein Auge blieb trocken

Ob die jungen Mädchen oder die erröteten Mamas: nach dem vergangenen Auftritt waren endgültig alle aus dem Häuschen. Schliesslich zog zuerst Joey und jetzt auch noch Hamed den Pulli aus und sangen – nur – im T-Shirt weiter. Dazu kommentierten die beiden ihre gewählten Stücke mit: “Für alle Verliebten” oder etwas von erster Liebe. So flossen die Tränen in Strömen und Hände dienten als Fächer, um den Verstand nicht zu verlieren.

 

Verschnaufpause

Da Jesse Ritch leider im Stau steckte, musste das Konzert mit einer Pause unterbrochen werden. Kurz raus an die frische Luft, um die Köpfe zu lüften und das verschmierte Make-up aufzufrischen. Und plötzlich ging es weiter. Der Berner war endlich angekommen. Er stand grinsend über den hyperventilierenden Mädchen. Eine hielt ihm ein Plakat mit Herz und Handynummer unter die Füsse, was er aber nicht beachtete. Lieber widmete er sich nur den Liedern, die er sang. Dabei waren diese fast ausschliesslich Fremdproduktionen. Jesse Ritch war mit Abstand der sympathischste und authentischste Unterhalter des Abends. Dem Schweizerdeutsch sei Dank.

 

Mit Höhenflügen im Bauch und einem Werbeplakat der Veranstaltung in der Hand wurde das Publikum nach seinem Auftritt wieder in die düstere, kalte Realität entlassen.