Politik | 12.06.2012

Der Otto der Jungen

Text von Luzia Tschirky
Keine zehn Jahre sass Otto Ineichen im Parlament. Dennoch hat er mehr bewegt, als manch einer, der doppelt so lange im Nationalrat sitzt. Mit dem Tod des 71-Jährigen Unternehmers verliert die Schweiz eine der stärksten Stimmen der Jugend.
Otto Ineichen nach der Übergabe des Prix Jeunesse im Jahr 2009.

Als Legastheniker hatte Otto Ineichen als Kind selbst die Erfahrung machen müssen, was es heisst, schulisch schwach zu sein. Mit der Gründung und dem Vorsitz der Geschäftsleitung von “Speranza” sollte er sich viel später für andere Kinder mit schulischen Schwierigkeiten einsetzen. Der Name der Stiftung bedeutet übersetzt “Hoffnung” und beschreibt, was die Institution erreichen will: Jugendlichen, die Probleme mit dem Einstieg in den Arbeitsmarkt haben, wird mit Beratung und Coaching geholfen. In Aarau und Luzern hat die Stiftung Speranza “Interkantonale Institute für Bildung” geschaffen, wo Jugendliche während mindestens sechs Monaten betreut werden um auf dem Arbeitsmarkt Fuss fassen zu können.

 

Ehrung durch die Jugend

Otto Ineichen hat “Speranza” als grössten Erfolg seines Leben bezeichnet. Für seine Verdienste um die Organisation wurde Otto Ineichen im Jahr 2009 mit dem Prix Jeunesse der Jugendsession ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erhielt er auch den Swiss Award für Politik. Angesprochen auf seinen Auftritt in der Öffentlichkeit, sagte Otto Ineichen stets, er sei ein Showman. Niemals wirkte er dabei unsympathisch oder gar abgehoben. Die Wertschätzung seiner Person war immer vollumfänglich gerechtfertigt.

 

Rückblickend auf seine eigene Schulzeit sagte Otto Ineichen: “Ich musste immer dreimal so viel arbeiten wie meine Klassenkameraden. Dabei habe ich mir gedacht: ‘Wartet nur, ich bringe es später noch zu etwas.” Diesen Vorsatz hat Otto Ineichen in die Tat umsetzen können. 106 Niederlassungen hat die von ihm gegründete Kette “Ottos Warenposten” in der ganzen Schweiz. Die Führung des Unternehmens hat er an zwei seiner vier Söhne weitergegeben. Über die Jugend hat Otto Ineichen immer gesagt, dass sie die Zukunft sei, die man unterstützen müsse, schliesslich hätten die Generationen vor ihm auch immer alles für die nächste gemacht. Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, wird spätestens dann klar, wenn man sich verdeutlicht, wie viele Schweizer Politiker, die Jugend kaum oder gar nicht zu ihrem Thema machen.

 

Chaot mit Visionen

Otto Ineichen selbst bezeichnete sich als “kreativen Chaoten”, für den andere Leute Dinge fertig machen müssen, die er selbst angefangen hat. Egal, ob die kritische Selbsteinschätzung stimmt oder nicht, alleine mit seinen Ideen und Projekten hat Otto Ineichen viel bewegt. Nicht immer kam er damit gut an. In seiner Partei eckte er mit seinen markigen Aussagen oft an. Er hielt nichts von hohen Löhnen in der Finanzwirtschaft und kritisierte die FDP auch öffentlich, indem er der Partei vorwarf sie hätte zu wenig Profil.

 

Von Niederlagen liess sich Otto Ineichen nicht entmutigen, ganz im Gegenteil: “Je grösser der Widerstand, umso grösser ist mein Ansporn.”, sagte er, angesprochen auf sein Engagement. Als er im Jahr 2003 für die FDP Luzern in den Nationalrat gewählt wurde, galt er als Quereinsteiger und auf einem Ranking der Sonntagszeitung im vergangenen Jahr erhielt er einen Platz ganz weit hinten. Von solchen Listen hielt Otto Ineichen allerdings nie viel. “Am Rednerpult und in Kommissionen kann ich nicht viel bewegen”, sagte er damals zum Ranking, dass die Politiker nach ihren Aktivitäten im Parlament einstufte.

 

Wie es gut kommt

Als FDP-Politiker hat Otto Ineichen das geschafft, woran seine Partei seit Jahren scheitert: Er war den Leuten nahe. An der Beerdigung am vergangenen Montag sagte FDP-Präsident Philipp Müller: “So wie ich Otto kenne, hätte er heute gesagt: ‘Seit fröhlich an diesem Tag und macht so weiter, dann kommt es gut’.” Dies würde Otto Ineichen höchstwahrscheinlich auch den Jugendlichen sagen, die mit “Speranza” versuchen den Berufseinstieg zu schaffen. Und wenn sich in Zukunft Politikerinnen und Politiker im gleichen Masse wie Otto Ineichen für die Interessen der Jugend einsetzen, dann dürfte die Schweiz tatsächlich einen grossen Schritt vorwärts machen.