Gesellschaft | 12.06.2012

Bonne nuit – Good night

Text von Mirjam Läderach | Bilder von zvg
Nach ein paar Wochen Kennenlernzeit haben Kinder, Aupair und auch die Eltern hineingefunden in den gemeinsamen Alltag. Welcher Spass erlaubt ist und welcher nicht, sehen aber alle etwas anders.
Die Kinder sind fussballbegeistert - bei Londoner Wetterverhältnissen wird das Haus zum Spielfeld.
Bild: zvg

Beaumont ist der Name der Familie, in der ich hier in London lebe und arbeite. Klingt nicht nur Französisch, sondern ist es auch. Vor 14 Jahren sind die Eltern der Arbeit wegen nach London gezogen. Doch ein feiner französischer Akzent ist geblieben und verrät ihre Wurzeln in der Umgebung von Nyon. Die Aussprache der Kinder hingegen ist perfekt: “very british” eben. Ein Haus also mit zwei Sprachen. Manchmal Englisch, manchmal Französisch erzählen, diskutieren oder streiten sie.

 

Nur lästern können sie nicht, denn zu ihrem grossen Erstaunen verstehe ich nämlich auch Französisch. “Oui, ce serait très bien”, brachte ich mich einmal spontan in das Gespräch über geplante Aktivitäten des folgenden Wochenendes ein. Die Runde verstummte, alle Augen waren weit geöffnet und auf mich gerichtet. “Ja, ich verstehe und spreche Französisch”, sagte ich (oder zumindest ein bisschen).

 

Ungleich den Engländern, lernen wir früh Fremdsprachen in der Schule. Erst seit zwei Jahren wird in den hiesigen Schulen auch schon in der Unterstufe eine moderne Fremdsprache unterrichtet. Zuvor lernten die englischen Kinder erst ab dem vierzehnten Lebensjahr, sich in einer anderen Sprache auszudrücken. Jedenfalls lese ich die Gutenachtgeschichten jetzt abwechslungsweise auf Englisch und Französisch vor, was meinen Sprachkenntnissen doppelt zugutekommt.

 

Zahnpasta aus Nutella

Die Kinder und ich haben uns in den vergangenen Wochen zuerst noch etwas vorsichtig beschnuppert, beäugt, uns langsam angenähert und schliesslich auch aneinander gewöhnt. Sie zeigten mir ihren Tagesablauf, erläuterten mir die Regeln des Hauses und erklärten mir voller Stolz, sie dürften jeden Abend ein Eis essen, mit Nutella anstelle von Zahnpasta die Zähne schrubben, im Kopfstand Gutenachtgeschichten hören und die Wände als Papier zum Malen benutzen. Über diesen Versuch mich um den Finger zu wickeln konnte ich nur lächeln.

 

Doch ab und zu, bei den etwas kleineren Angelegenheiten wie etwa einer Extrarunde Fussball im Park auf dem Weg von der Schule nach Hause, wo wir uns dann an die Hausaufgaben machen, drücke ich auch gerne mal ein Auge zu. Schliesslich will ich der spassige Teil sein. Die Kinder sollen etwas mit mir erleben und manchmal eben auch etwas sonst “Verbotenes” tun können. “Nein!”, “Tu das nicht!” und “Hör sofort auf damit!”, kriegen sie schon genug von ihrem Vater zu hören. Es war nicht einfach, mich an dessen strengen Ton, laute Stimme und häufiges Ermahnen zu gewöhnen. Streng fordert er von seinen Kindern gutes Benehmen und Gehorsam. Ganz anders die Mutter – eine Frau mit viel Herz, die man einfach gern haben muss.

 

Auch sie legt aber grossen Wert auf Anstand. So hat sie gestern Abend zusammen mit den Kindern eine Liste der Tischmanieren zusammengestellt. Ich habe nur leer geschluckt und angestrengt versucht, selber nichts durcheinander zu bringen: Serviette auf dem Schoss, die Unterarme schön an die Tischkante gelegt, gerader Rücken, die Gabel zum Mund führen und nicht den Mund zur Gabel, auf keinen Fall die Hände unter den Tisch nehmen und so weiter und so fort – vor allem der Versuch eine aufrechte Haltung einzunehmen, brachte mich ganz schön ins Schwitzen.

 

Die Küche als Stadion

Die drei wohlerzogenen, vernünftigen Kinder habe ich jeweils morgens vor und abends nach der Schule, in meiner Obhut. Manchmal sind sie sogar vernünftiger und vorsichtiger als ich es bin. Mein Vorschlag “Flugzeug” zu spielen, wurde mit der Begründung “zu gefährlich” abgelehnt. Dabei liess ich mich als Kind selbst so gerne auf den Füssen meines Vaters balancieren.

 

Weit ungefährlicher aber in ihren Augen ist das Fussballspielen in der kurzum zum Stadion umfunktionierten Küche. Alle drei Kinder sind sehr fussballbegeistert und so liefern wir uns häufig abends, bevor die Eltern von der Arbeit nach Hause kommen, ein oder zwei spannende Matchs. Wir kicken um die Wette, der Älteste und ich etwa auf demselben Niveau, während der Jüngste ziellos zwischen unseren Beinen umherrutscht und zwischendurch auch mal auf den Hintern plumpst. Für ihn ist es nicht so wichtig den Ball zu treffen, Hauptsache er kann seine neuen Fussballstrümpfe tragen.

 

Fast so viele Tore wie der Älteste trifft auch das zweitgeborene Mädchen. Die Sechsjährige ist eine gute Spielerin, leider aber eine umso schlechtere Verliererin. Oft stampft sie, wütend über einen verlorenen Punkt, in den Boden und tritt gegen Tischbeine und Wände anstelle des Balles. Genügend Ausdauer um neunzig Spielminuten durchzustehen hätten sie aber im Gegensatz zu mir locker. Es bleibt mir ein Rätsel, woher sie diese Energie nehmen. “One more time! One more time!”, rufen sie aufgeregt während ich mich schon aufs Bett freue. Sobald jedoch die Kinder im Bett liegen und schlummern, hat Müdigkeit bei mir keinen Platz mehr: Schlafen wird verschoben, denn es gilt die Strassen Londons zu erforschen!

 

 

Aupair in London


Mirjam Läderach (20) tauscht ihre Heimatstadt für vier Monate mit dem Mikrokosmos London.