Gesellschaft | 27.06.2012

Am liebsten einem See entlang

Text von Benjamin Schlegel | Bilder von Benjamin Schlegel
Werner Hefti arbeitet seit 38 Jahren für die SBB als Lokomotivführer. Er hat Tink.ch-Reporter Benjamin Schlegel mitgenommen von St. Gallen Richtung Zürich. Unterwegs begegnen sie kaputten Weichen und Werner Hefti erzählt von Sonnenaufgängen und Notbremsungen.
Die modernen Lokomotiven sind so stark, dass man nicht merkt, wie viele Passagiere hinten im Zug sitzen. Einfahrt in den Bahnhof Zürich Flughafen. Der Intercity verkehrt von St. Gallen nach Zürich. Der Lokführer heisst Werner Hefti. Er arbeitet seit fast 40 Jahren bei den SBB.
Bild: Benjamin Schlegel

Pünktlich um 11:11 Uhr schliesst das Zugpersonal die Türen und Lokführer Werner Hefti bringt den Zug ins Rollen. Die Loks sind so stark, dass man als Lokführer nicht spürt, wie viele Personen befördert werden. Ausser in den Neigezügen, da merke man, wenn der Zug voll ist. Der Zug fährt dann aufgrund des Gewichts viel ruhiger.

 

Am liebsten Richtung Sonne

Werner Hefti wollte Lokführer werden, weil er nicht mehr ins Militär wollte. Vor seiner Ausbildung war er Elekrtiker, er feiert bald sein 38-jähriges Jubiläum in Diensten der Schweizerischen Bundesbahnen. Der Lokführer lebt ganz nach dem Motto “Einmal SBB – immer SBB”. Doch auch nach 38 Jahren hat er keine Lieblingsstrecke. Am liebsten fährt Werner einfach einem See entlang. Zu seinen schönsten Momenten zählen die wunderschönen Sonnenaufgänge.

 

Die Ausbildung zum Lokführer dauert rund ein Jahr. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Lehre oder eine Matura. Ausserdem werden gute Kenntnisse einer zweiten Landessprache verlangt. Der Lohn eines Lokführers beträgt zu Beginn etwa 70-˜000 Franken pro Jahr und steigt mit zunehmender Erfahrung auf 100-˜000 Franken an.

 

Zwischen Schlieren und St. Gallen

Eine Arbeitswoche dauert in Werner Heftis Dienstplan meistens sechs Tage. Dann hat er zwei oder drei Tage frei. Unterschieden wird zwischen sogenannten Früh- und Spätwochen, das heisst früh aufstehen oder spät ins Bett gehen. Lokführer dürfen höchstens 5 Stunden am Stück arbeiten ohne Pause. Eine Massnahme, um die Sicherheit der Fahrgäste zu gewährleisten. Werner mag die Tage am liebsten, bei denen er S-Bahnen und Fernverkehrszüge fahren darf. Meistens werden die Lokführer aber an einem Tag nur für den Regional- oder Fernverkehr eingeteilt. Werner Hefti hatte heute Glück. Er durfte am Morgen eine S-Bahn bedienen, danach mit dem Intercity nach St. Gallen und zurück fahren und am Nachmittag nochmals mit der S-Bahn durch die Zürcher Vororte düsen.

 

Vor Wil klingelt plötzlich das Telefon. Werner Hefti nimmt Telefon ab und bremst den Zug sofort ab. Eine Weiche etwas weiter vorne macht Probleme. Bei der Weiche angekommen ist jedoch alles wieder in Ordnung und der Zug kann in den Bahnhof einfahren. Von aussergewöhnlichen Zwischenfällen in seinem Zug bekommt Werner Hefti meistens nicht viel mit. Nur wenn er einen Zwischenstopp oder eine Wartezeit für die Bahnpolizei oder für die Ambulanz bei medizinischen Notfällen einlegen muss. Das ist aber äusserst selten.

 

Drei Mal am selben Güterzug vorbei

Wenn ein Passagier einmal die Notbremse zieht, wird in den neuen Zügen beim Lokführer ein Alarm ausgelöst. Dieser hat dann noch Zeit, die Notbremsung zu unterdrücken, etwa wenn sich der Zug in einem Tunnel oder auf einer Brücke befindet. Der Zug fährt mit höchstens 80 km/h bis zu einem geeigneten Halteort. In alten Zügen hat der Lokführer jedoch keine Möglichkeit die Notbremsung zu unterdrücken, der Zug hält sofort an, wenn die Notbremse betätigt wird.

 

Zu Beginn seiner Karriere beförderte Werner noch Personen und Güter. Als er sich dann für einen Bereich entscheiden musste, war für ihn der Fall klar: Er wollte Personenzugführer werden. Die Personenzüge wurden von Zürich aus bedient. Andernfalls hätte Werner Hefti einen viel weiteren Arbeitsweg in Kauf nehmen müssen oder er hätte umziehen müssen. Zudem will er lieber fahren statt warten. Bei Güterzügen habe man viel längere Wartezeiten. Er sei schon mal mit der S-Bahn drei Mal am selben, stehenden Güterzug vorbeigefahren, erzählt der 59-Jährige.

 

Gemächlich fährt der Zug in Zürich ein, von rasender Geschwindigkeit ist nichts zu spüren. Der Zug hält und Werner Hefti entriegelt die Türen.