Mehr Platz zum Atmen

Die Spielregeln dieser Kunstmesse waren klar definiert: Die Galerien durften höchstens zwei Künstler präsentieren. Andere Grenzen gab es kaum und so fand man Werke aus den verschiedensten Medien und Preiskategorien wieder. Insgesamt konnte man in den Präsentationen 76 Künstler entdecken, die zum Teil erst seit kurzem auf dem Feld des Kunstmarktes spielen.

 

Vor einer Reizüberflutung bewahren

“Den Kunstwerken mehr Platz zum Atmen geben.” Diesen Grundsatz gibt der belgische Galerist und Projektgründer Paul Kusseneer jedes Jahr an die Galerien weiter, die er für seine Messe einlädt. Die Besucher dieser Kunstmesse sollten vor einer Reizüberflutung bewahrt werden – und dennoch eine breite Palette an Kunstobjekten und internationalen Galerien kennenlernen. Ein schwierig zu realisierendes Projekt, das sich in Basel dennoch etablieren konnte.

 

Das Ausstellungskonzept bewährte sich vor allem deshalb, weil viele der ausgestellten Bilder als Serien geplant waren und ihre Wirkung im gemeinsamen Raum entwickeln konnten. So traf man gleich am Eingang, bei der Gstaader Galerie Patricia Low Contemporary auf die neuste Serie des Starfotografen David LaChapelle. Wer sich die grossformatigen Bilder in Ruhe anschaut, wird auf unterschiedlichste Details aus der Populärkultur stossen, ohne die man beim schnellen Vorbeigehen nur traditionelle Blumen-Stillleben an den Wänden erkennen würde.

 

Facettenreich und international

Die in Zürich und in Portugal sesshafte Arthobler Galerie wurde eingeladen, zwei internationale Künstler zu repräsentieren. Die monochromen Gemälde des Spaniers Rómulo Celdran kontrastierten die Video-Installation von Jakub NepraŠ¡ aus Prag. Gerade wegen der Unterschiedlichkeit der beiden Werkgruppen stachen diese aus der gesamten Messe besonders hervor.

 

Josef Kaempf, der mit der Arthobler Galerie bereits zum dritten Mal am Solo Project beteiligt war, schätzt das Ausstellungskonzept dieser Nebenmesse. Die Atmosphäre sei angenehm und verglichen mit Kunstmessen in anderen europäischen Ländern könne er hier besonders interessierte Besucher antreffen.

 

Die ruhige Kunstmesse

Gerade am Wochenende, während sich Kunstliebhaber und Sammler aus aller Welt durch das Galerien-Gerangel der Art Basel auf dem Messeplatz kämpften, war es ruhig in der Sporthalle neben dem “Joggeli”. Neben den Galeristen und vielleicht einzelnen Künstlern wandelten wenige Besucher von einem Galerieraum zum nächsten. Umso besser konnte man sich mit den Werken beschäftigen und sich mit den Galeristen unterhalten. Viele Besucher hätten die Messe bei ihrer Eröffnung am Mittwoch besucht, an dem auch die Künstler selbst anwesend waren.

 

Das selbe Spiel, nur leiser

Das Versprechen, einzelne Künstler durch ihre Werkgruppen kennenlernen zu können,  konnte das “Ausstellungsprojekt” nur teilweise einlösen. Schwierig war es besonders bei Künstlerinnen und Künstlern, die mit verschiedenen Medien arbeiten. Denn der Raum, in dem die Kunst besser “atmen” können sollte, war weiterhin zu klein, um etwa alle Werke einer umfangreichen Serie, geschweige denn eine umfassende Retrospektive zu zeigen. So erfuhr man etwa allein durch eine Fotoserie von Chantal Michel bei der Münchner Galeristin Karin Sachs wenig über die Berner Medienkünstlerin.

 

Von den hektischen Besuchermassen vieler anderer Basler Kunstmessen abgesehen, präsentierte sich auf dem Sportplatz ein ähnliches Spiel. Viele Werke auf weissen, abbaubaren Wänden prägten auch hier das Bild. Nur wenige Galerien – speziell jene von Suzanne Tarasiève aus Paris und die Bongiovanni Galleria aus Bologna sollen hier genannt sein –  setzten auf eine kreative Präsentation. Die knappe Woche war erneut zu kurz und die Ausstellungsfläche zu klein, um den Kunstwerken den Platz zu geben, den sie wirklich verdienten.

Von Brettspielen und Twin-Towers

Grosser Betrieb herrscht an Liste 17, einer der vielen Nebenmessen der Art Basel. In den verwinkelten Gängen des einstigen Gasthofs und der Bierbrauerei Warteck drängen sich die Besucherinnen und Besucher. Von der Vergangenheit des Fabrikbaus zeugen nebst der Architektur auch Raumbezeichnungen wie “Sudhaus”. Seit 1994 wird das Gebäude nun in erster Linie für kulturelle Zwecke genutzt.

 

Ätherischen Klängen folgend, gelangen wir über eine schmale Wendeltreppe hinunter in den Kellerraum, in dem Shana Moultons Arbeit präsentiert wird. Es handelt sich dabei um eine eigenwillige Mischung aus Videokunst und Performance: Ein surrealer, an eine Traumsequenz erinnernder Kurzfilm, der sich mit den von der Werbebranche angepriesenen Versprechungen diverser Schönheits- und Naturheilprodukte auseinandersetzt. Weiter geht es mit der Begutachtung der Kunstwerke in den unteren Stockwerken, welche sich, von den Werken im Sudhaus mal ausgenommen, in erster Linie durch schlichte, klare Formen, eine minimalistische Hängung und eine reduzierte Farbpalette auszeichnen. Weniger ist mehr scheint hier Trumpf zu sein, wobei radikaler Minimalismus leider auch die Gefahr birgt, rasch eintönig zu werden.

 

Mona Lisa mit Amerika-Flagge

Umso farbenprächtiger und abwechslungsreicher präsentieren sich dafür die Galerien im Sudhaus, welches allein schon durch seine eigenwillige Architektur besticht. Unter den Bildern verdienen besonders die poppigen Reproduktionsdrucke der Serie “Good Wives” von der Französin Lucie Fontaine  besondere Erwähnung. Mit ihren knalligen Farben und der grafischen Ausführung erinnern sie an bekannte Werke der Pop-Art und greifen gleichzeitig auf Motive der klassischen Malerei zurück, um brisante Themen darzustellen. So posiert auf einem Bild Osama bin Laden mit amerikanischer Flagge im Stile von Leonardo da Vincis “Mona Lisa” vor der Kulisse der explodierenden Twin- Towers.

 

Abgründiger Garten Eden

Standen die unteren Stockwerke des Warteck-Gebäudes noch im Zeichen der Minimal Art, so wirken die Arbeiten in den oberen Geschossen eher der Konzeptkunst verpflichtet, bei der nicht die Ausführung des Kunstobjektes sondern das ihm zugrundeliegende Konzept im Vordergrund steht. Eine erfrischende Ausnahme unter all den inhaltsschwangeren Arbeiten bilden die Werke der beiden diesjährigen Sondergäste Circuit und Kasko. Das Künstlerkollektiv aus Lausanne mit dem sperrigen Namen Circuit – Centre d’art Contemporain hat sich nämlich einen ganz besonderen Ausstellungsraum im Warteck-Gebäude ausgesucht: Das Atelier für Buch, Stein- und Kupferdruck. Als wir den Raum betreten, werden wir zuerst von den Klängen mediterraner Volksmusik empfangen. Der Geruch von Druckerfarbe hängt in der Luft. Zuerst bleibt der Blick an den typografischen Maschinen und Werkzeugen hängen: Druckerpressen stehen neben Tischen und Regalen mit Werkzeug, Chemikalien und Farben. An einem Pult ordnet eine junge Frau Druckertypen in einem Setzkasten an. Erst auf den zweiten Blick entdecken wir schliesslich die ausgestellten Drucke und Videoinstallationen, welche einen interessanten Kontrast zu den Maschinen im Raum bilden und sich erstaunlich harmonisch in das Gesamtbild des Ateliers einfügen. Das Künstlerkollektiv nutzt das Atelier während der Liste nicht nur, um Installationen und Performances zu präsentieren, sondern auch, um für die eigene Galerie Drucke herzustellen.

 

Künstler zu vermieten

Nebenan im sogenannten Kaskadenkondensator, einem Projektraum für aktuelle Kunst und Performance überzeugt uns eine Garteninstallation, eine labyrinthische Anordnung von Topfpflanzen und Holzkisten, welche Assoziationen an eine grüne Oase oder den Garten Eden weckt. Toninstallationen mit Vogelgezwitscher und plätscherndem Wasser untermalen die scheinbar idyllische Atmosphäre. Im Zentrum dieses kleinen grünen Irrgartens steht allerdings eine Mischung aus Skulptur und Installation mit Bildern zweier von Pfeilen durchbohrter Männer, ähnlich dem Märtyrer Sebastian in der klassischen Ikonographie. Ein Mahnmal für die Verfolgung und Stigmatisierung der Homosexuellen. Als interessanter Kontrast dazu präsentiert direkt nebenan die Lichtensteiner Galerie Jäger von Zoest eine Gruppe junger Performancekünstler namens Beuystoys&Mudisten, die an der Liste 17 unter einem speziellen Konzept namens “Rent an Artist!” auftreten. Der Messebesucher hat die Möglichkeit, jeweils ein Mitglied der Künstlergruppe gegen einen bestimmten Betrag und für eine bestimmte Dauer zu mieten. Zu den Kunstschaffenden, die sich mieten lassen gehört auch die Kunststudentin Lysann König, die uns erklärt, dass der freie Markt und die zeitgenössische Konsumgesellschaft, in der praktisch alles in irgendeiner Form gemietet werden kann, die Inspiration für “Rent an Artist!” bilden.

 

Performance vor Ort

Wieder beim Eingang des Warteckgebäudes angelangt, treffen wir schliesslich auch das Team um den italienischen Performancekünstler Matteo Rubbi. Seine Arbeit befasst sich mit der Reaktivierung alter, fast vergessener Konzepte und Erinnerungen. Er hat sich die Patente zweier unveröffentlichter Brettspiele aus den Vorkriegsjahren angeeignet und diese gemäss den Originalentwürfen nachbauen lassen. Die Performance besteht nun darin, dass die Messebesucher sich selbst in diesen auf den Prinzipien von Schach und Dame beruhenden Brettspielen gegen Rubbis Vertreter versuchen. Da es sich um Prototypen handelt, bei denen die einzelnen Spielregeln noch nicht genau feststehen, verfügen die Mitspieler dementsprechend über eine grosse Handlungsfreiheit und die Möglichkeit, neue Ideen miteinzubringen.

“Geographisch vor Schlaraffenland”

Es ist ein Beitrag des Schweizer Fernsehens aus dem Jahre 1966, der am Anfang der Ausstellung einen ersten Einblick in die unbekannte Maltechnik bietet. Man sieht, wie Thomkins ein paar Tropfen Lackfarbe auf ein Wasserbecken fliessen lässt. Die Tinte breitet sich aus, bildet Flächen und Formen, die zu einer Haut erstarren und mit dem Papier abgezogen werden können. “Lackskins” nannte der Künstler die Bilder mit der ungewöhnlichen Ästhetik, die er vor dem “Schlaraffenland” einordnet, “wo Milch und Honig fliessen, beides alte Malmittel”.

 

Die Entdeckung neuer Bildwelten

Eher zufällig, beim Abwaschen seiner Pinsel, habe der experimentierfreudige Künstler die Schöpfungskraft der Lackfarbe entdeckt. In diesen ersten Experimenten Mitte der 50er-Jahre formte Thomkins mit schwarzem Lack Figuren, die er nach dem Erstarren ausschnitt, neu zusammensetzte und durch seine bewährte Zeichnungskunst ergänzte. In weiteren Collagen lernt man Thomkins auch als Wortkünstler kennen. Aus Zeitschriften ausgeschnittene und sinnfrei zusammengesetzte Worte und Buchstaben lassen einen Bezug zum Dadaismus feststellen.

 

Nach und nach beobachtete der noch junge Künstler das Zusammenspielen verschiedener Lackfarben und Möglichkeiten, neuartige Bildwelten zu kreieren, ohne nachträglich einzugreifen. In seinem neuen “Rezept” – wie es der Künstler nennt – für originelle Lackbilder betont er das Warten als wichtigen Schritt des künstlerischen Prozesses. Er unterstreicht die Wandelbarkeit seiner neuen Technik. Es sind nur einzelne Momente der “Lackdynamorphose”, die wir auf den meist kleinformatigen Bildern sehen. Wer sich aber darauf einlässt, kann die Formen wiederbeleben und auch in diesen abstrakteren Lackskins fabelhafte Figuren erkennen.

 

Das “verdichtete Chaos” in Ordnung gebracht

Die Bündner Ausstellung und der dazugehörige Katalog sind neben einer chronologischen Reihung thematisch geordnet und formal schlicht gehalten. Aus den zahlreichen Werkgruppen sticht jene der “Astronauten” aus den frühen 60er-Jahren hervor. Diese Werke beziehen sich auf den zeitgenössischen Aufschwung der Raumfahrt, machen aber auch Thomkins Faszination für das Unbekannte und die Unendlichkeit des Alls deutlich, wie Stephan Kunz, Direktor des Bündner Kunstmuseums bemerkt.

 

Die meist kleinformatigen Bilder auf den weissen Wänden des sogenannten Sulser-Baus in Chur wirken nur bei naher Betrachtung. Erst die grossen Lackskins im Untergeschoss, an denen Thomkins mehrere Jahre lang arbeitete, vermögen es, den Ausstellungsraum in ihr Reich der Fantasie einzunehmen. Von Eckhard Schulze-Fielitz – einem befreundeten Architekten Thomkins’ – inspiriert, sprengte der Künstler die Grenzen seiner Bildträger und schaffte – diesmal auch formal gesehen – wahrlich grossartige Lackskins.

 

Zur Ausstellung


 

Die Ausstellung zum Werk André Thomkins’ im Bündner Kunstmuseum in Chur ist bis zum 26. August zu sehen. Der Katalog mit 92 farbigen und vier schwarzweissen Abbildungen ist bei Scheidegger & Spiess erschienen und für 44 Franken erhältlich.

 

Die Garten-Europameisterschaft

Endlich ist der Sommer da, die Temperatur steigt und der Sommer zeigt sich von seiner besten Seite. Die Grill-Saison ist damit eröffnet, genauso wie die Rasenmäher-Saison. Die Gärtner legen sich richtig ins Zeug. Sie mähen ihren Rasen, schneiden ihre Bäumchen zurecht und kaufen sich atemberaubende Skulpturen. Wo man auch hinschaut sieht man wunderschöne und gepflegte Gärten. Die Gartenzwerge strahlen um die Wette und die exotischen Blumen -von denen keiner so recht weiss, wie der Name ausgesprochen wird- blühen in ihrer schönsten Pracht. Ein Garten übertrumpft den anderen. Mir scheint es manchmal schon fast, als würden die Gärtner nur darauf warten, bis der Rasen um 2mm wächst, damit sie ihn gleich darauf wieder mähen können. So langsam bekomme ich das Gefühl, die Europameisterschaft findet in den Gärten und nicht im Stadion statt. Was fehlt, ist nur noch ein grosser Pokal für die Gewinner. Doch ich sehne mich wieder nach den Märchengärten mit ihren überwucherten Hecken und den Brombeersträuchern. Nach der Hollywoodschaukel und dem kleinen Teich. Natürlich ist so ein Märchengarten eine Perfektion für sich. Trotz allem bewundere ich die fleissigen Hobbygärtner, die so viel Schweiss und Arbeit in ihren Garten stecken. Denn leider haben nur wenige die Geduld Unkraut zu jäten oder zu warten, bis endlich ein Pflänzchen wächst. Darum finde ich, sollte es für all die Hobbygärtner, die sich mit Leib und Seele um ihren Garten kümmern, ebenfalls ein Pokal geben.

Am liebsten einem See entlang

Pünktlich um 11:11 Uhr schliesst das Zugpersonal die Türen und Lokführer Werner Hefti bringt den Zug ins Rollen. Die Loks sind so stark, dass man als Lokführer nicht spürt, wie viele Personen befördert werden. Ausser in den Neigezügen, da merke man, wenn der Zug voll ist. Der Zug fährt dann aufgrund des Gewichts viel ruhiger.

 

Am liebsten Richtung Sonne

Werner Hefti wollte Lokführer werden, weil er nicht mehr ins Militär wollte. Vor seiner Ausbildung war er Elekrtiker, er feiert bald sein 38-jähriges Jubiläum in Diensten der Schweizerischen Bundesbahnen. Der Lokführer lebt ganz nach dem Motto “Einmal SBB – immer SBB”. Doch auch nach 38 Jahren hat er keine Lieblingsstrecke. Am liebsten fährt Werner einfach einem See entlang. Zu seinen schönsten Momenten zählen die wunderschönen Sonnenaufgänge.

 

Die Ausbildung zum Lokführer dauert rund ein Jahr. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Lehre oder eine Matura. Ausserdem werden gute Kenntnisse einer zweiten Landessprache verlangt. Der Lohn eines Lokführers beträgt zu Beginn etwa 70-˜000 Franken pro Jahr und steigt mit zunehmender Erfahrung auf 100-˜000 Franken an.

 

Zwischen Schlieren und St. Gallen

Eine Arbeitswoche dauert in Werner Heftis Dienstplan meistens sechs Tage. Dann hat er zwei oder drei Tage frei. Unterschieden wird zwischen sogenannten Früh- und Spätwochen, das heisst früh aufstehen oder spät ins Bett gehen. Lokführer dürfen höchstens 5 Stunden am Stück arbeiten ohne Pause. Eine Massnahme, um die Sicherheit der Fahrgäste zu gewährleisten. Werner mag die Tage am liebsten, bei denen er S-Bahnen und Fernverkehrszüge fahren darf. Meistens werden die Lokführer aber an einem Tag nur für den Regional- oder Fernverkehr eingeteilt. Werner Hefti hatte heute Glück. Er durfte am Morgen eine S-Bahn bedienen, danach mit dem Intercity nach St. Gallen und zurück fahren und am Nachmittag nochmals mit der S-Bahn durch die Zürcher Vororte düsen.

 

Vor Wil klingelt plötzlich das Telefon. Werner Hefti nimmt Telefon ab und bremst den Zug sofort ab. Eine Weiche etwas weiter vorne macht Probleme. Bei der Weiche angekommen ist jedoch alles wieder in Ordnung und der Zug kann in den Bahnhof einfahren. Von aussergewöhnlichen Zwischenfällen in seinem Zug bekommt Werner Hefti meistens nicht viel mit. Nur wenn er einen Zwischenstopp oder eine Wartezeit für die Bahnpolizei oder für die Ambulanz bei medizinischen Notfällen einlegen muss. Das ist aber äusserst selten.

 

Drei Mal am selben Güterzug vorbei

Wenn ein Passagier einmal die Notbremse zieht, wird in den neuen Zügen beim Lokführer ein Alarm ausgelöst. Dieser hat dann noch Zeit, die Notbremsung zu unterdrücken, etwa wenn sich der Zug in einem Tunnel oder auf einer Brücke befindet. Der Zug fährt mit höchstens 80 km/h bis zu einem geeigneten Halteort. In alten Zügen hat der Lokführer jedoch keine Möglichkeit die Notbremsung zu unterdrücken, der Zug hält sofort an, wenn die Notbremse betätigt wird.

 

Zu Beginn seiner Karriere beförderte Werner noch Personen und Güter. Als er sich dann für einen Bereich entscheiden musste, war für ihn der Fall klar: Er wollte Personenzugführer werden. Die Personenzüge wurden von Zürich aus bedient. Andernfalls hätte Werner Hefti einen viel weiteren Arbeitsweg in Kauf nehmen müssen oder er hätte umziehen müssen. Zudem will er lieber fahren statt warten. Bei Güterzügen habe man viel längere Wartezeiten. Er sei schon mal mit der S-Bahn drei Mal am selben, stehenden Güterzug vorbeigefahren, erzählt der 59-Jährige.

 

Gemächlich fährt der Zug in Zürich ein, von rasender Geschwindigkeit ist nichts zu spüren. Der Zug hält und Werner Hefti entriegelt die Türen.

Über Stock und Stein

Ein Knall. An die dreissig Fahrerinnen treten gleichzeitig in die Pedale und rasen los. Es ist eng auf dem Strässchen, die Fahrerinnen kommen sich sehr nahe. Einige können nur knapp einen Sturz vermeiden. Schon nach der ersten Linkskurve am Waldrand geht es in den Aufstieg. Die Fahrerinnen werden kaum langsamer. Ganz vorne mit dabei ist Jolanda Neff, die es, zusammen mit zwei anderen Fahrerinnen schafft, sich etwas abzusetzen und so als eine der Ersten auf den schmalen Pfad im Wald, den sogenannten Single Trail, einbiegt.

 

Europameisterin

Gränichen ist der Ort, wo sich eine Woche nach den Europameisterschaften in Moskau die Weltelite im Mountainbike versammelt. Das Rennen, welches schon seit 20 Jahren in der Kiesgrube hinter dem Dorf ausgetragen wird, wurde vom internationalen Radsportverband UCI als “Hors Categorie” eingestuft. Die zweithöchste Kategorie, gleich nach dem Weltcup. Hier starten die U23-Fahrerinnen gemeinsam mit den Elite-Fahrerinnen. Die beiden Kategorien werden aber separat gewertet. Eine Woche zuvor, in Moskau hatte Jolanda Neff in ihrer ersten U23-Saison gleich die Europameisterschaften gewonnen. In einem taktisch klug gefahrenen Rennen hatte sie sich gegen die gesamte Konkurrenz durchgesetzt. “Es war ein wunderbares Gefühl, als Erste über die Ziellinie zu kommen.” In Gränichen gilt es nun, die Ergebnisse der Europameisterschaft in einem sehr gut besetzten Feld zu bestätigen und sich auf die nächsten Weltcup-Rennen in Nordamerika vorzubereiten.

 

Das Gefühl des Sieges ist für Neff indes nicht ganz neu: sie fuhr von klein auf Rennen und hat schon ein beeindruckendes Palmarés. Alleine in der letzen Saison hat sie neben vier Weltcup-Siegen in der Kategorie U19 den Juniorinnen-Europameistertitel und den Schweizer Meistertitel sowohl auf dem Bike im Gelände als auch mit dem Rennrad auf der Strasse errungen. Ihre Leistungen seien nur möglich geworden dank ihrer Familie. Diese, so Neff, habe sie unterstützt und an alle Rennen begleitet. Dazu kommt bei Neff eine grosse Portion Durchhaltewillen und Selbstdisziplin. “Und man muss die richtigen Gene haben, sonst hilft alles Training nichts”, merkt Neff schmunzelnd an.

 

Eine Hitzeschlacht

Das Rennen in der Kiesgrube geht weiter. Nach zwei von sechs Runden auf der anspruchsvollen Stecke mit langen, steilen Anstiegen und tückischen Abfahrten ist Jolanda Neff immer noch im führenden Trio: eine U23-Athletin zusammen mit den Weltklasse-Fahrerinnen Esther Süss und Katrin Leumann. Es ist staubig und heiss und die Sonne brennt erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel. Die Zuschauer versuchen, ein Plätzchen im Schatten zu ergattern, doch die Fahrerinnen sind über weite Teile des Kurses der Sonne voll ausgesetzt. Für Neff ist es zu viel: “Ich habe gemerkt, dass es mir zu heiss wurde und ich musste die beiden ziehen lassen”, sagte die Athletin nach dem Rennen. Andere können mit den hohen Temperaturen besser umgehen und so muss sich Neff im Verlauf des Rennens noch einige Male überholen lassen. Es sei sehr frustrierend gewesen, meint sie dazu und fügt an, die Erholung vom letzten Rennen sei vielleicht nicht optimal gewesen. Wegen den Siegesfeiern und der anstrengenden Rückreise aus Russland habe sie viel zu wenig geschlafen.

 

Kein Ausgang

Training und Erholung sind essentiell. In den Ausgang gehen und Alkohol trinken liegt während der Saison nicht drin – aber das ist ein Opfer, das Neff gerne erbringt. “Wenn man etwas erreichen will, dann muss man sich halt entscheiden. Und das Mountainbiken bringt soviel Abwechslung, dass ich den Ausgang gar nicht vermisse.” Jeden Tag und bei jedem Wetter sitzt Jolanda Neff zwei bis drei Stunden auf dem Rad. Obwohl die meisten Mountainbikerinnen einen Grossteil ihres Trainings auf der Strasse absolvieren, weil dort die erbrachte Leistung besser kontrollierbar ist, trainiert Neff am liebsten im Gelände. Daran liegt es vielleicht, dass sie in technisch schweren Abfahrten der Konkurrenz meist davonfährt.

 

Rennen zum Vergessen

Das Rennen in Gränichen nähert sich dem Ende. Esther Süss, Teamkollegin von Neff und Zweite an den Europameisterschaften der Elite, kommt als Erste ins Ziel. Doch bis auch Jolanda Neff im Ziel ist, vergehen noch einmal fünf Minuten und 17 Sekunden. Sie überquert die Ziellinie als zehnte Fahrerin, in ihrer Kategorie wird sie Vierte. Darüber freuen kann sie sich nicht. “Das ist ein Rennen zum Vergessen. Es war mir zu heiss und ich habe nicht das gezeigt, was ich kann.”

 

Die nächsten Möglichkeiten zum Zeigen, was sie kann, bieten sich an den Weltcup-Rennen in Mont-Saint-Anne (Kanada) und Windham (USA). Daneben möchte Neff die Schweizer Meisterschaften in Balgach am 22. Juli gewinnen und die Saison als eine der besten fünf U23-Fahrerinnen abschliessen. Denn dann könnte sie nächstes Jahr als Elitefahrerin an den Start gehen. Neff träumt davon, irgendwann einmal vom Radsport leben zu können. Doch dafür muss sie an die Weltspitze kommen. Nur die zehn weltbesten Bikerinnen sind Profis. Die Basis dazu ist jedenfalls gelegt und auch die Motivation ist da. Mit gutem Training und etwas Glück ist wohl noch einiges möglich.

Über den Wolken

Das Fliegen fasziniert Menschen schon seit sie zum ersten Mal einen Vogel am Himmel sahen. Mittlerweile haben sie Techniken gefunden, sich ebenfalls in die Lüfte zu schwingen. Viele Leute finden: Man muss einmal geflogen sein, auf welche Art auch immer. Also mache ich mich auf um vor dem Weltuntergang einmal zu fliegen.

 

Kennen lernen der Klapperkiste

Ich komme beim Flugplatz Triengen bei Luzern an und sehe den startenden Kleinflugzeugen zu. Ein paar wackeln ziemlich in der Luft herum und mir wird ein bisschen bange. Dann fällt plötzlich eine kleine Kiste elegant vom Himmel auf die Landebahn. Heraus steigt mein Pilot, Christoph Mauerhofer von der Mauerhofair. Der Student beschreibt sich als fliegenden Musiker, was mir irgendwie sympathisch und vertrauenserweckend scheint. Er stellt mir sein Flugzeug vor: eine Cessna 172, ein winziger Vierplätzer. Wir steigen ein und lernen sofort die Eigenheiten der Maschine kennen: Eine Tür lässt sich nur von innen öffnen, eine andere nicht mehr schliessen. Sowieso scheint alles irgendwie klapprig und alt zu sein. Ich bin ein wenig skeptisch und mir wird mulmig bei dem Gedanken, mit dieser Kiste über die Alpen zu fliegen. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.

 

Die schöne Schweiz oder Schnee im Juni

Vom Start kriege ich nicht viel mit, viel zu abgelenkt bin ich von den vielen Anzeigen im Cockpit. Auch das Headset – bestehend aus Mikrofon und Kopfhörer – ist ungewohnt. Die Funksprüche werden in englischer Flugsprache gehalten, ich verstehe kein Wort. Trotzdem bin ich froh um die Kopfhörer, das Brummen der Maschine würde sonst einen bleibenden Ohrenschaden verursachen. Schon fliegen wir über den Vierwaldstädtersee, betrachten Luzern von oben und bemerken den Hochbetrieb der Boote auf dem See. Der Luftraum ist wie ausgestorben, nur ein einsamer Segler gleitet unter uns dahin. Mittlerweile fühle ich mich wohl und entdecke begeistert mir bekannte Städte, Berge und Seen von oben. Wir setzen unsere Route fort und fliegen über den Klausenpass. Die Felsen scheinen zum Greifen nah zu sein, wir sehen Schnee, Bergseen, Wildbäche. Wolken packen die Berggipfel wie Watte ein und ich fühle mich wie ein heimlicher Besucher in einer unberührten, magischen Welt. Einmal mehr wird mir bewusst, wie schön dieses Land ist.

 

Selbst fliegt die Frau

Ob ich Kunstflug mögen würde, möchte der Pilot wissen. Klar finde ich Kunstflug toll, zum zuschauen, sieht ja auch grossartig aus. Kaum habe ich geantwortet, zeigt die Flugzeugspitze schon gen unendliches Weltall. Es ist, als würde man in einer Achterbahn nach oben fahren. Dann drückt der Pilot das Steuer wieder nach vorne, die Nase beugt sich und plötzlich befinde ich mich im freien Fall direkt auf den Zürichsee zu. Nach dem ersten Schock schiessen Adrenalin und Glücksgefühle durch meinen Körper. “Noch mal, noch mal!”

 

Nach diesem kleinen Spass lässt der Alleinunternehmer der Mauerhofair plötzlich das Steuer los. “Wir müssen da vorne hin, zwischen die zwei Inseln”, weist er mich an. Eine Schrecksekunde später umklammere ich unsicher die Lenkung. “Auto fahren kann ich, und das hier ist ähnlich, nur eben ein Flugzeug”, probiere ich mich zu beruhigen. Wir brausen mit 100 Knoten in 8’500 Fuss Höhe herum. Umgerechnet sind das etwa 200 Stundenkilometer in 2’800 Metern Höhe. Es macht auch tatsächlich ein bisschen Spass. Trotzdem bin ich froh, als der richtige Pilot wieder übernimmt. Er erklärt mir, dass der Luftraum in Zonen eingeteilt ist. Auf der rechten Seite sehen wir den Raum Zürich mit dem grössten Flughafen der Schweiz. Fliegt man dort hinein, wird der gesamte Flugverkehr gestoppt und man darf mit einer saftigen Busse rechnen. Schlimmere Konsequenzen also, als mit dem Auto ein Fahrverbot zu ignorieren.

 

Pilot zurück am Boden

Nach dem einstündigen Rundflug landen wir sicher auf der kurzen Rasenfläche in Beromünster. Liebevoll putzt der Pilot die Maschine und schiebt sie in den Hangar. Auch ich habe sie trotz anfänglicher Skepsis richtig lieb gewonnen, die Cessna 172. Weniger liebevoll ordnet er seine Papiere: “Die Fliegerei, das ist eine einzige Bürokratie!”, entrüstet er sich.

 

War er eben noch der Herr der Lüfte, sitzt er im nächsten Moment schon geschafft im Bus nach Hause. Christoph Mauerhofer ist nicht mehr zu unterscheiden von den müden Arbeitern und Büroleuten zu Feierabendbeginn. Auch ich versinke in der Masse, ist so ein Flug doch auch als Beifliegerin oder Copilotin ziemlich anstrengend. Doch wer genau hinsieht, entdeckt das Glänzen in meinen Augen. Fliegen, ja fliegen ist definitiv etwas, das jeder vor dem Weltuntergang einmal getan haben sollte.

 

Zur Serie


Dieser Artikel ist der sechste aus der Serie “Das Ende ist nah”. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 20. Dezember (vielleicht) untergeht.

Massensportszenensprache

Es gibt nur ein Thema, das zurzeit in den Medien höhere Wellen schlägt als korrupte Steuerverwalter oder die nahende Insolvenz von gewissen EU-Staaten: Die Fussball-Europameisterschaft in der Ukraine und Polen. Und noch bevor der Schweizer Verein UEFA mit seinen Partnern und Sponsoren das Leben der Polen und Ukrainer mit einer der grössten Massenveranstaltungen der Welt auf den Kopf stellten, rüsteten sich im Rest von Europa Millionen von Menschen zum Rudelgucken.

 

Für jeden etwas dabei

Rudelgucken ist einfach. Rudelgucken braucht keine Vorbildung. Rudelgucken ist grundsätzlich kostenlos. Und Rudelgucken ist trendy. Man kann alleine oder in der Gruppe zum Rudelgucken gehen und Rudelgucken lässt sich gut mit dem Konsum alkoholischer Getränke kombinieren. Wobei die Kombination von Bier und Rudelgucken die am weitesten verbreitete Form ist.

 

Das Schweizer Rudel

Im Jahre 2008 fand der Höhepunkt des Schweizer Rudelguckens statt. Damals wurde die Kommerzialisierung des Rudelguckens auf die Spitze getrieben: die Leinwände waren gigantisch und das Rudelgucken wurde mit Shows und Konzerten in die Länge gezogen. Um die Areale wurden hohe Zäune gebaut und wer zum Rudelgucken kam, musste sich durch Dutzende Sicherheitsleute kämpfen.

 

Rudelgucken: das neue Public Viewing

Der Begriff Rudelgucken, hat seinen Ursprung in genau jenem Sommer des Jahres 2008. Nicht weit entfernt von der Schweiz und von Österreich beschäftigte sich der deutsche Jugendradiosender 1LIVE mit dem Phänomen des auf neudeutsch genannten Public Viewing. 1LIVE war der Meinung, dass ein Deutsches Wort für den Konsum von Fussballspielen auf Grossleinwand hermüsse und startete eine Online-Umfrage. Rudelgucken setzte sich klar gegen Tummel-TV, Meutekino und Gruppenglotzen durch – und zwar so weit, dass es im Jahr 2011 im Duden aufgenommen wurde.

 

Zwei Jahre Rudelgucken-Abstinenz

Es geht nicht mehr lange, und dann ist es mit dem Rudelgucken wieder vorbei. Kurz nach dem Schlusspfiff des EM-Finals 2012 werden die Grossleinwände und Projektoren eingepackt und für zwei Jahre verstaut. Solange, bis uns die Live-Bilder der Fussball-WM aus Brasilien erreichen, welche die Abendfreizeitgestaltung vieler Fussballfans und Nicht-Fussballfans prägen werden.

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Die kleinere Messe wider den Kunstzirkus

Dieses Jahr fand in der Woche der Art Basel zum achten Mal die Volta-Show – kurz Volta – statt. Nach den Anfängen in der Voltahalle, woher die Messe ihren Namen hat und einem Intermezzo im Kleinhüninger Hafen, ist sie nun zum dritten Mal in der Dreispitzhalle zu Besuch. Die Zukunft der Messe ab dem nächsten Jahr ist zumindest am jetzigen Ort noch unklar – wie auch für die Scope, die nicht mehr auf dem Kasernen-Areal gastieren wird. Die diesjährige Ausgabe wird dauerhafte Spuren hinterlassen, denn unweit der Volta wurde an der Münchensteinerstrasse vom Basler Graffitikünstler Smash137 ein Wandgemälde angebracht.

 

In Basel zeigten in diesem Jahr 81 Galerien und Ausstellende aus der ganzen Welt ihre Schätze. 67 waren bereits in früheren Jahren dabei. Der Fokus lag auf Europa und Amerika. Ob ein Bild aus Heftzwecken von Baptiste Debombourg, ein Kinderzimmer von Levi van Veluw, bedeckt mit tausenden Holzwürfeln, oder das Faden-Ringe-Gebilde Moving Objects No. 692-803 des Schweizers Pe Lang: Kunst an der Volta macht Spass und die Werke sind auch für Nicht-Kenner durchaus zugänglich.

 

Niederschwelliger

Die Messe fand zeitlich parallel zur Art Basel von Montag bis Samstag statt, ohne jedoch Teil davon zu sein. Die Volta ist unabhängig und zeigt dies etwa darin, dass sie ihre Tore bereits ab Montagnachmittag für das gemeine Publikum öffnet.

 

Auch preislich zeigt sich die Volta etwas näher am Publikum, zumindest an jenem mit nur durchschnittlich gefülltem Geldbeutel. Die Arbeiten an der Volta sind preislich tiefer angelegt, wobei Objekte im Gefilde der Gegenwartskunst auf internationalem Niveau dennoch 20’000 Euro kosten können. Verglichen mit den Auslagen an der Art Basel sind dies freilich wahre Schnäppchen. Noch einmal günstiger ist die jährliche Volta Edition, dieses Jahr bestehend aus drei Bildern des Künstlers Jason Gringler in einer Auflage von zehn Stück. Als Set kostet sie 950 Euro.

 

Ganz allgemein weht an der Volta ein anderer Wind als an der Art Basel. Obwohl die Galerien und das Publikum aus der ganzen Welt nach Basel kommen und es auch im Dreispitz um viel Geld geht, scheint die Stimmung viel freundlicher und offener. Gesprächige Galeristen erzählen freizügig und sympathisch von ihrem Angebot und die künstlerische Direktorin der Volta, Amanda Coulson, flitzt während den Öffnungszeiten mit ihrem Nachwuchs in den Armen durch die Gänge.

 

Schwester in den USA

Wie viele andere Kunst-Messen in Basel hat auch die Volta eine eigene Schwester in Übersee. In diesem Frühjahr fand die Volta New York zum fünften Mal parallel zur Armory Show statt, jener grossen Kunstmesse im Big Apple. Dort zeigt die Volta im Gegensatz zu Basel pro Galerie jeweils nur eine Künstlerin oder einen Künstler.

 

Nicht nur bei den Gästen hatte die Messe Erfolg. Erfolgreich scheint sie auch für die Galerien gewesen zu sein, von Wirtschaftskrise und Katerstimmung war nichts zu hören. Ganz im Gegenteil: Es wurden gute Verkäufe über die ganze Woche vermeldet.

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Geister und fremde Welten

Ein undurchdringliches Schwarz umhüllt einen, wenn man den Projektionsraum betritt, in dem der Film “C.H.Z” von Phillippe Parreno gezeigt wird. Die Orientierung bereitet Schwierigkeiten. Viel heller wird es auch nicht, als die ersten Bilder des Films auf der Leinwand erkennbar werden. Und selbst im Film fällt die Orientierung nicht leicht. Sobald die düsteren Bilder sich aus dem umgebenden Dunkel herausschälen, drängt sich dem unvorbereiteten Betrachter eine Frage in den Vordergrund: Wo befinden wir uns nur? “C.H.Z” aus dem Jahr 2011 besteht aus Kamerafahrten durch eine surreale, vollständig schwarze Landschaft: Schwarze Bäume, schwarze Gräser, schwarze Pflanzen und nichts, was auf Menschen hinweisen würde. Die Atmosphäre dieser unwirtlichen, bedrohlichen Welt, in der man sich auch nur sehr ungern Menschen vorstellt, wird effektvoll unterstützt von einem unablässigen Brummen, Rauschen und Knacken, das die Wände erzittern lässt. Bild und Ton, die Dunkelheit und die beklemmende Stimmung lassen den Besucher in eine fremde, abstossende Welt eintauchen, die trotz oder genau wegen ihrer Andersartigkeit auch anziehend und faszinierend ist.

 

Science-Fiction und Geister

Was wie eine Fantasiewelt anmutet, ein Hirngespinst, einer dunklen Ecke des Künstlergemüts entsprungen, unterlegt Parreno mit wissenschaftlichen Fakten: Auf einem Planeten mit zwei kleinen Sonnen ist es möglich, dass sich Leben entwickelt. Dafür produziert die Fotosynthese der Pflanzen wegen dem erhöhten Lichteinfall eine gänzlich schwarze Vegetation. Diese Orte, welche die Bedingungen für Leben erfüllen, werden in der Fachsprache als “Continuously Habitable Zones”, kurz “C.H.Z.”, bezeichnet.

 

Irdischer und vertrauter, aber kein Deut weniger atmosphärisch präsentiert sich der zweite Film mit dem Namen “Marilyn”. Um eines gleich vorweg zu nehmen: Marilyn Monroe tritt nicht auf. Aber ihre Präsenz wird heraufbeschworen mittels Aufnahmen aus einer nachgestellten Hotelsuite, in der die Legende jeweils residierte. Zudem suggerieren eine erzählende Frauenstimme und eine von einem Roboter reproduzierte Handschrift die Anwesenheit der Schauspielerin. So gelingt es Parreno, die verstorbene Schauspielerin wiederzubeleben, ohne dass sie physisch in Erscheinung tritt. Ihr Geist ist anwesend. Die Handschriften aus dem Film können in einem weiteren Raum in aller Ruhe begutachtet werden – zusammen mit vielen weiteren Tuschezeichnungen und Skizzen, die eng mit “C.H.Z.” oder “Marilyn” zusammenhängen.

 

Choreografie aus Klängen und Bildern

Obwohl beide Filme neue Werke des seit den 1990er-Jahren etablierten und von den Kritikern geschätzten Künstlers sind, erscheint die Ausstellung zunächst etwas mager. Doch genau am vermeintlichen Ende der Ausstellung, setzt Parrenos Konzept an, das eine Ausstellung nicht als Ansammlung von Objekten sondern als ein einziges, zusammenhängendes Ganzes sieht. Dafür erweitert er den Ausstellungsraum: Im Wintergarten vor den Kinosälen sind Klänge aus dem Film zu hören. Bevor man “Marilyn” sieht, hört man träumerische Pianoklänge, Regengeplätscher und Telefonklingeln. Neugierde und erste Bilder entstehen schon hier. Und verlässt man den Projektionsraum, hallt der Film wortwörtlich nach. Parreno bezieht auf diese Weise die Gebäudearchitektur mit ein, aber ebenso berücksichtigt er den Besucher, der von Klängen geleitet durch die Ausstellung wandelt: “Meine Ausstellungen gestalte ich wie einen Film: Ich denke in Sequenzen, an den Rhythmus der Erfahrung des Betrachters”, sagte der Künstler einst. Eine Ausstellung von Parreno ist eine fein austarierte Choreographie aus Klängen und Bildern, die wie eine Entdeckungsreise anmutet.

 

Bis in die eigenen vier Wände

Doch Parrenos Ausstellungskonzept beschränkt sich längst nicht auf den Innenraum. Im Seerosenteich vor dem Museum sind Vibrationen im Wasser auszumachen, die parallel zu den Klängen von “C.H.Z” geschehen. Der Klang aus dem Film verselbständigt sich und wird im Teich sichtbar. Bild und Ton nehmen aber noch weitere Reisen auf sich: Am Ende des Ausstellungsbesuchs darf eine DVD mitgenommen werden, auf der die beiden Filme abgespeichert sind – jeweils in leicht veränderter Fassung.

 

So breitet sich die Ausstellung bis in die eigenen vier Wände aus und beschäftigt genau dadurch länger als manch eine gewöhnliche Ausstellung, die oft nur zu schnell wieder aus den Gedanken entschwunden ist. Nach einmaligem Abspielen löschen sich allerdings die beiden Filme von selbst. Geschickt thematisiert Parreno dadurch einen weiteren Aspekt einer Ausstellung: Das Vergessen. Es lässt sich kaum verhindern, aber man kann es hinauszögern.