Gesellschaft | 29.05.2012

Zwischenhalt vor dem “Ende der Welt”

Text von Matthias Schafer | Bilder von Matthias Schafer
Beim Pilgern ist der Weg das Ziel, klar. Aber was kommt dann? Was spielt sich in den Menschen nach der Wanderung ab? Ein Erklärungsversuch aus Begegnungen im Pilgerbüro in Santiago de Compostela.
Heute kein Wanderwetter: Eingang zum "Oficino do Peregrino" im beliebten Pilgerort Santiago de Compostela.
Bild: Matthias Schafer

“Ich habe den Weg am Todestag meiner Ehefrau in Angriff genommen.” Diese Worte stammen von einem englischen Pilger in den Sechzigern. Er steht mir im Pilgerbüro in Santiago de Compostela gegenüber. Nach der langen Reise ist er sichtlich überwältigt von den Emotionen. Darum geht es beim Pilgern: um die Konfrontation mit seinem Leben in der Vergangenheit, in der Gegenwart und vielleicht auch in der Zukunft. Über den berühmten Jakobsweg wurden bereits viele Bücher, Blogs und andere Beiträge verfasst, selbst Filme findet man dazu.

 

Die Pilgerrouten, welche kreuz und quer durch Europa führen, visieren alle dasselbe Ziel an: Santiago de Compostela, eine unscheinbare 90’000-Seelenstadt im äusseren Nordwesten der Iberischen Halbinsel. Hier arbeite ich seit zwei Monaten im “Oficina do Peregrino”, der Anlaufstation für die Ankömmlinge nach dem Gottesdienst in der Kathedrale.

 

Rush-Hour im Pilgerbüro

Warm und trocken fühlt es sich an im Pilgerbüro mitten im alten Stadtkern von Santiago de Compostela. In dem engen Raum reiht sich Schalter an Schalter, Mitarbeiter an Mitarbeiterin. Dieses Bild vervollständigt sich an diesem Tag mit triefend nassen, in langen Regenjacken gekleideten, jedoch meist glücklich lächelnden Menschen, welche die einige hundert, wenn nicht sogar tausend Kilometer lange Strecke hinter sich gebracht haben.

 

Der Lärmpegel ist hoch, es geht stressig zu und her. “Zu Beginn des Sommers gehen hier täglich etwa tausend Menschen ein und aus”, sagt ein Koordinator des Büros. Kein Wunder, dass die Schlange aus dem Treppenhaus durch den Innenhof bis auf die Gasse hinausreicht. Besonders an Pfingsten herrscht Hochbetrieb im Pilgerbüro: Viele Besucher, welche vor einigen Minuten noch in der Kathedrale gleich um die Ecke den für sie gehaltenen Gottesdienst mitverfolgt haben, strömen nun in Scharen zur letzten Etappe ihrer aussergewöhnlichen Reise.

 

Nach dem Pilgern ist vor dem Pilgern

Oder zur vorletzten. Denn vielleicht ist es der Drang nach der Weiterreise, womöglich sind es aber auch touristische Beweggründe, weshalb die Pilger nach dem Besuch im Pilgerbüro ans sogenannte “Ende der Welt” aufbrechen. Dabei handelt es sich um die früher in der Schifffahrt berüchtigte Bucht Finisterro am Atlantik, in der Pilger ihre abgenutzten Kleider verbrannten. Heute zieht es fast die Hälfte der Reisenden aus Santiago in die Bucht weiter –  wohl zur Reflexion über die vergangene Reise.

 

Während sich die Wartenden draussen in Geduld üben müssen, haben die Angestellten im Innern des Büros alle Hände voll zu tun. Meist vervollständigen sie einen auf hellbeigem Papier gedruckten Text mit dem lateinischen Namen des jeweiligen Pilgers und überreichen ihm die offizielle Urkunde, genannt “Compostela”. An Schalter 4 juchzt ein junger Japaner. Ob es die Freude ist über den Erfolg, oder die Trauer darüber, das Ende des Weges erreicht zu haben – die Gründe für die emotionalen Ausbrüche sind so individuell wie die Biographien, welche die Pilger mit sich tragen.

 

Von Freud und Leid

Viele nutzen jedoch bereits den Moment der Übergabe der Urkunde als eine Art Rückblende und sprudeln all ihre Erlebnisse wasserfallartig in Erzählungen hervor. “Die Leute kommen aus allen Herren Ländern. Ich habe Bekanntschaft gemacht mit Wanderern aus den Vereinigten Staaten, Lateinamerika und Südkorea”,  erzählt ein Gast aus Deutschland voller Stolz.

 

Blasen an den Füssen, unerträgliche Knieschmerzen und volle Herbergen seien vielfach jedoch die Kehrseite der Medaille, da sind sich die meisten Pilger einig. Doch dann gibt es eben auch diese Lebensgeschichten, bei denen man Gänsehaut bekommt. So wie jene des älteren Herren aus Dänemark, der an zystischer Fibrose leidet und  trotz Warnungen seines Arztes nach Santiago losgelaufen ist. “Ich wollte ein Zeichen setzen, den leidenden Menschen Hoffnung machen. Und ich bin angekommen”, sagt er.

 

Geschichten wie Letztere sind die eigentlichen Gründe, welche mich dazu motivieren, die Arbeit im Rahmen eines Volontariats im Pilgerbüro jeden Tag aufs Neue aufzunehmen. Zwar können mich die teilweise sehr emotionalen persönlichen Erlebnisse der Pilger eine gehörige Portion an Nerven kosten. Aber die Begegnungen mit Menschen verschiedenster Religionen, Nationalitäten und Alter wirken bereichernd. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis man auch mich mit Wanderrucksack und Pilgerstock durch die hügelige nordspanische Landschaft trotten sieht.