Kultur | 15.05.2012

“Wir bereuen nur wenig und planen auch nur sehr wenig.”

Text von Martin Sigrist | Bilder von Martin Sigrist
Nach acht Jahren Pause sind Lamb wieder auf Tour und mit ihnen ein neues Album. Tink.ch traf das britische Duo, bestehend aus Lou Rhodes und Andy Barlow in der Schüür in Luzern und sprach mit ihnen über Unabhängigkeit von grossen Marketing-Firmen und die Toilette im Tourbus.
"Früher war ich völlig anders auf der Bühne". Lou Rhodes (links) von Lamb. In Skandinavien wurde es zu kalt für die Tourbus-Toilette von Lamb.
Bild: Martin Sigrist

Wie geht’s euch?

Lou Rhodes: Uns geht’s gut, es ist ja auch nur eine kleine Tour, wir können dazwischen heimgehen. Es fühlt sich eher an wie bei den Festivals in Sommer wo wir auch nicht am Stück unterwegs sind.

Andy Barlow: Ja, wir paddeln eher als zu touren. Das gleicht mehr Ferien als einer Tour.

 

Ist das für euch eine Veränderung?

Rhodes: Nein, es war immer ein bisschen von beidem.

Barlow: Es gibt Vor- und Nachteile bei beidem. Bei Festivals kannst du nach ein paar Tagen wieder heim, dich erholen und raus gehen. So kann ich die Kinder sehen und mich um den Garten kümmern, einfach normale Dinge tun. Auf Tour sind wir länger weg von zu Hause, dafür werden die Shows richtig gut weil wir jeden Abend spielen. Und neulich waren wir in Skandinavien unterwegs. Bei minus 20 Grad ist uns die Toilette im Tourbus ist eingefroren.

 

Gartenarbeit zu Hause zwischen den Konzerten, das klingt nicht nach Rock’n’Roll.

Rhodes: Ich wundere mich manchmal, wie sich die Leute das Bandleben vorstellen. Es gibt zwar Rock’n’Roll-Momente, aber wir sind momentan ganz entspannt. Sonst wären wir wohl nicht mehr da, weder als Band noch als Menschen.

Barlow: Wir haben schon Party, aber Lamb gibt’s seit 17 Jahren und wenn du die ganze Zeit Rock’n’Roll machst, dann bist du erledigt, so was kannst du nicht mehr als ein paar Jahre machen. Aber wir hatten schon Rock’n’Roll, das kann ich bestätigen.

 

Letztes Jahr erschien nach acht Jahren Pause euer fünftes Studioalbum. Habt ihr diesen Schritt mal bereut?

Barlow: Wir bereuen nur wenig und planen auch nur sehr wenig. Wir sind 2009 zusammen gekommen um ein paar Shows zu spielen. Es sollten 5 oder 6 sein, daraus wurden 30. Das war ein guter Test für uns, der gezeigt hat, dass wir mehr Shows spielen wollten. Wir spielten noch immer sehr gerne zusammen. Es war auch schon früher toll und hat Spass gemacht, aber nicht dauerhaft. Wir haben uns damals gegenseitig verrückt gemacht. In der Zwischenzeit haben wir uns verändert und sind so wieder zusammen gekommen. Wir fühlen uns beide besser, irgendwie an einem anderen Ort.

Rhodes: Wir brauchten damals die Trennung, um Abstand zum Projekt Lamb zu bekommen. In der Zeit haben wir beide unsere eigenen Dinger gemacht, ich war viel mit akustischer Musik unterwegs, Andy ist gereist und hat Kinder bekommen. Wir sind jetzt beide woanders. Nach vier Alben und zehn Jahren bei einem grossen Label wurde vieles zur Pflicht. Das ist jetzt besser. Jetzt sind wir hier wieder als Lamb, aber aus freier Wahl.

 

Seid ihr jetzt unabhängiger?

Rhodes: Ja, wir machen jetzt alles selber, was Vor- und Nachteile hat. Wir müssen nicht mehr kreative Kompromisse eingehen, was wohl damals das Schlimmste überhaupt war.

 

War das fünfte Album mehr nach euren Wünschen?

Barlow: Definitiv. Beim ersten Album wurden wir noch alleine gelassen, denn das Label hatte noch keine Erwartungen an uns. Aber sobald der Erfolg eingesetzt hatte, kamen die Erwartungen; Charts und all die Dinge kamen ins Spiel. Das kam langsam, zuerst war es mit dem Label noch wie Flitterwochen, dann kam das grosse Geschäft. Die dachten sich dann, sie könnten uns mit dem Produzenten zusammen tun, unsere Musik für jeden Film brauchen. Wir fragten uns in der Zeit, ob die Leute beim Label unsere Musik überhaupt kannten. Wir können jetzt so unabhängig sein weil wir so eine gute Fan-Basis haben, die in uns investieren, die haben auch unser neustes Album finanziert.

 

Was war denn das Beste an dieser neuen Freiheit?

Barlow: Beispielsweise war der Release des Albums “Fear of Force” drei Monate verspätet weil das Label das Sechseck auf dem Coverfoto kleiner haben wollte. Drei Monate Verspätung. Solche Entscheidungen sind doch lächerlich. Wir entscheiden jetzt alles selber.

Rhodes: Wir machen jetzt alles selbst. Ich habe das Artwork gemacht, Andy die Produktion. Aber zwei Wochen vor der Deadline war noch so viel zu tun – das ist der Preis den wir für die Unabhängigkeit bezahlen müssen. Aber es hat sich sehr gelohnt. Nun zu deiner Frage. Es ist nicht einfach ein kreatives oder musikalisches Etwas, das wir jetzt tun konnten, seit wir unabhängig sind. Es ist eher ein allgemeines Gefühl, einfach eine völlig offene Palette zu haben. Wir können jetzt sagen wie es klingen soll. Es gibt keine Labelfragen mehr, wie: Wo ist die Single? Grosse Musikfirmen haben da eine sehr enge Sicht.

Barlow: Ja, wenn es auf Radio One gespielt wird, dann ist es eine Single. Aber dieses Radio ist so furchtbar, das kann ich mir nicht anhören. Da wollen wir gar nicht gespielt werden.

 

Lou, im Vorfeld deiner Solo-Tour vor zwei Jahren in Zürich, hast du gesagt, dass du nur mit Lamb weitermachen möchtest, wenn es etwas Neues gibt. Was war das Neue, das dich überzeugt hat?

Rhodes: Wir haben immer gesagt, dass Lamb etwas neues zu sagen haben muss. Wir haben uns 2004 getrennt und wussten damals nicht, wohin es mit uns geht. Wir wollten einfach nicht so weitermachen. Zuerst brauchst du dieses Gefühl im Bauch, dass es weiter gehen soll. Diese Gefühl hat uns dann wieder motiviert, als wir an dem neuen Album gearbeitet haben. Das musst du fühlen, nicht denken. Das meinten wir mit diesem neuen Ding, was wir neu zu sagen haben.

 

Wie war’s mit den Fans beim Erscheinen des neuen Albums?

Barlow: Du denkst, dass dich die Fans nach einer solch langen Pause und ohne Album verlassen, aber die kamen sehr schnell wieder. Es war fast gleich wie damals zur Zeit, als wir aufgehört haben. Es kommen aber auch immer wieder Leute zu unseren Konzerten, die uns noch nie gesehen haben.

Rhodes: Es kommt drauf an, in neuen Ländern natürlich schon. Das ist toll, dass wir auch jetzt nach so vielen Jahren noch neue Länder besuchen können.

Barlow: Als wir mit Lamb angefangen haben, gab’s noch keine Social Networks, die Leute haben uns kennen gelernt, weil sie ein Video von uns auf MTV gesehen haben. Jetzt sind die Medien 24 Stunden präsent. Auch als wir in der Zeit nichts gemacht haben, hat Lamb doch weiter existiert, und auch weiter neue Fans gefunden. Es kommen immer noch junge Leute zu unseren Konzerten.

Rhodes: Es ist toll, dass wir das noch haben können.

 

Seid ihr immer noch das verrückte Paar auf der Bühne, Lou ruhig, Andy die Partymaus?

Barlow: Wir sind sehr unterschiedlich, Lou ist eher zentriert, ich einfach frenetisch, so waren wir aber schon immer. Wir haben diesen Unterschied dann sehr oft hinter der Bühne ausgetragen, waren sehr gemein zueinander, was eigentlich nicht nötig war. Jetzt akzeptieren wir uns gegenseitig.

 

Wie ist das mit den zwei Gesichtern, hinter und auf der Bühne?

Rhodes: Das ist wohl ein Ding. Früher war ich völlig anders auf der Bühne. In den Jahren meines Soloprojektes habe ich gelernt, dass ich keinen so grossen Unterschied haben möchte zwischen mir hinter und auf der Bühne. Ich fühle, dass es jetzt nicht mehr einen so grossen Unterschied gibt.

 

Andy, machst du immer noch die Publikums-Animation?

Rhodes: Er ist immer ganz aufgewühlt.

Barlow: Ja, sicher, Shows sind energetische Extreme. Ich möchte nicht ein Konzert sehen, wo die Band alles wie auf dem Album spielt. Das muss intensiv sein, der Musiker muss drin sein, selbst ein DJ. Auch wenn seine Musik gut ist, ist der Auftritt flach wenn er nicht voll drin ist. Wir möchten jede Show so spielen, als wäre es unsere Letzte.

 

Ihr sagt, wie wenig ihr plant. Trotzdem die Frage: Wie geht es mit euch weiter?

Rhodes: Also ein bisschen planen wir schon. Wir haben über das nächste Album gesprochen.

 

Es kommt also eins?

Rhodes: Es scheint so, ja. Wir haben noch nicht damit angefangen, aber wir haben interessante Pläne. Wir sind noch nicht bereit, der Welt davon zu berichten, aber wir werden dafür reisen und nicht im Studio arbeiten. Es wird im Herbst sein, wir warten noch auf Tour-Daten.

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