Sport | 30.05.2012

Über Raufbolde, Gesellschaftsspiele und Repression

Text von Diego Moresi | Bilder von kurzpass.ch
Aktionen und Gegenaktionen zwischen Polizei und Fangemeinschaften an Sportveranstaltungen ist zu einem Dauerthema in den Medien verkommen. FCZ- und FCB-Fans demonstrierten anfangs Mai Einigkeit gegen die zunehmende Repression. Die Zeit zum Umdenken ist gekommen. Ein Kommentar zum Saisonabschluss.
So sieht das Stadion mit Fans aus. Südkurve am 6.5.2012 mit einer Choreografie zu Beginn des Knüllers gegen Basel. ... Und so schauts aus, wenn die Fans dem Theater mit der Polizei bei Fussballspielen den Rücken zukehren. Fangruppierungen verlassen aus Solidarität ihre Kurve... ... und hinterlassen bloss ein Transparent. Heiko Vogel, Trainer des FCB, ist nicht der einzige, der diesem Spiel nichts abgewinnen kann. Höhnische Präsentation des polizeilichen Einsatzplanes von der Muttenzerkurve in Basel eine Woche darauf. Laut Tagesanzeiger wurde das Einsatzdispositiv geklaut und zu einer Choreografie verarbeitet.
Bild: kurzpass.ch

Viele Tore. Verwertete, verschossene und gehaltene Penalties. Ein konzeptloser Schiedsrichter. Rudelbildung. Und eine rote Karte. Eigentliche sind das beste Voraussetzungen für ein packendes Fussballspiel. Und doch gibt es nur einen korrekten Vergleich: Es war das langweiligste Spiel seit Schweiz gegen Spanien an der WM 2010.

 

Was ist passiert?

FCZ-FCB, 6. Mai 2012. Basler Fans reisten teils mit dem Zug, teils mit einem Autokorso ans Spiel. Zweitere wurden beim gemeinsamen Marsch zum Stadion von der Polizei eingekesselt und sahen sich einem Aufgebot gegenüber, das russische Präsidentenwahlen beinahe in den Schatten stellt. Erinnert an den “Kessel von Altstetten” von 2004, bei welchem knapp 500 Fans unter gleichen Bedingungen und rechtsstaatlich höchst umstrittenen Methoden präventiv verhaftet und verhört wurden – Teenies, Frauen, normale Männer –, entscheiden sich die Basler zu der friedlichsten Aktion, die einer Situation wie dieser möglich ist: sie fahren wieder heim. Und zwar genauso, wie sie es beim letzten Städtederby im Herbst zuvor schon taten. Aus Solidarität und um Zeichen gegen übertriebene Repression gegen eine kleine Randgruppe der Gesellschaft zu setzen, stimmte auch die Zürcher Südkurve in den Support-Boykott mit ein und verliess ebenfalls geschlossen ihren Sektor. Das Spiel selbst fand natürlich statt. Aber es herrschte null Stimmung, null Emotionen kamen auf und die Leute schauten bereits in der ersten Halbzeit, als der FCZ dem Gegner noch einigermassen Paroli bot, gelangweilt.  Vor dem inneren Auge kullerte bei manch einem wohl ein Grasbüschel vor Augen her. Unterbrochen wurde diese gähnende Stille nur von verteilten Klatschkarton, die sporadisch ein solch monotones Geräusch erzeugten, dass Vuvuzelas hingegen wie eine Symphonie der Abwechslung wirken.Gerade an solchen Spielen merkt man, dass Fussball ohne Kurvenstimmung nicht dasselbe ist.

 

 

Zwei diametrale Fronten

Wie immer gibt es zwei Seiten der Medaille. Und das ist in diesem Fall die Sicht der Polizei und diejenige der Fanlager. Liest man die Pressemitteilung der ersteren, kriegt man das Gefühl, es herrsche eine Untergangsstimmung wie im Kalten Krieg, Um 17:00, pünktlich zum Anpfiff der zweiten Halbzeit, gab es bereits die passende Medienmitteilung dazu. Und diese war voll des Lobs für den Einsatz der Staatsmacht, für dessen Notwendigkeit und Durchsetzung. Auf Nachfrage beim Polizeidepartement Zürich wurden alle marschierenden Fans – teils Vermummte mit Feuerwerk – auf der Duttweilerbrücke angehalten und einer Personenkontrolle unterzogen.  Augenzeugen bestätigen die Einkesselung und Befragung der ganzen Gruppe. Das scheint eine ganz vernünftige Polizeiaktion und natürlich können saufende und zündelnde Raufbolden nicht einfach anarchisch durch die Häuser ziehen. Natürlich ist die Polizei an eine Überwachung der Situation gebunden. Doch dazu stellen sich zwei Fragen: War der Einsatz verhältnismässig und bestand dieser “Pulk” (PD Zürich) wirklich nur aus meuternden Trinkern, so dass eine kollektive Befragung gerechtfertigt wäre. Zweiteres stimmt natürlich nicht, wie auch auf Bildern der Tageswoche zu sehen. Natürlich sind gerade bei einem Autokonvoi auch Mütter, Väter, Kinder – gute Menschen halt – dabei. Seitens Fanlager schreibt man von einem übertriebenen Polizeieinsatz und gewaltlosen, gemeinsamen Protestaktionen.   Süd- und Muttenzerkurve sind sich ja nicht gerade wohlgesinnt wie ein eingespieltes Ehepärchen. An diesem gemeinsamen Protest erkennt man, wie ernst es den schweizerischen Fankurven um ihre ganz eigene Kultur ist. Die werden das nicht einfach aufgeben.

 

Lösung eines gesellschaftlichen Problems

Wie wird dieses Problem zwischen Staat und Subkultur gelöst? Jugendliche brauchen immer Platz, um sich zu entfalten. Manche spielen Musik. Andere gehen gerne gemeinsam aus. Und es gibt solche, die unterstützen Wochenende für Wochenende ihre Mannschaft, egal wo sie spielt. Nicht erst seit dem Konkordat der KKJPD aus dem Jahr 2007 legte die Staatshand eine härteren Gang gegen letztere ein und versucht jegliche Auswüchse der Fangemeinschaft zu unterdrücken, ohne sich scheinbar gefragt zu haben, ob dies ein langfristig wirksamer Weg ist. Wohin Repression im schlimmsten Fall führen kann, erlebte auch Zürich 1980-82, als es brannte. Nicht, dass diese Zeiten wieder kurz bevor stehen, aber zu starke Beengung führt zu Radikalität. Genau wie bei einer Hornisse, die man zu erschlagen versucht. Egal ob man das Viech schlussendlich erwischt, man kann sich mächtig weh tun dabei. Gelernt scheint in der heutigen Politlandschaft allerdings wenig. Alle die Karin Keller-Sutters in der Schweiz beschwörten aus egoistischsten Motiven der eigenen Popularität schon die Apokalypse durch Fangewalt. 2012 geht scheinbar die Welt wegen Fussballfans unter und gar nicht wegen irgendwelchen Maya-Prophezeiungen. Der Polizeieinsatz an diesem Spiel kostete laut PD Zürich 250’000 Franken. Sogar ein Einsatz von Überwachungs-Helikoptern wird von den Behörden nicht verneint. Einflussreiche Politiker sollten sich gut überlegen, ob kreisende Hubschrauber und Kosten von einer Viertelmillion wirklich noch der richtige Weg sind, um einem gesellschaftlichen Minoritätenphänomen zu begegnen. Diskussion statt Repression wäre möglichweise ein gangbarer Pfad. Und sicherlich auch billiger.

Es ist ein Irrglaube zu denken, der Fussballfan hat von Grund auf böse Absichten. Alleine schon in ihrem Engagement und ihrer Kreativität für Choreografien ist das an jedem Wochenende zu sehen. Und sind wir mal ehrlich: Was ist denn die Schweizer Superliga schon ohne diese farbige, feurige und lautstarke Stimmung in den Stadien? Sicherlich nicht spannender.