Kultur | 22.05.2012

Schrottautos in der Lokremise

Text von Céline Fäh | Bilder von Tine Edel
Das Theater St.Gallen präsentiert ein Schauspiel nach der Novelle von Heinrich von Kleist, bearbeitet von der Regisseurin Katja Langenbach. Ein Stück, das begeistern aber auch befremden kann und auf seine Weise zu faszinieren vermag.
Der Aktualitätsbezug wird nahegelegt. Doch er fällt nicht leicht. Das Bühnenbild zeigt verschrottete Autos.
Bild: Tine Edel

Bei Michael Kohlhaas dreht sich alles um die Frage der Gerechtigkeit. Dem Rosshändler werden die Pferde, welche er als Pfand zurücklassen musste, misshandelt. Daraufhin reicht Michael Kohlhaas eine Klage ein, welche allerdings nicht beachtet wird und schliesslich verliert auch seine Frau das Leben als sie ihm helfen will. Michael Kohlhaas, ein immer rechtschaffener Bürger, sieht seine Welt in Trümmern, er fühlt sich hintergangen von der Obrigkeit, der er vertraute, und schwört Rache. Er beginnt damit, Städte anzuzünden und fügt vielen Menschen grossen Schaden zu. Doch ist diese Selbstjustiz der richtige Weg zur Gerechtigkeit?

 

In der Inszenierung von Katja Langenbach spielt die angerichtete Zerstörung eine grosse Rolle. Das Bühnenbild (Hella Prokoph) besteht aus ausgebrannten Autos, die Schauspieler (Hanna Binder, Romeo Meyer, Alexander Pelichet und Julian Sigl), welche die Geschichte nacherzählen überzeugen, die Charaktere sind von Beginn an von der Katastrophe gezeichnet. Der Aufführungsort, die Lokremise, trägt zu dieser speziellen, unheilvollen Atmosphäre bei.

 

Chaos im Theater

Das Spezielle an der Inszenierung liegt auch darin, dass sie sehr abwechslungsreich ist. Die Schauspieler haben keine festen Rollen, sondern spielen mal aktive Personen, dann wieder den Erzähler, Statisten, und wechseln während des Stücks auch mal ihre Personen. Zudem wird das Stück hin und wieder musikalisch begleitet, ob nun durch das Geräusch einer fahrenden Kutsche oder durch ein liebevoll gesungenes Duett (Musik: Roderik Vanderstraeten).

 

Es ist ohne Zweifel ein Stück der speziellen Art, in dem wenig Wert auf Sauberkeit und Ordnung gelegt wird. Feuer brennt, die Gitarre kreischt, das Auto wird lautstark malträtiert und die Schauspieler erinnern einen manchmal an Figuren aus dem Gruselkabinett. Dazu sind manche Szenen so schockierend inszeniert, dass der Zuschauer sie schlichtweg nur abscheulich findet.

 

Zwischen Aktualität und Vergangenheit

Obwohl besonders das Bühnenbild einen Aktualitästsbezug nahelegt, fällt es schwer, die Geschichte aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart zu übersetzen. Der Grund könnte in der Absurdität der ganzen Szenerie liegen.

 

Michael Kohlhaas ist insgesamt besonders empfehlenswert für alle, die nicht nur eine «schöne« Theaterinszenierung spannend finden, sondern sich auch mit den Abgründen der Menschen und einer brisanten Thematik auseinandersetzen möchten. Als am Schluss die Schauspieler das Stück beenden, indem sie durch den Notausgang ins Freie treten, bleibt die zentrale Frage der Gerechtigkeit hängen. Das auffallend gemischte Publikum honorierte die hervorragende schauspielerische Leistung mit einem nicht enden wollenden Applaus.