Kultur | 02.05.2012

Nachdenklich und doch bestimmt

Text von Chiara Nauer | Bilder von Chiara Nauer
Eine Karte nach der Anderen wird gezogen. Kurze Schweigeminuten und dann ein Schwall aus Worten. Worte, die nicht immer einfach zu verstehen sind. Worte aber, die uns einen kleinen Einblick in das Denken des 34-jährigen Berner Rappers Greis gewähren.
Greis: "Ungerechtigkeiten und falsche Anschuldigungen machen mich wütend!"
Bild: Chiara Nauer

1. Was würdest du gern besser können?

Definitiv Rechnen! Seit meiner Schulzeit ist das eine Sache, die ich als schwierig betrachte. Ich habe sogar eine gewisse Ehrfurcht davor. Denn jetzt habe ich den Salat: Steuererklärung, Rechnungen und allgemein die Buchhaltung warten darauf, gemacht zu werden und wenn diese Fähigkeit nicht so stark vorhanden ist, macht das alles viel komplizierter.

 

2. Beschreibe die grösste Ironie des Lebens:

Uns geht es materiell so gut wie noch nie und trotzdem sind eine Menge Menschen traurig, unzufrieden und unwissend. Niemand hatte bisher so viel wie wir. Genau das lässt die Bevölkerung erstarren und hilflos werden.

 

3. Was macht dich so richtig wütend?

Ungerechtigkeit und falsche Anschuldigungen.

 

4. Wie definierst du Ungerechtigkeit?

Wenn jemandem etwas zustösst, das nicht dessen Selbstverschuldung ist. Und wenn man dann die Konsequenzen der anderen tragen muss.

 

5. Ist deiner Meinung nach der Mensch vor Natur aus gut oder schlecht?

Das ist eine Glaubensfrage. Und Glauben ist wiederum eine Überzeugung. Meine persönliche Einstellung dieser Frage gegenüber ist durchaus positiv. Dank dem Menschen gibt es viel Gutes, ebenso wie Schlechtes, wobei das Gute aber überwiegt. Ansonsten wären wir ja alle depressiv. Eine schlechte Person ist in meinen Augen jemand, der sich immer als Erstes das grösste Stück des Kuchens abschneiden muss, weil er in der Angst lebt, dass nicht genügend für ihn da ist. Oder jemand, dessen letzte Handlung böse Absichten bezwecken. Denn die letzte Handlung, genau die vor dem Tod, definiert uns. Auch eine, wie vorhin erklärte, “schlechte Person”, kann alles in den letzten Lebenstagen noch ändern. Schliesslich ist ein gewisser Lerneffekt vorhanden. Genau diese Lernfähigkeit bis in hohe Alter ist auch das Einzige, was uns von Tieren unterscheidet.

 

6. Glaubst du, dass ein bestimmter Gegenstand Glück bringen kann?

Nein, dass ist nur eine Illusion. Die ist auf Begierde zurückzuführen, welche sowieso schöner ist als der Besitz selbst. Ein gutes Beispiel: Als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich einiges, konnte es mir aber nicht leisten. Dann sagte ich mir immer, dass ich das kaufen werde, wenn ich mal gross bin. Das habe ich schlussendlich auch getan und hatte eine grosse Freude daran. Doch der Wunsch danach beflügelte meine Glücksgefühle mehr. Die materialistischen Phasen hatte ich immer wieder und ebenso die Gegenteiligen. Momentan bin ich in einer Phase, in der ich im Moment lebe und zufrieden bin mit dem, was ich besitze. Ich muss nicht ständig nach etwas suchen oder etwas nachrennen. Und meiner Überzeugung nach, kann ich so auch besser gedeihen, obwohl ich denselben Lohn wie vor vier Jahren erhalte.

 

7. Kann man anhand des Musikgeschmacks über den Charakter einer Person urteilen?

Nein. Ich kenne jede Menge friedlicher Leute, die harte und aggressive Musik hören und umgekehrt. Dasselbe ist es mit dem Beruf. Daraus kann man keine Rückschlüsse auf den Charakter ziehen. Das sichtbarste Merkmal ist die Eitelkeit. Wie sehr sich eine Person um die Fremdwahrnehmung schert. Wenn man diese Eitelkeit loswird, geniesst man die absolute Freiheit. Ich selber bin auch immer noch eitel. Sicher weniger als auch schon, aber ganz weg ist die Eitelkeit nicht. Sie ist gewissermassen eines meiner Hobbys. Sie hat etwas Kulturelles und Spannendes. Und das muss nicht bedeuten, dass man eine Gruppe schubladisiert, die spezieller angezogen ist.  Man kann sich auch einfach nur am Anblick ergötzen wie zum Beispiel am Lippenteller des äthiopischen Volks Mursi.

 

 

Das Spiel


Tink.ch-Reporterin Chiara Nauer hat dem Berner Rapper Greis Fragen gestellt, die zufällig durch das Gesellschaftsspiel “Diskussionsstoff” definiert wurden.