Gesellschaft | 21.05.2012

Mein neues Sommer-Ich

Aus dem provinziellen Bern in die Grossstadt London. Eine Tink.ch-Reporterin versucht ihren Platz zu finden und ein bisschen "crazy" zu werden. In der Stadt der Trends und der Mode gehört dazu erst einmal eine neue Frisur.
Punkto Style sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Londoner Studenten in einer Bar.
Bild: Mirjam Läderach Die Fotographin hat beim Friseur den ersten Schritt zur Ausgefallenheit gewagt. Mit Färben wartet sie lieber noch ein bisschen.

London – eine Weltstadt und mein Zuhause für die nächsten vier Monate. Als Aupair lebe ich bei der fünfköpfigen Familie Allilaire, ursprünglich kommen sie aus Frankreich. Im östlichen Teil der Stadt, nahe des neu entstandenen Olympiaparks. Die Gegend macht einen etwas tristen Eindruck auf mich: Haus an Haus, braune Backsteine soweit das Auge reicht. Ab und zu aber sorgt ein nettes trendiges Café, eine kleine Kunstgalerie oder ein Marktstand mit frischem Obst und Gemüse für einen Spritzer Farbe und Frische. In der Familie habe ich mich gut eingelebt. Herzlich haben sie mich willkommen geheissen und alle geben sich Mühe, damit ich mich wohl fühle.

 

Ein Sommer lang Londonerin sein

In den Strassen von London fühle ich mich noch nicht in demselben Masse zu Hause. Nicht, dass ich an meinem Orientierungssinn zweifeln müsste, auf den ist Verlass. Es ist ein Gefühl von Fremdsein, welches ich noch nicht abschütteln konnte. Irgendwo zwischen alten Ladys in gerade geschnittenen Röcken und Blazern, die sorgfältig und die kleinen Finger abspreizend ihre Teetasse zum spitzen Mund führen, Männern in Anzügen, die nach Feierabend zu Massen in lokalen Pubs mit einem Pint Ale in den Händen anzutreffen sind, und zwischen Studenten und Schülerinnen in Uniformen versuche ich meinen Platz in der grossen Stadt zu finden. Mein höchstes Gebot dabei: Nicht als Touristin aufzufallen. Ich möchte mich einen Sommer lang rundum “englisch” und wie eine echte Londonerin fühlen: Mit englischem Akzent sprechen, englisch aussehen, mich englisch bewegen und kleiden.

 

London ist bekannt für gewagte, extravagante Mode. Es wird experimentiert mit andersartigen Zusammenstellungen, Stilbrüchen, mutigen Farb- und Muster-Kombinationen. Auch die Köpfe sind mit ausgefallenen Frisuren, knalligen Farben und klare Linien geschmückt – grundsätzlich sind der Kreativität und Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wer in Berns schmalen Gassen mit trendigem Style und frecher Frisur aus der Reihe fällt, der würde in der Masse von London vielleicht untergehen.

 

Schritt 1: neue Frisur

Meine Haare schreien schon seit Wochen nach Hilfe, nach einem neuen Schnitt, einer frischen Farbe – nach einer Veränderung. Nun ist der beste Ort und Zeitpunkt gekommen, etwas zu wagen, wegzukommen von der typisch schweizerischen Bescheidenheit und Zurückhaltung, oder fürs erste, immerhin nicht danach auszusehen. Also gebe ich die Macht über meine Haare in die Hände eines Profis. Indem ich beim Termin als Haarmodel in einem bekannten Salon erscheine, gehe ich den ersten Schritt in Richtung meines neuen, englischen Sommer-Ichs. Was ich nicht gewusst habe: Viel habe ich bezüglich meines Haarschnitts nicht mitzureden. Nachdenklich wuschelt der Starfriseur mir durch die Haare, zupft hier und da, kämmt alle Haare auf die rechte, dann auf die linke Seite, und präsentiert mir schliesslich mit Freude seine Idee. “Gut?”, fragt er. Überrumpelt, kommt mir lediglich ein knappes “Ehm, ja” über die Lippen, unsicher, ob ich richtig verstanden habe, was er mit mir vorhat.

 

“Too much” Violett für den Anfang

Schon beginnt er mit geübten flinken Handgriffen zu schnippeln. Scharf klingt das “Schnipp-Schnapp” in meinen Ohren und im Augenwinkel sehe ich lange Haarsträhnen zu Boden fallen. Ich erschrecke, als mir bewusst wird, wie kurz meine Haare im Nacken nun sein müssen: nicht viel mehr als eine Fingerbreite. Hilfe! Ein ungutes Gefühl schleicht sich ein, vergeht aber schnell wieder, als ich sehe, wie die Frisur langsam Form annimmt. “Schaut euch diesen wunderbaren Haarschnitt an!”, ruft der Friseur und präsentiert stolz sein fertiges Kunstwerk. So bin auch ich überzeugt, dass er das Beste aus meinen Haaren herausgeholt hat. Die neue Farbe verschiebe ich aber lieber auf eine andere Woche. Die Dame am Empfang schreckt mich dann doch zu sehr ab, als sie sagt: “Keine Sorge Honey, das Verrückteste, was wir machen, ist etwa das hier…”, und zeigt dabei auf ihre Kollegin mit, oh Schreck, knallviolettem Haarschopf. Ziemlich verrückt in meinen Augen, oder “too much” für den Anfang. So schnell ich kann, lasse ich mir meine Jacke reichen und verlasse den Salon. Vielleicht brauche ich noch ein paar Tage englische Luft, bevor ich diese schweizerische Zurückhaltung abschütteln kann.

 

 

Aupair in London


Mirjam Läderach tauscht ihre Heimatstadt für vier Monate mit dem Mikrokosmos London. Nächstes Mal berichtet die Berner Maturandin von den Feiern des 60. Thron-Jubiläums der Queen.