Kultur | 29.05.2012

Erkältungstee vor der grossen Show

Die Plattentaufe gilt als Meilenstein in einer Musikerkarriere. Wie bereitet sich eine Hiphop-Band darauf vor und welche Probleme können aus dem Nichts auftauchen? Tink.ch blickte der Luzerner Crew GeilerAsDu einen Tag lang über die Schultern und lernte dabei den Jargon der Szene kennen.
Jedes Detail am Auftritt zählt. Luzi, Mike, Fabio (v.l.n.r.), auf der Bühne: Kim und Fabrizio. Die Nebelmaschine wird getestet und macht noch viel zu viel Lärm. Schliesslich stimmt auch die Tonabmischung.
Bild: Michelle Stirnimann

“Kann mir mal jemand sagen, wieso ein Drummer so viel Platz braucht?” Gelächter. Es ist Samstag, kurz nach Mittag vor dem Konzertlokal Schüür in Luzern. Die drei Jungs von der Hiphop-Band GeilerAsDu (GAD) witzeln, sind gut gelaunt und erwarten viel vom heutigen Abend. Es wird ein Heimspiel, wenn sie hier am Abend ihre dritte CD “Flöchted” taufen. Seit mehr als fünf Jahren spielen GAD nun zusammen. “Es ist nicht unsere grösste Show, aber die bisher aufwendigste und strukturierteste”, sagt Luzi Rast. Er und Mike Walker werden mit dem Mikrofon in der Hand auf der Bühne stehen – zusammen mit Fabrizio Zihlmann alias Dj LUiG hinter den Plattentellern.

 

Um den roten Bus neben dem Backstagebereich tragen weitere sechs Männer Kabelrollen, Bierdosen, Buchstaben aus Styropor und Einzelteile eines Schlagzeugs in einen schmalen überfüllten Lift, der nach oben zur Bühne führt. Ein Hiphop-Team mit einem Schlagzeug? Das gibt es selten, doch für eine Plattentaufe lässt man die Normalität gerne mal zu Hause. Kim Allamand, Drummer der Band Alvin Zealot, wird das Trio heute unterstützen. Auf der neuen Scheibe findet sich gemeinsames Lied der zwei Luzerner Bands.

 

Routinierte Rapper

Draussen ist das schönste Wetter, warm und wolkenlos. Doch wir werden die nächsten Stunden im Konzertsaal der Schüür verbringen, bei künstlichem Licht und lauter Musik.

 

Ist alles Material auf der Bühne und das Bier kühlgestellt, beginnt der Aufbau: Was kommt wo und wie nahe aneinander dürfen die Schweinwerfer stehen? “Das Schlagzeug noch ein bisschen weiter rechts” – ach, machen wir es doch einfach im “Freaky style”. Alle packen mit an, jeder Handgriff sitzt. Ein abgestimmtes Team. Die Stimmung ist locker und familiär. In keinem anderen Lokal in der Schweiz würden die ganzen Aufbauarbeiten so locker und professionell unterstützt wie in der Schüür, meint Rapkollege Filthy Stitch.

 

14:30 Uhr. “Wir sind voll im Zeitplan!”, freut sich Fabio Gemperli, Manager der Band. Die Bühne steht und “es isch der Shit”. Übersetzt aus dem Rapperslang kommt dieser Ausdruck einem “sieht verdammt gut aus” nahe. Nun folgt der Soundcheck. Die Mikrophone werden getestet und die Lautstärke geregelt. Bei den ersten Beats, die Schlagzeug und Mischpult von sich geben, kommen die Emotionen: Ein Strahlen auf den Gesichtern der Crewmitglieder ist zu sehen, sie können sich nicht mehr zurückhalten, rappen mit und tanzen durch die Halle. Die Musik fliesst durch die Adern und es dauert nur wenige Minuten, da liegt man sich in den Armen. Erleichterung. Freude. Es kommt gut!

 

Lauter Nebel

Es folgt die Organisation von Details und Special Effects, denn auch der Einsatz eines Konfettiwerfers will geübt sein. Schlagzeuger Kim Allamand möchte neue Drumsticks, “aber die richtigen”. Der Zeitplan für den späteren Nachmittag und die Setliste werden backstage ausgehängt. Die Stimmung ist gemütlich. Eingehender wird diskutiert, ob die Lautstärke des Trockeneises dem Publikum zugemutet werden darf. Doch man entscheidet die Durchführung. Das Trockeneis wird später das Highlight des Abends sein.

 

Gelassen wirken sie, die Rapper. Keine Spur von Nervosität? “Noch nicht”, sagt Luzi Rast. “Erst später, wenn die Leute kommen…”.

 

Nun folgt die Hauptprobe. Es werden alle Songs in der Reihenfolge gespielt, die auch am Abend gilt. Auch bei der Übung und der wohl hundertsten Wiederholung eines Songs scheinen die Emotionen echt zu sein, die Gestik lässig, der Auftritt erstklassig. Manager Fabio macht sich Notizen zu jedem Stück. Zwei bis drei Übergänge werden wiederholt, während die Lichtshow bereits stimmt. Unterdessen wird der Lärm der Trockeneismaschine mit dem Beat abgestimmt: “Das zweite ‘Bääm’ war zuviel”, so die Rückmeldung von der Bühne. Die Show “wird dr Shit!”, ruft jemand, die Vorfreude steigt ins Unermessliche. Was wäre das Schlimmste, was nun passieren könnte? “Ein Systemabsturz des Laptops”, grinst Luzi Rast. “Über so etwas wird nicht geredet”, ruft der DJ lachend hinter dem Mischpult hervor.

 

Draussen vor der Schüür

16:20 Uhr. Heidi Happy, neben dem Solothurner Rapper Manillio ein Überraschungsgast des Abends, kommt zum Soundcheck. Die erfolgreiche Sängerin aus Luzern geht diese Woche auf Amerika-Tour, doch jetzt lässt sie es sich nicht nehmen, bei der Plattentaufe den gemeinsamen Song zu performen. Da die Datei auf dem Laptop bockt, sind die Scratching-Künste des DJs verlangt, oder wie Heidi Happy es ausdrückt: “Ein bisschen ‘Schh-schh’, dann kommt’s gut”. Während Luzi Rast das Stück für die Zugabe nochmals üben möchte, muss Mike Walker ein Interview geben. So springt der Manager Fabio Gemperli kurzum ein und gibt auf der Bühne seine Rap-Künste zum Besten.

 

17.10 Uhr. Die einzige Pause. Wer kann, geht schnell nach Hause, duschen, sich umziehen, stylen. Die Socken müssen vom Muster her zum Shirt passen, das Hemd zu den Schuhen. Die anderen bleiben backstage oder sitzen in der Sonne, trinken ein Bier und sprechen über Musik. Zusammen geht man noch die Gästeliste durch. Wer darf wie viele Leute einladen? Wer darf nicht vergessen werden? Der nächste Fixpunkt ist das gemeinsame Abendessen, draussen vor der Schüür. Nervös oder aufgeregt seien sie gar nicht, so der Tenor. Nur ein klein wenig angeschlagen – wegen den Pollen. Das grosse Thema am Tisch ist nicht das folgende Konzert, sondern der laufende Fussballmatch.

 

Türöffnung

Um 19.30 Uhr treffen grossgewachsene Männer mit grossem Sound im Gepäck ein. Support Act “Webba”, die den Stau zwischen Bern und Luzern geniessen durften, beginnen sogleich den Soundcheck. Auch die Berner freuen sich auf den Abend. “Wir sind ready und beginnen, wenn ihr es wollt!”, lässt der Frontmann verlauten. Gemütlich geniesst man noch einen Snack, spielt Tischfussball oder geht nochmals die Checkliste durch. Auf dem Programm steht einzig noch die Türöffnung um 20.30 Uhr. Dann füllt sich der Saal mit Menschen, es geht los. Jetzt werden sogar die Hiphopper merklich nervös. Noch ein kleiner Schlummertrunk vor dem grossen Auftritt, ein Erkältungstee, und dann:

 

Let the show begin, oder: “Es wird der Übershit!”