Gesellschaft | 08.05.2012

Eine Aktion so flüchtig wie Kony

Text von Andrea Grossenbacher | Bilder von Rade Jevdenic
In der Nacht vom 20. auf den 21. April sollten Plakate in Städten zahlreicher Länder angebracht werden, um für die Internetkampagne Kony 2012 zu werben. Unter anderem in Bern war am nächsten Tag fast nichts von der Aktion zu sehen. Tink.ch traf den Initiator der ersten Berner Facebookgruppe zu "Cover the night" und fragte ihn nach möglichen Gründen für das Scheitern.
Juan Failde im Interview mit Tink.ch-Reporterin Andrea Grossenbacher.
Bild: Rade Jevdenic

Am 5. März 2012 veröffentlichte die kalifornische NGO Invisible Children eine dreissigminütige Internetdokumentation mit dem Titel “Kony 2012”. Zwei Tage später hatten bereits mehrere Millionen Menschen weltweit das Video angeklickt. Darunter auch ein junger Berner: Juan Failde aus Bern, 23 Jahre alt, kriegte das Video von seinem Mitbewohner zugeschickt.

 

Mobilisierung über Facebook

“Ziemlich hart” findet Juan die Geschichte des ehemaligen Kindersoldaten Jacob. Diese wird im Film auf pathetische Art und Weise erzählt, umrahmt von weiteren Halbwahrheiten, die den Eindruck erwecken, Joseph Kony befinde sich immer noch in Uganda. Der Rebellenführer der Lord’s Resistance Army (LRA) wurde jedoch schon vor einigen Jahren aus dem Land vertrieben und soll sich zurzeit irgendwo im Sudan, Kongo oder in der Zentralafrikanischen Republik befinden.

 

“Es ist eine gute Idee, dass man den Film so gemacht hat, obwohl es darin an wichtigen Informationen fehlt”, meint Juan in Anspielung auf die manipulativen Methoden, Simplifizierung der Fakten und Emotionalisierung von Lebensgeschichten der Opfer. Noch am selben Tag rief er seine Freunde auf Facebook auf, an der “Cover the Night”-Aktion am 20. April teilzunehmen. In der Nacht von Freitag auf Samstag sollten die Unterstützer der Kampagne ihre Heimatstädte mit Plakaten, auf denen das Gesicht von Joseph Kony abgebildet ist, übersäen. So auch die Stadt Bern.

 

Ziel: “Wie bei einem Flashmob”

Zunächst sah es gut aus. Eine Woche nach dem Aufruf war Kony 2012 die grösste Internetkampagne aller Zeiten. Innerhalb kürzester Zeit hatte auch die Facebookgruppe in Bern unter der Leitung von Juan und seinem Mitbewohner bereits über fünfzig Mitglieder. Die Gründer schlossen die Gruppe, um zu vermeiden, dass zu viele Leute sich unverbindlich anmelden würden. “Ziel war es, die Gruppe geheim zu halten, wie bei einem Flashmob”, sagt Juan. Die Leiter bestellten bei der Organisation Invisible Children fünfhundert Plakate für hundert Schweizer Franken und planten die Zoneneinteilung für die Aktion in Bern.

 

Im Raum Bern entstanden in dieser Zeit drei Gruppen, die alle dasselbe Ziel verfolgten, nämlich Joseph Kony über Nacht berühmt zu machen. Die Macher der Kampagne selbst wollten vor allem Druck auf Politiker ausüben. Die Berner Gruppen hatten unterschiedliche Strategien. Während das Team um Juan und eine weitere Gruppe versuchten, die Aktion möglichst still und unbemerkt durchzuführen, suchte die dritte den Kontakt mit den Medien und fand denn auch Erwähnung bei “Radio Energy Bern” und im “Blick”.

 

Problem 1: Konkurrenzkampf

Schliesslich blieb jedoch ausgerechnet Juan, der Gründer der ersten Kony 2012-Facebookgruppe in Bern, der Nachtaktion am 20. April fern. Die Kritik an Invisible Children und ihrer Internetkampagne hat trotz der Veröffentlichung eines zweiten, gemässigteren Videos eher noch zugenommen. Deswegen findet Juan die Kampagne aber “nicht unbedingt problematisch”. Es sei vielmehr die Zusammenarbeit mit den anderen Gruppen, die nicht geklappt habe.

 

Unter ihnen sei eine Art Konkurrenzkampf entstanden, “bei dem es vor allem darum ging, wer die bessere Aktion plante”. Dabei hätten sie das ursprüngliche Ziel aus den Augen verloren. Zudem sei auch die Polizei durch Facebook und die mediale Berichterstattung darauf aufmerksam geworden, was zur Einschüchterung vieler Gruppenmitglieder geführt habe. So stornierte Juans Gruppe die Bestellung von fünfhundert Plakaten und überliess den anderen Gruppen die Organisation.

 

Problem 2: Unverbindlicher Like-Button

In Bern war am 21. April kaum eine Spur der Plakatierung zu sehen. Auf die Frage, weshalb die “Cover the night”-Aktion sowohl in Bern als auch in vielen anderen Städten ein Misserfolg war, antwortet Juan: “Es ist zu viel Werbung im Vorfeld gemacht worden.” Die Aktion hätte, wie er es mit seiner Gruppe ursprünglich vorhatte, ohne grosse Erregung der öffentlichen Aufmerksamkeit durchgeführt werden sollen. Um daraufhin umso mehr Medienpräsenz zu gewinnen. Die Initianten von Invisible Childern sahen dies wohl anders: Die offiziellen Informationen, Einladungen und Bestellformulare für Werbematerial waren (und sind) im Internet und auf Facebook für alle zugänglich.

 

Daher stellt sich vielmehr die Frage, inwiefern die Social Media geeignet sind, um politische Kampagnen zu lancieren. Von der ersten Euphorie und dem anfänglichen Tatendrang der überwiegend jugendlichen Unterstützer blieb zuletzt nicht viel übrig. Ob es an der Kritik an der Kampagne lag oder an praktischen Hindernissen, wie im Falle der Stadtberner Gruppe, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass ein Aufruf auf Facebook, Youtube und Co. unter den Massen eine Euphorie auslösen kann. Jedoch ist deren Langlebigkeit und die Stärke des Effekts ausserhalb der virtuellen Gesellschaft noch als gering einzuschätzen. Ein Like-Button ist eben unverbindlich.