Kultur | 19.05.2012

Ein Mann mit vielen Gesichtern

Rastafari und Punk, Deutscher und Indonesier, Urheber von rebellischen Songs und Liebesliedern: Sebastian verbindet auf den ersten Blick Unvereinbares. Da verwundert es auch nicht, dass er viel zu erzählen hat.
"Rebellische Musik, bei der es nicht nur um Wut geht." Vom Punk zum Reggae-Musiker: Sebastian Sturm.
Bild: Manuel Lopez und Fabian Bloch

Sebastian Sturm ist nicht unbedingt ein Name, der nach Reggae klingt. Hast du dir nie überlegt, einen anderen Künstlernamen zuzulegen?

Doch, eigentlich schon. Aber irgendwann war Sebastian Sturm einfach cooler. Ich bin auch nie auf einen anderen Künstlernamen gestossen, der mich überzeugt hätte. Und einfach in die alte Reggae-Schublade greifen und ein «Rasta« davorhängen, wollte ich auch nicht. Auch heute noch sagen manchmal Leute zu mir, Sebastian Sturm klinge doch eher nach Schlagersänger, das sei kein passender Künstlername für einen Reggae-Sänger. Ich sage dann einfach, das sei kein Künstlername, so heisse ich. Das ist immer noch die beste Antwort.

 

Du hast bereits mit 15 Jahren deine erste Band gegründet, damals aber als Punk. Wie bist du zum Reggae gekommen?

Ich habe immer schon Leute zusammengetrommelt, um Musik zu machen. Als ich 19 war, stand meine Punkband vor dem aus. Bob Marley war mir schon immer ein Begriff gewesen, mit Liedern wie “No Woman No Cry” konnte er mich jedoch nicht überzeugen. Erst als ich dann Ska hörte, merkte ich, wie cool und auch punky Reggae sein kann. Im Reggae hat man auch die Möglichkeit, Frust und Aggression melodischer zu gestalten. Es ist rebellische Musik, bei der aber es nicht nur um Wut geht. Man hat eine andere Plattform, Gefühle rüberzubringen.

 

Was ist der Unterschied zwischen einem Reggae- und einem Punk-Konzert?

Mein erstes Reggae-Konzert war vor vollem Haus. Das war ein tolles Gefühl, fast eine Art Offenbarung. Endlich lohnte sich die Energie, die ich seit Jahren in die Musik gesteckt hatte. In den Punk habe ich auch viel Energie gesteckt, trotzdem haben wir immer nur in abgefuckten Clubs vor wenigen Leuten gespielt. Die meisten davon prügelten sich bloss, und Mädels hatte es kaum im Publikum. Punkbands sind fast schon wie Gangs, verfeindete Lager. Im Reggae ist das anders, man kennt sich. Dadurch kann man sich auch mal aushelfen, wenn einer Band ein Musiker fehlt. Das hat mir schon oft den Arsch gerettet. Man knüpft schnell Kontakte. Auf einmal kennt man die Band von Gentleman. Das ist cool, im Reggae sind die Musiker eine Gemeinschaft.

 

Dann zieht es dich nicht zurück zum Punk?

Doch, immer wieder mal im Auto. Ich habe auch alle meine alten CDs noch, und die höre ich gern. Besonders Bad Religion, das ist einfach eine geile Mucke. Am liebsten würde ich alle ihre Lyrics kopieren und sie im Reggae-Stil singen.

 

Was macht für dich musikalisch die Faszination des Reggaes aus?

Als ich als Punker mit Reggae anfing, musste ich erst einmal umdenken. Für mich war es komisch, dass eine Band wie die Wailers mit zwölf Leuten auf der Bühne so minimalistisch klingt, es ist alles irgendwie komprimiert. Im Reggae gibt es bestimmte Dinge, die man an seinem Instrument tun muss, damit es funktioniert. Nur so kann eine musikalische Verzahnung zustande kommen. Reggae-Songs zu komponieren, war für mich anfangs eine komplett neue Welt. Ich habe dann angefangen, den Reggae regelrecht zu studieren. Erst muss man lernen, wie Reggae funktioniert, damit man daraus ausbrechen und andere Einflüsse reinbringen kann. Das muss man geschickt machen, der Roots Reggae bleibt aber die Basis.

 

Was inspiriert dich?

Ich bin irgendwie in den siebziger Jahren hängengeblieben. Ich hab Bock auf diese Zeit, diese Musik klingt in meinen Ohren nach Gold. In den Siebzigern wurde der Grundstein für sämtliche Musikrichtungen gelegt. Musikalisch inspiriert mich die Musik der Siebziger auf jeden Fall. Auch eine Band wie Groundation ist eine grosse Inspiration, wie bestimmt für viele Künstler. Sie zeigen, was man aus alten Bob Marley-Sachen machen kann und haben so viel Freiraum eröffnet. Die Regeln, die man sich im Reggae einmal gesetzt hat, spielen nun keine Rolle mehr.

 

Gehört Reggae und Rastafari für dich zusammen?

Das gehört auf jeden Fall zusammen. Die Frage ist vielmehr, wie man als deutscher Künstler damit umgeht. Ich bin ein Fan dieser Kultur, habe viel darüber gelesen und mir mein eigenes Bild gemacht. Rastafari zu predigen ist jedoch nicht meine Sache. Ich kann für mich nur rauspicken, was ich daran cool finde, und das dann leben. So gut das in Deutschland eben geht. Ich liebe zwar Rasta-Hymnen, doch wenn ich etwas covere, ist mir wichtig, klarzustellen, dass die Botschaft nicht von mir stammt. Auf keinen Fall will ich auf der Bühne stehen und den Leuten sagen, wie sie zu leben haben.

 

Wenn es nicht die Rastafari-Ideologie ist, was ist dann die Botschaft deiner Songs?

Die Themen sind oft sozialkritisch, es geht darum, auf Missstände hinzuweisen. Auch Wut ist ein Thema. Und natürlich schreibe ich auch gerne Liebeslieder. Das ist das Schöne am Reggae, man kann das sehr charmant machen. Im Punk sind Liebeslieder verpönt. Im Reggae hingegen mag man sie, es ist auch nicht peinlich, Liebeslieder zu schreiben. Und wenn es im Publikum Leute gibt, die das Gleiche durchgemacht haben und sich mit dem Song identifizieren können, ist das natürlich toll.

 

Inwiefern machen sich deine indonesischen Wurzeln bemerkbar?

In der Musik machen sie sich eher weniger bemerkbar. Sonst im Leben natürlich schon. Die Frage nach meinen Wurzeln ist für mich ein Antrieb. Ich bin als Mischling in Deutschland aufgewachsen. Ich hatte deutsche Freunde, ging auf die gleichen Partys wie sie, machte alles mit. Dass auch dieses Zugehörigkeitsgefühl einen Haken hat, habe ich erst später verstanden. Der Reggae schürt dieses Bewusstsein. Wie schon Bob Marley gesagt hat: “If you don’t know your history, you don’t know who you are.”