Gesellschaft | 31.05.2012

Der Traum vom Fliegen

Text von Jodok Trösch
Den Traum vom Fliegen haben viele Menschen. Die meisten verwirklichen ihn nie: das Fliegen ist ihnen zu teuer, zu zeitintensiv, zu umständlich, zu gefährlich. Dabei kostet ein Schnupperkurs im Gleitschirmfliegen nicht allzu viel und ist ein spezielles Erlebnis. Ein Selbstversuch.
Auf den Wolken schweben. Ganz so hoch gings am Übungshaung aber nicht hinaus. Die Kunst des Gleitschirmfliegens ist erlernbar. Unser Reporter hat sich in den Kurs begeben. Symbolbilder: Oliver Hochstrasser

Schon lange habe ich – wie schon Ikarus zu seiner Zeit – davon geträumt zu fliegen. Frei und schwerelos in der Luft zu sein, völlig ungebunden. Wie lange habe ich auf Wanderungen schon den Bergdohlen zugeschaut, die im Aufwind stundenlang segeln können, ohne mit den Flügeln schlagen zu müssen. Natürlich kann man heute, anders als noch vor 100 Jahren, problemlos ein Flugzeug besteigen und damit in die Luft abheben. Aber auch wenn mir die Beschleunigung beim Starten immer noch ein Herzklopfen hervorruft und der Blick aus dem  Fenster überwältigend ist, mag doch nicht allzu viel Stimmung aufkommen, wenn man, im engen Flugzeug, zusammengequetscht mit vielen anderen Menschen, irgendeiner Feriendestination entgegenfliegt. Wie viel besser wäre es, wenn man Flugwind im Gesicht spürte, ohne irgendetwas zwischen sich und der Luft zu haben, die Aussicht genösse und sich selbst einen Weg durch die Lüfte suchen könnte?

Am Übungshang

Um mir diesen Traum zu erfüllen, sitze ich an diesem Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe in der Appenzeller Bahn nach Wasserauen am Fuss des Alpsteins, wo ich zum ersten Mal mit einem Gleitschirm abheben werde. Der Himmel ist wolkenlos und es ist windstill – ideale Bedingungen. Vor mir türmt sich der Alpstein auf und weit oben, an der Ebenalp, sind schon die ersten Gleitschirme zu erkennen. Zwar werde ich nicht von dort oben starten, sondern von einem kleinen Übungshang, aber weil ich von Anfang den Schirm selber steuern soll, ist mir doch ein bisschen mulmig zumute. Am Übungshang angekommen, erklären Beat und Samuel von der Flugschule Appenzell, mir und den anderen zwei Neulingen, wie man einen Gleitschirm auslegt, während die etwas erfahreneren Flugschüler den Hügel hinaufsteigen, um sich dort für den Start bereit zu machen.

 

Diese elenden Leinen!

Das Auslegen des Gleitsegels ist relativ einfach, auch das Gurtzeug – es sieht vorne aus wie ein Klettergurt, hinten wie ein Rucksack mit einem Rückenprotektor für harte Landungen –  ist schnell angeschnallt. Dann aber geht es um die Leinen – und hier wird es richtig kompliziert: Geschätzte zwanzig Leinen werden je links und rechts am Gurtzeug angemacht. Sie dienen nicht nur der Aufhängung des Piloten, sondern auch der Steuerung des Schirms und dürfen sich daher auf keinen Fall kreuzen. Alle Knoten müssen vor dem Start entwirrt werden – für das ungeübte Auge ist da überhaupt keine Ordnung im Chaos zu erkennen. Beat meint dazu: “Klar, diese Fummelei gehört vor jedem Start dazu, aber irgendwann hast du den Dreh raus und dann geht’s besser.” Ist alles an seinem Platz und überprüft, geht es los. Man stellt sich auf, die Arme mit den Leinen seitlich ausgestreckt, als wären es Flügel. Dann ruft der Fluglehrer: “Los, renn so schnell wie du kannst!”

 

Slalom laufen

Ich renne los. An den Armen spüre ich das Gegengewicht des Schirms, der mich zurückhält. Ich gebe alles – und siehe: der Schirm richtet sich langsam auf. Ich werde immer schneller. “Super! Jetzt die A-Leinen loslassen, die Bremsleine auf Brusthöhe ziehen und weiter rennen”, befiehlt mir Samuel. Ich folge den Anweisungen und spüre, wie der Schirm mich langsam trägt und wie ich kurz den Kontakt zum Boden verliere. Endlich schwerelos.

 

Eigentlich sollte ich noch am Boden bleiben, um erst mal ein Gefühl für das Verhalten des Schirms zu bekommen. Samuel ruft mir deshalb hinterher: “Dreh nach links”. Ich ziehe die linke Bremsleine etwas weiter nach unten und spüre, wie der Schirm dreht. Nach einer weiteren Kurve, diesmal nach rechts, bin ich schon unten am Hügel angekommen und bleibe stehen, während der Schirm in sich zusammen fällt. Schnell packe ich zusammen und besteige den Hügel erneut. Oben geht es wieder ans Entwirren der Leinen.

 

Und endlich fliegen

Nach einigen weiteren Slalomläufen den Hügel hinunter dürfen wir endlich bis ganz nach oben für unseren ersten Flug. Für die Anweisungen wird uns allen ein Funkgerät umgehängt. Ich darf starten! Der obere Teil des Hügels ist steil und in der Zwischenzeit ist Gegenwind aufgekommen. Daher bin ich schon nach wenigen Schritten in der Luft. Sofort bin ich fünf, zehn Meter über Boden. Die Thermik hebt mich noch höher, die Böen schaukeln mich ziemlich heftig durch. Ein Blick zum Schirm zeigt mir, dass er mich immer noch trägt. Ich habe keine Angst, sondern geniesse es, wie mir der Wind durchs Gesicht streicht. Ich habe das Gefühl, niemals mehr landen zu müssen. “Halte auf den Windsack zu und mache dort eine Rechtskurve, um gegen den Wind zu landen.” ertönt es dagegen aus dem Funkgerät. Ich konzentriere mich wieder und versuche, den Anweisungen zu folgen. Den Windsack habe ich schnell erreicht und auch die Rechtskurve gelingt mir auf Anhieb, dabei verliere ich an Tempo und beginne zu sinken.

 

Ich ziehe nun beide Bremsleinen an und verliere weiter an Höhe. Ich sinke fast zu schnell, daher ist die Landung hart. Ich rapple mich wieder auf und atme tief durch. Die ganze Anspannung des Fluges fällt von mir ab und ich begreife, was gerade geschehen ist. Ich bin geflogen – alleine, ohne fremde Hilfe, ohne Blech zwischen mir und der Luft und ohne Motoren – und ich bin gelandet, ohne mich dabei zu verletzen. Mein Traum ist erfüllt – doch nicht ganz: Ich will noch einmal! Daher packe ich den Gleitschirm zusammen und mache mich wieder auf den Weg zum Start.