Gesellschaft | 30.05.2012

Der Jugend ist Lebenslust ein Bedürfnis

Seit einigen Monaten ist in Bern das Nachtleben aktiv gefährdet - sagen die einen. Von Ruhestörung und übermässiger Lärmbelastung sprechen die anderen. Was ist los in Bern? Und was machen 3'000 Jugendliche auf Berns Strassen?
Das Strassentanzfest am 11. Mai konnte 3'000 Leute mobilisieren. Aus Sicht der Protestierenden nimmt die Stadt (Maske) ihnen die Strasse weg.
Bild: Samuel Schöni / schowidr.tumblr.com

Es blieb nicht bei einer einmaligen Aktion. Der spontane Protestzug von 3’000 Jugendlichen durch die Stadt Bern in der Nacht vom 11. Mai auf Samstag war bereits der grösste seiner Art seit der Besetzung des alternativen Kulturzentrums Reitschule in den 80er-Jahren. Am letzten Samstag haben dann gegen 20’000 Jugendliche am zweiten unbewilligten Strassentanzfest “Tanz dich frei” teilgenommen. Die Reitschule, das Kapitel und einige weitere Nachtklubs blieben aus Protest gegen die Verfügung von Statthalter Christoph Lerch geschlossen.

 

Politik im Alltag

Flurin Jecker, Berner Student und Schriftsteller, begründet auf seinem Blog die rege Teilnehmerzahl folgendermassen: “Die Leute werden aktiv, da es sich nicht um un(be)greifbare, abstrakte politische Bestimmungen handelt, sondern weil die Besucher spätestens eines abends gemerkt haben, dass ihr Club geschlossen ist”. Reto Nause (CVP) sieht die treibende Kraft eher im Internet: “Soziale Netzwerke haben zu einer neuen sozialen Dynamik geführt”, so der Sicherheitsdirektor der Stadt Bern.

 

Die Reitschulbetreiber halten dagegen und sehen die Gründe in der grundsätzlichen Diskussion über Freiräume. Sie argumentieren, dass immer mehr öffentliche Räume zur kommerziellen Nutzung an Private vermietet würden, wie zum Beispiel die grosse Schanze an das Openairkino von Orange und an die City Beach-Betreiber. Das führe zu einem “akuten Mangel an konsumzwangfreien Treffpunkten für Jugendliche, der in einer solchen Aktion zum Ausdruck gelangt”.

 

Einschränkungen haben den Vorplatz erreicht

Was ist eigentlich los in Bern? Ende des letzten Jahres hat die Geschichte ihren Lauf genommen. Der Wasserwerkclub in der Berner Matte musste wegen Lärmklagen von Anwohnern sowie Ungereimtheiten bei der Lärmpegelmessung seine Tore schliessen. Bevor der Wasserwerkclub jedoch den Tanzboden rückgebaut hat, ging eine letzte grosse Party unter dem Motto “Figg di Frou Müller”, in Anlehnung an den Namen der Lärmklägerin, über die Bühne. Übrig blieb danach ein durchschnittlicher Barbetrieb an der Aare. Dann wurde es für einige Zeit still und es schien als sei die Einschränkung von allen Betroffenen akzeptiert worden.

 

Einige Wochen später, am 4. Mai, überreichte Statthalter Lerch (SP) schliesslich die umstrittene Verfügung an die Betreiber der Reitschule, welche bauliche und organisatorische Massnahmen, sowie Verbote zwecks Lärmverminderung beinhaltet. Demnach sollen der Verkauf von Getränken sowie Hintergrundmusik auf dem Vorplatz nach 00.30 Uhr verboten werden und die Vorplatzbar soll während dem Monat Juni geschlossen bleiben. Ausserdem werden die Betreiber der Reithalle dazu verpflichtet, allfällige Gäste nach 00.30 Uhr vom Vorplatz wegzuweisen. Begründung der Massnahmen: Insgesamt 81 Lärmklagen gegen die Reitschule im letzten Jahr.

 

Immer wieder dieselben Feindbilder

Die Verfügung der Stadt stiess unmittelbar auf viel Aufmerksamkeit. Die Reitschule berief eine Vollversammlung ein, die Lokalteile der Zeitungen berichteten über die vorgesehenen Verbote und auf Facebook waren die Reaktionen unmissverständlich. So brachte ein aufgebrachter User den Vorschlag: “Dann machen wir auf der Strasse bei Christoph Lerch abends eine Grillparty.”

 

Kurzerhand wurde der Slogan der letzten Wasserwerkparty mit dem Namen des Statthalters aktualisiert und schon in der Nacht von Samstag auf Sonntag zogen und tanzten 3’000 Personen friedlich durch die Innenstadt von Bern unter dem Motto: “Nehmt ihr uns den Vorplatz, nehmen wir uns die Stadt.” Sicherheitsdirektor Reto Nause gibt gegenüber Tink.ch zu bedenken, dass es in der Stadt Bern eigentlich viel grünen, frei zugänglichen Naherholungsraum und eine lebendige Clubszene mit zahlreichen alternativen Kulturangeboten gibt. “Ich bedaure die fehlende Zusammenarbeit mit den Veranstaltern, um Rahmenbedingungen für den Anlass am Samstag festlegen zu können”, sagt Nause.

 

Jung und freimütig

Nicht gerade zum allgemeinen Verständnis beigetragen hat allerdings die widersprüchliche Kommunikation von Christoph Lerch gegenüber den Medien. Selbst die Tageszeitung Der Bund monierte am Montag vor einer Woche: “Statthalter Lerch hat sich selbst geschadet. Das Verhalten von Regierungsstatthalter Christoph Lerch (SP) nahm letzten Freitag kuriose Züge an.” Tatsächlich hatte Lerch am Freitag zuvor per Medienmitteilung verlauten lassen, die Wegweisungspflicht sei vom Tisch. Einige Stunden später gab er gegenüber dem Bund zu Protokoll, die Wegweisungspflicht bleibe bestehen. Der Statthalter selbst weilt momentan in den Ferien und war deshalb für eine persönliche Stellungnahme nicht zur Erreichen.

 

Wie dem auch sei: Etwas schien diesmal ungewöhnlich zu sein. Während sich Politiker, Medien, Anwohner und die Reitschulbetreiber über Zahlen, Fakten und Aussagen streiten, begann sich eine eindrückliche Protestaktion für den 2. Juni zu formieren. Die Gründe mögen vielschichtig und je nach Betrachtungsweise unterschiedlich zu sein. Eine naheliegende Erklärung für die Dynamik liegt in der naturgemässen Freimütigkeit und im Bewegungsdrang von jungen Leuten. Im Sinne von Lebenslust, Vielfalt und Kreativität während einer Nacht durch die Stadt zu tanzen, ist offensichtlich für viele Jugendliche ein Bedürfnis. Und, wie die Reitschüler meinen, am besten alles weit entfernt von Rahmenbedingungen und Bewilligungen.