Gesellschaft | 01.05.2012

China und das Pressegefängnis

Text von Eva Hirschi | Bilder von Screenshot
Der 3. Mai wurde 1991 von der UNO-Generalversammlung zum Internationalen Tag der Pressefreiheit erklärt. Doch nicht alle Länder können von Freiheit in Bezug auf die Medien und die Meinungsäusserung sprechen. In China ist die Lage besonders prekär. Ein Mikroblogging-Portal versucht Informationen zu verbreiten.
Weibo.com, das chinesische Twitter.
Bild: Screenshot

Laut dem von Reportern ohne Grenzen Anfang Jahr veröffentlichten World Press Freedom Index steht China bezüglich Pressefreiheit auf dem 174. Platz von insgesamt 179. Nur Iran, Syrien, Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea folgen danach noch. Nicht nur die Pressefreiheit ist eingeschränkt, für zahlreiche Journalisten und Blogger wurde ihr Schaffen gar zum Verhängnis und sie wurden verhaftet. Zudem wurde im Jahr 2011 die Medien- und Internetzensur erneut verschärft. Seit dem Arabischen Frühling wurden auch in mehreren chinesischen Städten Appelle an die Demokratie laut, was eine Flut von Verhaftungen zur Folge hatte. Zensur steht an der Tagesordnung. Auch im Internet. Schlüsselwörter wie “Ägypten”, “Libyen”, “Tunesien” oder “Demokratie” sind in den Suchmaschinen blockiert.

 

Politisches Blogging

Während in China Facebook und Twitter in einzelnen Regionen gesperrt oder unpopulär sind, gibt es ein chinesischen Pendant zu Twitter: das Mikoblogging-Portal Weibo.com. Während die einen auf diesem Weg ihre täglichen Erlebnisse mitteilen, wird Weibo von anderen auch für politische Zwecke genutzt. Kritik am System oder Zweifel über Nachrichten der Behörden: Alles wird kommentiert und mit den anderen Nutzern geteilt. Ziel ist es mittlerweile, schneller als die Zensurbehörde zu sein und die in den Augen des Staates heiklen Nachrichten zu verbreiten, bevor sie von den Internet-Polizisten gelöscht werden.

 

Min Yi*, eine 32-jährige Doktorierende aus Peking und im Rahmen eines akademischen Austauschprogrammes für mehrere Monate in Genf, nutzt Weibo ebenfalls. Für sie ist es der Ort, um ihre Erlebnisse zu schildern und Fotos von Reisen hochzuladen. Politische Kommentare verfasse sie nie, “weil ich nichts Falsches oder Unwahres posten will.” Aber mit grossem Interesse verfolgt Yi, was ihre Freunde publizieren. “Das Schwierige mit den chinesischen Nachrichten ist immer, dass du nie weisst, was wahr ist”, erklärt sie. Oft werden mysteriöse Todesfälle als “Unfall” deklariert. Viele Chinesen hegen allerdings Zweifel über den Wert dieser Information.

 

Abhängige Medien

Die grösste Nachrichtenagentur Xinhua ist staatlich. Freie Presse in China? “Auch wenn nicht alle Medien dem Staat gehören, so sind meist mehrere Leute aus dem Kader auch Teil der Kommunistischen Partei Chinas”, erklärt Yi. An die Unabhängigkeit chinesischer Nachrichten glaubt sie nicht. Auf der anderen Seite kann sie die Zensur teilweise auch verstehen: “Es gibt viele falsche Informationen, die zirkulieren. Die Internet-Polizei will dies verhindern und löscht deshalb Kommentare, die nicht hundertprozentig wahr sind.” Auf der anderen Seite sieht sie die Schuld aber auch im faktischen Einparteiensystem. “Natürlich dulden sie keine Informationen, die die anderen, kleinen Parteien begünstigen”, erklärt sich Yi die Zensur.

 

China in anderen Medien

Weltweites Aufsehen erregte China vor allem mit der Verhaftung des chinesischen Menschenrechtsaktivisten und Blogger Liu Xiaobo im Jahr 2009. Er machte sich unter Anderem für die Freilassung inhaftierter Journalisten und Dissidenten stark. Im Dezember 2010 wurde dem Bürgerrechtler der Friedensnobelpreis verliehen, doch China erlaubte ihm die Ausreise zur Zeremonie nach Oslo nicht. Noch heute sitzt Xiaobo im Gefängnis und darf keinen Besuch empfangen. Seine Frau steht unter Hausarrest.

 

*Name von der Redaktion geändert.

 

 

Info


Reporter ohne Grenzen ist eine internationale Nichtregierungsorganisation. Anlässlich des 3. Mais, dem internationalen Tag der Pressefreiheit, veröffentlicht sie eine Liste mit den “Feinden der Pressefreiheit”. China dürfte auch in diesem Jahr einen Platz darauf finden.

Links