In diesem Paradies gibt’s keine Tiere

Das Tibits ist eine der bekanntesten Vegi-Restaurants-Ketten. Der Name ist eine Kombination aus dem englischen “titbits/tidbits”, was so viel wie Leckerbissen bedeutet. Dies trifft vollkommen zu. Von morgens bis abends besteht ein umfangreiches Buffetangebot. Gemäss Tageszeit variiert das Angebot der Speisen. Es gibt weder eine Speisekarte noch Tischbedienung. Das was und wie viel darf oder muss jeder und jede selbst entscheiden. Einzige Gemeinsamkeit des Essens: Es ist alles vegetarisch. Deklariert werden dazu vorbildlich auch die gluten- und laktosefreien Gerichte, sowie die Inhaltsstoffe Eier, Nüsse oder Zwiebeln. Auch die rein veganen Gerichte (Das sind nicht besonders viele) sind speziell gekennzeichnet.

 

Nur auf Bio ist zu verzichten

Die Nachfrage bei einer Servicekraft ergab, dass nicht alles in gewünschter Qualität und Quantität in Bio erhältlich ist und somit auf eine entsprechende Kennzeichnung verzichtet wurde. Hier geht also leider die Kontinuität der Auswahl vor. Zumindest ist die Milch von Demeterqualität und man bemühe sich, um grösstmögliche Bioauswahl. Die hilfsbereite Dame hat den Test bestanden, die Geschäftsleitung sollte aber nochmals das Konzept überdenken. Denn gerade jetzt wo Bio im Trend liegt. sollte man der Ökologie unter die Arme greifen.

 

Zum Essen

Da sich der Preis nach dem Gewicht und nicht nach der Tellergrösse richtet, ist es verlockend, den Teller so leicht wie möglich mit den verschiedenen Köstlichkeiten bestücken. Ein kurzer Zwischenstopp bei der Waage vor der Kasse ist auf Nachfrage möglich, aber an sich nicht vorgesehen. Es zeigt sich schnell, warum: Trotz des bescheidenen Schöpfens schnellt der Preis sofort in die Höhe, bei über 4 Franken pro 100 Gramm kein Rätsel. Das Tibits ist trotz Selbstbedienung kein Billig-Restaurant ist. Als Trost gibt es ein kleines Bio-Brötchen und auf Nachfrage ein Glas Leitungswasser umsonst dazu.

 

Das Personal

Nach dem zweiten Besuch am Buffet war das gebrauchte Geschirr am Tisch abgeräumt. Erfreulich ist die Hilfsbereitschaft des Kellners, der uns die ganze Zeit aufmerksam bedient und jede Frage beantworten kann. Zu beachten ist, dass die Angestellten mehrheitlich kein Schweizerdeutsch verstehen, was anfänglich zum einen oder anderen Missverständnis führen kann.

 

Ein Besuch lohnt sich

Geplatzte Träume hin oder her: Dieser Ort ist auf jeden Fall empfehlenswert. In Basel ist das Lokal im Vergleich etwa zu jenem in Bern viel grösser, obwohl es auch in Basel zur Mittagszeit eng werden kann. Ansonsten kann noch auf Winterthur, Zürich oder auch London ausgewichen werden.

Links

Das Internet der Dinge

Davon hat schon manch einer geträumt: Per Smartphone oder Computer via über das Internet schnell den Garten bewässern lassen, der Kaffeemaschine die Ankunftszeit mitteilen, damit der Kaffee schon bereit steht, oder herausfinden, wo man schon wieder die Schlüssel hingelegt hat. Alltagsgegenstände bekommen mit dem Internet der Dinge ein virtuelles Ich, das via Internet Daten senden und empfangen kann.

 

SBB als Vorreiterin

Wenn Alltagsgegenstände untereinander und mit Menschen kommunizieren könnten, wie es bereits Computer und Smartphones tun, würde das so manches erleichtern. Das Internet der Dinge, wie es in Fachkreisen bezeichnet wird, tut dies mithilfe von sogenannten radio-frequency-identification–Chips, kurz: RFID. Sie geben dem Gegenstand eine eindeutige Identität, damit auch der richtige Gegenstand beauftragt wird. Sprich die eigene Kaffeemaschine und nicht eine andere. Das Warten auf den Kaffee könnte sonst etwas länger dauern. Zusätzlich können RFID-Chips drahtlos Daten und ihren aktuellen Standort an Lesegeräte übermitteln.

 

Bis wir unseren Garten via Internet bewässern lassen, könnte es aber ohne das nötige Kleingeld noch etwas dauern. Vorläufig beschränkt sich das Internet der Dinge auf die Bereiche Logistik und Produktion. RFID-Chips werden uns aber in Form der ab 2013 geplanten E-Ticket-Lösung der SBB erstmals im Alltag begleiten, wie die SonntagsZeitung berichtete. Die detaillierte Umsetzung ist noch nicht bekannt, könnte aber ähnlich aussehen wie bei der Oyster Card in London. Die Karte wird gekauft und kann wie eine Prepaidkarte fürs Telefon aufgeladen werden. Beim Einsteigen muss man sie dann nur über ein Lesegerät ziehen und der Betrag für die Fahrt wird automatisch abgebucht. In Warenhäusern kommt die Technik heute schon zum Einsatz.

 

Die Probleme sind bekannt

Wie jede andere Technologie birgt auch das Internet der Dinge, wie es Kevin Ashton 1998 erstmals bezeichnete, Risiken. Allen voran natürlich der Datenschutz: Wer würde wollen, dass sein Schlüssel von einem Fremden via Internet geortet werden kann? Als Problem könnte sich zudem herausstellen, dass sich die Nutzer der neuen Technologie zu fest auf sie verlassen werden. So braucht auch das Internet der Dinge Strom, um zu funktionieren.

 

Bei Google, Facebook und vielen anderen Internetdiensten bestehen heute bereits ähnliche Risiken bezüglich Datenschutz. Sie werden aber trotzdem genutzt. Für manche überwiegen die Vorteile, für andere sind sie schlichtweg unverzichtbar geworden. Die Zukunft wird zeigen, wie es sich mit dem Internet der Dinge verhalten wird.

Der Traum vom Fliegen

Schon lange habe ich – wie schon Ikarus zu seiner Zeit – davon geträumt zu fliegen. Frei und schwerelos in der Luft zu sein, völlig ungebunden. Wie lange habe ich auf Wanderungen schon den Bergdohlen zugeschaut, die im Aufwind stundenlang segeln können, ohne mit den Flügeln schlagen zu müssen. Natürlich kann man heute, anders als noch vor 100 Jahren, problemlos ein Flugzeug besteigen und damit in die Luft abheben. Aber auch wenn mir die Beschleunigung beim Starten immer noch ein Herzklopfen hervorruft und der Blick aus dem  Fenster überwältigend ist, mag doch nicht allzu viel Stimmung aufkommen, wenn man, im engen Flugzeug, zusammengequetscht mit vielen anderen Menschen, irgendeiner Feriendestination entgegenfliegt. Wie viel besser wäre es, wenn man Flugwind im Gesicht spürte, ohne irgendetwas zwischen sich und der Luft zu haben, die Aussicht genösse und sich selbst einen Weg durch die Lüfte suchen könnte?

Am Übungshang

Um mir diesen Traum zu erfüllen, sitze ich an diesem Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe in der Appenzeller Bahn nach Wasserauen am Fuss des Alpsteins, wo ich zum ersten Mal mit einem Gleitschirm abheben werde. Der Himmel ist wolkenlos und es ist windstill – ideale Bedingungen. Vor mir türmt sich der Alpstein auf und weit oben, an der Ebenalp, sind schon die ersten Gleitschirme zu erkennen. Zwar werde ich nicht von dort oben starten, sondern von einem kleinen Übungshang, aber weil ich von Anfang den Schirm selber steuern soll, ist mir doch ein bisschen mulmig zumute. Am Übungshang angekommen, erklären Beat und Samuel von der Flugschule Appenzell, mir und den anderen zwei Neulingen, wie man einen Gleitschirm auslegt, während die etwas erfahreneren Flugschüler den Hügel hinaufsteigen, um sich dort für den Start bereit zu machen.

 

Diese elenden Leinen!

Das Auslegen des Gleitsegels ist relativ einfach, auch das Gurtzeug – es sieht vorne aus wie ein Klettergurt, hinten wie ein Rucksack mit einem Rückenprotektor für harte Landungen –  ist schnell angeschnallt. Dann aber geht es um die Leinen – und hier wird es richtig kompliziert: Geschätzte zwanzig Leinen werden je links und rechts am Gurtzeug angemacht. Sie dienen nicht nur der Aufhängung des Piloten, sondern auch der Steuerung des Schirms und dürfen sich daher auf keinen Fall kreuzen. Alle Knoten müssen vor dem Start entwirrt werden – für das ungeübte Auge ist da überhaupt keine Ordnung im Chaos zu erkennen. Beat meint dazu: “Klar, diese Fummelei gehört vor jedem Start dazu, aber irgendwann hast du den Dreh raus und dann geht’s besser.” Ist alles an seinem Platz und überprüft, geht es los. Man stellt sich auf, die Arme mit den Leinen seitlich ausgestreckt, als wären es Flügel. Dann ruft der Fluglehrer: “Los, renn so schnell wie du kannst!”

 

Slalom laufen

Ich renne los. An den Armen spüre ich das Gegengewicht des Schirms, der mich zurückhält. Ich gebe alles – und siehe: der Schirm richtet sich langsam auf. Ich werde immer schneller. “Super! Jetzt die A-Leinen loslassen, die Bremsleine auf Brusthöhe ziehen und weiter rennen”, befiehlt mir Samuel. Ich folge den Anweisungen und spüre, wie der Schirm mich langsam trägt und wie ich kurz den Kontakt zum Boden verliere. Endlich schwerelos.

 

Eigentlich sollte ich noch am Boden bleiben, um erst mal ein Gefühl für das Verhalten des Schirms zu bekommen. Samuel ruft mir deshalb hinterher: “Dreh nach links”. Ich ziehe die linke Bremsleine etwas weiter nach unten und spüre, wie der Schirm dreht. Nach einer weiteren Kurve, diesmal nach rechts, bin ich schon unten am Hügel angekommen und bleibe stehen, während der Schirm in sich zusammen fällt. Schnell packe ich zusammen und besteige den Hügel erneut. Oben geht es wieder ans Entwirren der Leinen.

 

Und endlich fliegen

Nach einigen weiteren Slalomläufen den Hügel hinunter dürfen wir endlich bis ganz nach oben für unseren ersten Flug. Für die Anweisungen wird uns allen ein Funkgerät umgehängt. Ich darf starten! Der obere Teil des Hügels ist steil und in der Zwischenzeit ist Gegenwind aufgekommen. Daher bin ich schon nach wenigen Schritten in der Luft. Sofort bin ich fünf, zehn Meter über Boden. Die Thermik hebt mich noch höher, die Böen schaukeln mich ziemlich heftig durch. Ein Blick zum Schirm zeigt mir, dass er mich immer noch trägt. Ich habe keine Angst, sondern geniesse es, wie mir der Wind durchs Gesicht streicht. Ich habe das Gefühl, niemals mehr landen zu müssen. “Halte auf den Windsack zu und mache dort eine Rechtskurve, um gegen den Wind zu landen.” ertönt es dagegen aus dem Funkgerät. Ich konzentriere mich wieder und versuche, den Anweisungen zu folgen. Den Windsack habe ich schnell erreicht und auch die Rechtskurve gelingt mir auf Anhieb, dabei verliere ich an Tempo und beginne zu sinken.

 

Ich ziehe nun beide Bremsleinen an und verliere weiter an Höhe. Ich sinke fast zu schnell, daher ist die Landung hart. Ich rapple mich wieder auf und atme tief durch. Die ganze Anspannung des Fluges fällt von mir ab und ich begreife, was gerade geschehen ist. Ich bin geflogen – alleine, ohne fremde Hilfe, ohne Blech zwischen mir und der Luft und ohne Motoren – und ich bin gelandet, ohne mich dabei zu verletzen. Mein Traum ist erfüllt – doch nicht ganz: Ich will noch einmal! Daher packe ich den Gleitschirm zusammen und mache mich wieder auf den Weg zum Start.

“Ich geh einfach auf die Bühne und mache los”

Seth Bogart: Wofür ist das Interview?

 

Tink.ch

Bogart: Twink? (Amerikanischer Slang für junge hübsche Schwule, Anm. d. R.) Das gefällt mir.

 

Da muss ich dich enttäuschen, es heisst Tink. Na, wie geht’s dir denn?

Bogart: Mir geht’s ganz gut, aber ich bin etwas durch den Wind von meiner Anreise und dem Jetlag. Gestern hatten wir zwar einen Tag frei, doch anstatt Grossmütter zu sein haben wir uns total abgeschossen.

 

Ihr seid ja nicht das erste Mal in der Schweiz. Wie sind eure Erfahrungen bis jetzt? Es gibt ja gewisse Vorurteile, Schweizer seien langweilig.

Bogart: Vor zwei Jahren in Lausanne war es tatsächlich so. Der Club war zwar sehr voll aber niemand hat sich bewegt. Das war wohl ein Club-Publikum, dass nur auf die Disco gewartet hat und uns einfach vorher anhören musste. Dafür waren wir damals später noch in einer Sauna für Frauen und Männer und haben dort einen hübschen Jungen vom Konzert getroffen. Ihm war das sehr peinlich, ich fand’s lustig. Hier hingegen ist die Stimmung schon jetzt viel besser.

 

Was macht ihr mit passivem Publikum? Eure Konzerte brauchen doch ein Publikum, das mitspielt.

Bogart: Dann werden wir entweder auch so langweilig oder dann ganz verrückt.

Shannon Shaw: Wir werden bei langweiligem Publikum noch verrückter, das ist unsere Reaktion.

 

Ihr tourt gerade mit dem dritten Album. Das ist nun nicht von Hunx and his Punx sondern nur von Hunx.

Bogart: Ich habe einfach selber viele komische Songs geschrieben, die ich aufnehmen wollte. Auf Tour spielen wir aber mit der Band alle Alben.

 

Du hast alle Promotexte zum Album selber geschrieben, normalerweise macht das jemand vom Label.

Bogart: Ich hasse es, wenn das andere machen. Ich schreibe zwar auch selber nicht gerne über meine Musik, es ist sehr peinlich, das schlimmste überhaupt. Aber das ist immer noch besser, als wenn es andere tun. Und alle Journalisten übernehmen dann den Text und machen sie noch schlimmer. Den einzigen coolen Promotext den ich mal gelesen habe war über Velvet Underground, zum Album mit der Banane von Andy Warhol vorne drauf. Es hiess einfach: Bananen haben immer Saison. Das war toll. Ansonsten sind Biographien aber dumm.

 

Du schreibst auch zum Inhalt der Songs. War es Verpflichtung, dich zu erklären?

Bogart: Ich wusste nicht was schreiben, also habe ich über ein paar Songs geschrieben.

 

Die Leute werden damit sehen, wie viel hinter den Songs steckt. Viele sehen dich doch eigentlich nur als Verrückten auf der Bühne.

Bogart: Na, ein paar Songs sind schon dumm, andere hingegen traurig. Viele Leute schreiben traurige Songs wenn sie Songs schreiben. Zumindest viele, die ich kenne. Das ist meine Art, über Dinge hinweg zu kommen.

Shaw: Andere machen es nur fürs Geld, dann geht’s in den Songs um gar nichts. Die folgen einfach perfekten Pop-Mustern, ohne jegliche Bedeutung. Ich find’s gut, dass du eine gefühlvolle Seite von Dir gezeigt hast.

Bogart: Ich schreibe auch gerne dumme Pop-Songs, aber beim letzen Album war es einfach nicht so, ich fühlte mich nicht danach. Ich möchte auch mal ein dummes Punk-Album schreiben, Streetpunk, ohne Bedeutung.

 

Man könnte sagen, das sei beim Punk immer so.

Bogart: Klar, Punk ist einfach, was du willst. Wir werden immer punk sein, egal was kommt. Britney Spears ist super-punk. Sie hat sich den Kopf rasiert, Leute mit dem Schirm geschlagen.

 

Was ist das Punkigtse was du je getan hast?

Bogart: (überlegt lange) Das will ich nicht erzählen.

 

Andere Geheimnisse, die du erzählen möchtest?

Bogart: Justin, mein Exfreund und unser Gitarrist, hat Filzläuse, Also Vorsicht, Schweizer Jungs, bleibt von ihm weg.

Justin kommt dazu.

Shaw: Jetzt wurde es gerade interessant.

Bogart: Ja Justin, wir haben eben über dich gesprochen.

 

Müssen wir denn sonst noch etwas über Justin wissen?

Bogart: Er ist heiss.

José Boyer: Und er ist sexy, hat einen grossen…. riesigen…

Bogart: Hm, soll ich jetzt die Beta-Blocker vor oder nach dem Trinken einnehmen.

 

Was ist das für eine Geschichte mit den Beta-Blockern?

Bogart: Ich war depressiv, dann wurden mir die verschrieben. Die sollen meinen Blutdruck tiefer halten und dafür sorgen, dass ich weniger nervös bin. Obwohl ich das eigentlich selten bin. Aber ich werde trotzdem damit entspannter und habe weniger Angst.

 

Hast Du denn Lampenfieber?

Bogart: Nein, eigentlich nicht, ich geh einfach auf die Bühne und mache los. Da gehe ich total ab. Aber ich denke mir immer, dass mich die Leute anschauen und mich für einen Freak halten.

Teerfüsse und Traubenglacé

“Entschuldigen Sie bitte, wo geht’s denn hier zum Mond?” Stellt man solch eine Frage, erntet man Blicke, die in etwa sagen: “Die ist ja völlig durchgeknallt.” Genau gleich sehen einen die Leute an, wenn man barfuss im Sommerregen über den Grossstadtteer läuft oder im Mai im Rhein schwimmen geht.

 

Gegen die Gewohnheit

Jeden Tag etwas tun, das man normalerweise anders machen würde, das war das Ziel des Monats Mai. Es reichen auch ganz kleine Sachen: Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren anstatt mit dem Bus, nicht immer die gleiche Glacésorte essen sondern eine ganz andere kosten (Traubenglacé zum Beispiel, sehr lecker!), Gummistiefel mit dem Sommerkleid kombinieren.

 

Einen tieferen oder gar hochstehenden Sinn hat diese Übung nicht. Sie dient lediglich dazu, unsere Ängste zu überwinden und eventuell herauszufinden, dass genau diese angsteinflössenden Dinge viel Spass bieten können. So ein Monat kann sehr bereichernd sein. Zum einen macht man sich einmal Gedanken, in welchen Mustern wir denn so gefangen sind. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, aber er muss es nicht immer und nicht voll und ganz sein und bleiben. Zum anderen überwindet man sich, sein Schamgefühl und seine Verklemmtheit. Oftmals sind uns Dinge peinlich oder wir trauen sie uns nicht, weil wir Angst davor haben, komisch angeguckt zu werden. Oder weil es neu für uns ist, weil wir es halt „schon immer“ anders gemacht haben.

 

Für Mutige und solche, die es gerne werden möchten

Aber nur weil etwas schon immer so war, muss man es nicht so weiterführen. Du gibst dem Obdachlosen am Bahnhof regelmässig ein paar Franken? Dann lade ihn doch das nächste Mal auf ein Sandwich ein. Selten hatte ich solch ein interessantes Gespräch! Putz dir deine Zähne mal mit links, geh alleine ins Kino, steig in einen Zug, ohne zu wissen wohin er fährt. Oder anders gesagt: Nimm dein Leben in die Hand, versink nicht in Gewohnheiten. An Überraschungen, Spass und Erkenntnissen wird es nicht fehlen, das sei hier versprochen. Perfekt geeignet für alle, die ein bisschen Aufregung in ihren Alltag bringen möchten, ihre Kreativität testen und ihren Mut unter Beweis stellen wollen. Oder einfach für Leute, die ein bisschen Abwechslung suchen.

 

 

Zur Serie


Dieser Artikel ist der fünfte aus der Serie “Das Ende ist nah”. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 20. Dezember (vielleicht) untergeht.

 

Über Raufbolde, Gesellschaftsspiele und Repression

Viele Tore. Verwertete, verschossene und gehaltene Penalties. Ein konzeptloser Schiedsrichter. Rudelbildung. Und eine rote Karte. Eigentliche sind das beste Voraussetzungen für ein packendes Fussballspiel. Und doch gibt es nur einen korrekten Vergleich: Es war das langweiligste Spiel seit Schweiz gegen Spanien an der WM 2010.

 

Was ist passiert?

FCZ-FCB, 6. Mai 2012. Basler Fans reisten teils mit dem Zug, teils mit einem Autokorso ans Spiel. Zweitere wurden beim gemeinsamen Marsch zum Stadion von der Polizei eingekesselt und sahen sich einem Aufgebot gegenüber, das russische Präsidentenwahlen beinahe in den Schatten stellt. Erinnert an den “Kessel von Altstetten” von 2004, bei welchem knapp 500 Fans unter gleichen Bedingungen und rechtsstaatlich höchst umstrittenen Methoden präventiv verhaftet und verhört wurden – Teenies, Frauen, normale Männer –, entscheiden sich die Basler zu der friedlichsten Aktion, die einer Situation wie dieser möglich ist: sie fahren wieder heim. Und zwar genauso, wie sie es beim letzten Städtederby im Herbst zuvor schon taten. Aus Solidarität und um Zeichen gegen übertriebene Repression gegen eine kleine Randgruppe der Gesellschaft zu setzen, stimmte auch die Zürcher Südkurve in den Support-Boykott mit ein und verliess ebenfalls geschlossen ihren Sektor. Das Spiel selbst fand natürlich statt. Aber es herrschte null Stimmung, null Emotionen kamen auf und die Leute schauten bereits in der ersten Halbzeit, als der FCZ dem Gegner noch einigermassen Paroli bot, gelangweilt.  Vor dem inneren Auge kullerte bei manch einem wohl ein Grasbüschel vor Augen her. Unterbrochen wurde diese gähnende Stille nur von verteilten Klatschkarton, die sporadisch ein solch monotones Geräusch erzeugten, dass Vuvuzelas hingegen wie eine Symphonie der Abwechslung wirken.Gerade an solchen Spielen merkt man, dass Fussball ohne Kurvenstimmung nicht dasselbe ist.

 

 

Zwei diametrale Fronten

Wie immer gibt es zwei Seiten der Medaille. Und das ist in diesem Fall die Sicht der Polizei und diejenige der Fanlager. Liest man die Pressemitteilung der ersteren, kriegt man das Gefühl, es herrsche eine Untergangsstimmung wie im Kalten Krieg, Um 17:00, pünktlich zum Anpfiff der zweiten Halbzeit, gab es bereits die passende Medienmitteilung dazu. Und diese war voll des Lobs für den Einsatz der Staatsmacht, für dessen Notwendigkeit und Durchsetzung. Auf Nachfrage beim Polizeidepartement Zürich wurden alle marschierenden Fans – teils Vermummte mit Feuerwerk – auf der Duttweilerbrücke angehalten und einer Personenkontrolle unterzogen.  Augenzeugen bestätigen die Einkesselung und Befragung der ganzen Gruppe. Das scheint eine ganz vernünftige Polizeiaktion und natürlich können saufende und zündelnde Raufbolden nicht einfach anarchisch durch die Häuser ziehen. Natürlich ist die Polizei an eine Überwachung der Situation gebunden. Doch dazu stellen sich zwei Fragen: War der Einsatz verhältnismässig und bestand dieser “Pulk” (PD Zürich) wirklich nur aus meuternden Trinkern, so dass eine kollektive Befragung gerechtfertigt wäre. Zweiteres stimmt natürlich nicht, wie auch auf Bildern der Tageswoche zu sehen. Natürlich sind gerade bei einem Autokonvoi auch Mütter, Väter, Kinder – gute Menschen halt – dabei. Seitens Fanlager schreibt man von einem übertriebenen Polizeieinsatz und gewaltlosen, gemeinsamen Protestaktionen.   Süd- und Muttenzerkurve sind sich ja nicht gerade wohlgesinnt wie ein eingespieltes Ehepärchen. An diesem gemeinsamen Protest erkennt man, wie ernst es den schweizerischen Fankurven um ihre ganz eigene Kultur ist. Die werden das nicht einfach aufgeben.

 

Lösung eines gesellschaftlichen Problems

Wie wird dieses Problem zwischen Staat und Subkultur gelöst? Jugendliche brauchen immer Platz, um sich zu entfalten. Manche spielen Musik. Andere gehen gerne gemeinsam aus. Und es gibt solche, die unterstützen Wochenende für Wochenende ihre Mannschaft, egal wo sie spielt. Nicht erst seit dem Konkordat der KKJPD aus dem Jahr 2007 legte die Staatshand eine härteren Gang gegen letztere ein und versucht jegliche Auswüchse der Fangemeinschaft zu unterdrücken, ohne sich scheinbar gefragt zu haben, ob dies ein langfristig wirksamer Weg ist. Wohin Repression im schlimmsten Fall führen kann, erlebte auch Zürich 1980-82, als es brannte. Nicht, dass diese Zeiten wieder kurz bevor stehen, aber zu starke Beengung führt zu Radikalität. Genau wie bei einer Hornisse, die man zu erschlagen versucht. Egal ob man das Viech schlussendlich erwischt, man kann sich mächtig weh tun dabei. Gelernt scheint in der heutigen Politlandschaft allerdings wenig. Alle die Karin Keller-Sutters in der Schweiz beschwörten aus egoistischsten Motiven der eigenen Popularität schon die Apokalypse durch Fangewalt. 2012 geht scheinbar die Welt wegen Fussballfans unter und gar nicht wegen irgendwelchen Maya-Prophezeiungen. Der Polizeieinsatz an diesem Spiel kostete laut PD Zürich 250’000 Franken. Sogar ein Einsatz von Überwachungs-Helikoptern wird von den Behörden nicht verneint. Einflussreiche Politiker sollten sich gut überlegen, ob kreisende Hubschrauber und Kosten von einer Viertelmillion wirklich noch der richtige Weg sind, um einem gesellschaftlichen Minoritätenphänomen zu begegnen. Diskussion statt Repression wäre möglichweise ein gangbarer Pfad. Und sicherlich auch billiger.

Es ist ein Irrglaube zu denken, der Fussballfan hat von Grund auf böse Absichten. Alleine schon in ihrem Engagement und ihrer Kreativität für Choreografien ist das an jedem Wochenende zu sehen. Und sind wir mal ehrlich: Was ist denn die Schweizer Superliga schon ohne diese farbige, feurige und lautstarke Stimmung in den Stadien? Sicherlich nicht spannender.

Im Bann des kleinen Displays

Die Momente, in denen Betroffene anfangen eine Handysucht zu entwickeln häufen sich. Es sind die Momente in denen man sich einsam und leer fühlt. Oder auch einfach etwas sucht, dass die Stille füllt. Die Momente in denen keine Musik, kein Fernseher läuft, Momente, die nicht mit Kommunikation oder Arbeit angereichert sind. Ist man einmal ohne Einwirkung äusserer Einflüsse, so ist die Beschäftigung in seinem iPhone zu finden. Die ständige Angst von einem sozialen Netzwerk ausgeschlossen zu sein lösen den notwendigen Griff zum Handy aus.

 

Depressionen als Folge

Dieser Griff, der sich ständig vermehrt, kann der Anfang einer Sucht bedeuten. Denn so paradox wie es klingen mag, die Betroffenen, sind in ihrer Sucht der gänzlichen Isolation ausgesetzt. Durch ihre Abhängigkeit zum Mobiltelefon verlieren die Süchtigen den Blick für die direkte Aussenwelt. Die fiktive Zugehörigkeit über ihr Mobilteil wird plötzlich wichtiger als der Kontakt mit Mitmenschen. Die Flucht in diese Scheinwelt, eine Welt die ohne richtigen Konktakt und Austausch besteht, kann zu Angstzuständen und Depressionen führen. Bleibt das Handy zu Hause liegen oder ist der Zugriff gerade nicht möglich, können nämlich Angstzustände folgen. Es gibt den Betroffenen das Gefühl, nicht mehr in diese Welt zurückkehren zu können, sie gänzlich zu verlieren. Darum sprechen Experten einer Studie schon von “ständigen Enttäuschungen im Alltag, bis zu Depressionen”.

 

Förderung der Prävention

Erschreckend sind vor allem die Zahlen bei Kindern, die etliche neue Studien, wie z.B eine der ZHAW die aufzeigt: 40’000 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren in der Schweiz, sind süchtig nach dem Umgang mit ihrem Natel. Jungen Menschen, die ihrem Smartphone mehr Aufmerksamkeit schenken, als alltäglichen Tätigkeite. Anstatt draussen zu spielen, sitzen sie vor dem kleinen Bildschirm und tauchen dort in die vorgefertigten Welten ab. Und statt sich real mit Kollegen zu verabreden, schreiben sie SMS hin und her und tauschen über Whatsapp Neuigkeiten aus. Aufgrund dieser Problematik werden die Kinder  in der Schule zukünftig besser über die Vorteile, aber auch über die Gefahren ihres Handys informiert. Pro Juventute bietet Eltern und Lehrern verschiedenste Kurse und Workshops an. in denen sie über die Handysucht aufgeklärt werden und diese bei ihren Sprösslingen zu verhindern lernen. Mit diesen präventiven Angeboten, soll der verantwortungsvolle Umgang mit dem Mobiltelefon vermittelt werden. Danach wird der nächste Blick aufs Handy hoffentlich etwas bedachter vorgenommen.

Der Jugend ist Lebenslust ein Bedürfnis

Es blieb nicht bei einer einmaligen Aktion. Der spontane Protestzug von 3’000 Jugendlichen durch die Stadt Bern in der Nacht vom 11. Mai auf Samstag war bereits der grösste seiner Art seit der Besetzung des alternativen Kulturzentrums Reitschule in den 80er-Jahren. Am letzten Samstag haben dann gegen 20’000 Jugendliche am zweiten unbewilligten Strassentanzfest “Tanz dich frei” teilgenommen. Die Reitschule, das Kapitel und einige weitere Nachtklubs blieben aus Protest gegen die Verfügung von Statthalter Christoph Lerch geschlossen.

 

Politik im Alltag

Flurin Jecker, Berner Student und Schriftsteller, begründet auf seinem Blog die rege Teilnehmerzahl folgendermassen: “Die Leute werden aktiv, da es sich nicht um un(be)greifbare, abstrakte politische Bestimmungen handelt, sondern weil die Besucher spätestens eines abends gemerkt haben, dass ihr Club geschlossen ist”. Reto Nause (CVP) sieht die treibende Kraft eher im Internet: “Soziale Netzwerke haben zu einer neuen sozialen Dynamik geführt”, so der Sicherheitsdirektor der Stadt Bern.

 

Die Reitschulbetreiber halten dagegen und sehen die Gründe in der grundsätzlichen Diskussion über Freiräume. Sie argumentieren, dass immer mehr öffentliche Räume zur kommerziellen Nutzung an Private vermietet würden, wie zum Beispiel die grosse Schanze an das Openairkino von Orange und an die City Beach-Betreiber. Das führe zu einem “akuten Mangel an konsumzwangfreien Treffpunkten für Jugendliche, der in einer solchen Aktion zum Ausdruck gelangt”.

 

Einschränkungen haben den Vorplatz erreicht

Was ist eigentlich los in Bern? Ende des letzten Jahres hat die Geschichte ihren Lauf genommen. Der Wasserwerkclub in der Berner Matte musste wegen Lärmklagen von Anwohnern sowie Ungereimtheiten bei der Lärmpegelmessung seine Tore schliessen. Bevor der Wasserwerkclub jedoch den Tanzboden rückgebaut hat, ging eine letzte grosse Party unter dem Motto “Figg di Frou Müller”, in Anlehnung an den Namen der Lärmklägerin, über die Bühne. Übrig blieb danach ein durchschnittlicher Barbetrieb an der Aare. Dann wurde es für einige Zeit still und es schien als sei die Einschränkung von allen Betroffenen akzeptiert worden.

 

Einige Wochen später, am 4. Mai, überreichte Statthalter Lerch (SP) schliesslich die umstrittene Verfügung an die Betreiber der Reitschule, welche bauliche und organisatorische Massnahmen, sowie Verbote zwecks Lärmverminderung beinhaltet. Demnach sollen der Verkauf von Getränken sowie Hintergrundmusik auf dem Vorplatz nach 00.30 Uhr verboten werden und die Vorplatzbar soll während dem Monat Juni geschlossen bleiben. Ausserdem werden die Betreiber der Reithalle dazu verpflichtet, allfällige Gäste nach 00.30 Uhr vom Vorplatz wegzuweisen. Begründung der Massnahmen: Insgesamt 81 Lärmklagen gegen die Reitschule im letzten Jahr.

 

Immer wieder dieselben Feindbilder

Die Verfügung der Stadt stiess unmittelbar auf viel Aufmerksamkeit. Die Reitschule berief eine Vollversammlung ein, die Lokalteile der Zeitungen berichteten über die vorgesehenen Verbote und auf Facebook waren die Reaktionen unmissverständlich. So brachte ein aufgebrachter User den Vorschlag: “Dann machen wir auf der Strasse bei Christoph Lerch abends eine Grillparty.”

 

Kurzerhand wurde der Slogan der letzten Wasserwerkparty mit dem Namen des Statthalters aktualisiert und schon in der Nacht von Samstag auf Sonntag zogen und tanzten 3’000 Personen friedlich durch die Innenstadt von Bern unter dem Motto: “Nehmt ihr uns den Vorplatz, nehmen wir uns die Stadt.” Sicherheitsdirektor Reto Nause gibt gegenüber Tink.ch zu bedenken, dass es in der Stadt Bern eigentlich viel grünen, frei zugänglichen Naherholungsraum und eine lebendige Clubszene mit zahlreichen alternativen Kulturangeboten gibt. “Ich bedaure die fehlende Zusammenarbeit mit den Veranstaltern, um Rahmenbedingungen für den Anlass am Samstag festlegen zu können”, sagt Nause.

 

Jung und freimütig

Nicht gerade zum allgemeinen Verständnis beigetragen hat allerdings die widersprüchliche Kommunikation von Christoph Lerch gegenüber den Medien. Selbst die Tageszeitung Der Bund monierte am Montag vor einer Woche: “Statthalter Lerch hat sich selbst geschadet. Das Verhalten von Regierungsstatthalter Christoph Lerch (SP) nahm letzten Freitag kuriose Züge an.” Tatsächlich hatte Lerch am Freitag zuvor per Medienmitteilung verlauten lassen, die Wegweisungspflicht sei vom Tisch. Einige Stunden später gab er gegenüber dem Bund zu Protokoll, die Wegweisungspflicht bleibe bestehen. Der Statthalter selbst weilt momentan in den Ferien und war deshalb für eine persönliche Stellungnahme nicht zur Erreichen.

 

Wie dem auch sei: Etwas schien diesmal ungewöhnlich zu sein. Während sich Politiker, Medien, Anwohner und die Reitschulbetreiber über Zahlen, Fakten und Aussagen streiten, begann sich eine eindrückliche Protestaktion für den 2. Juni zu formieren. Die Gründe mögen vielschichtig und je nach Betrachtungsweise unterschiedlich zu sein. Eine naheliegende Erklärung für die Dynamik liegt in der naturgemässen Freimütigkeit und im Bewegungsdrang von jungen Leuten. Im Sinne von Lebenslust, Vielfalt und Kreativität während einer Nacht durch die Stadt zu tanzen, ist offensichtlich für viele Jugendliche ein Bedürfnis. Und, wie die Reitschüler meinen, am besten alles weit entfernt von Rahmenbedingungen und Bewilligungen.

Erkältungstee vor der grossen Show

“Kann mir mal jemand sagen, wieso ein Drummer so viel Platz braucht?” Gelächter. Es ist Samstag, kurz nach Mittag vor dem Konzertlokal Schüür in Luzern. Die drei Jungs von der Hiphop-Band GeilerAsDu (GAD) witzeln, sind gut gelaunt und erwarten viel vom heutigen Abend. Es wird ein Heimspiel, wenn sie hier am Abend ihre dritte CD “Flöchted” taufen. Seit mehr als fünf Jahren spielen GAD nun zusammen. “Es ist nicht unsere grösste Show, aber die bisher aufwendigste und strukturierteste”, sagt Luzi Rast. Er und Mike Walker werden mit dem Mikrofon in der Hand auf der Bühne stehen – zusammen mit Fabrizio Zihlmann alias Dj LUiG hinter den Plattentellern.

 

Um den roten Bus neben dem Backstagebereich tragen weitere sechs Männer Kabelrollen, Bierdosen, Buchstaben aus Styropor und Einzelteile eines Schlagzeugs in einen schmalen überfüllten Lift, der nach oben zur Bühne führt. Ein Hiphop-Team mit einem Schlagzeug? Das gibt es selten, doch für eine Plattentaufe lässt man die Normalität gerne mal zu Hause. Kim Allamand, Drummer der Band Alvin Zealot, wird das Trio heute unterstützen. Auf der neuen Scheibe findet sich gemeinsames Lied der zwei Luzerner Bands.

 

Routinierte Rapper

Draussen ist das schönste Wetter, warm und wolkenlos. Doch wir werden die nächsten Stunden im Konzertsaal der Schüür verbringen, bei künstlichem Licht und lauter Musik.

 

Ist alles Material auf der Bühne und das Bier kühlgestellt, beginnt der Aufbau: Was kommt wo und wie nahe aneinander dürfen die Schweinwerfer stehen? “Das Schlagzeug noch ein bisschen weiter rechts” – ach, machen wir es doch einfach im “Freaky style”. Alle packen mit an, jeder Handgriff sitzt. Ein abgestimmtes Team. Die Stimmung ist locker und familiär. In keinem anderen Lokal in der Schweiz würden die ganzen Aufbauarbeiten so locker und professionell unterstützt wie in der Schüür, meint Rapkollege Filthy Stitch.

 

14:30 Uhr. “Wir sind voll im Zeitplan!”, freut sich Fabio Gemperli, Manager der Band. Die Bühne steht und “es isch der Shit”. Übersetzt aus dem Rapperslang kommt dieser Ausdruck einem “sieht verdammt gut aus” nahe. Nun folgt der Soundcheck. Die Mikrophone werden getestet und die Lautstärke geregelt. Bei den ersten Beats, die Schlagzeug und Mischpult von sich geben, kommen die Emotionen: Ein Strahlen auf den Gesichtern der Crewmitglieder ist zu sehen, sie können sich nicht mehr zurückhalten, rappen mit und tanzen durch die Halle. Die Musik fliesst durch die Adern und es dauert nur wenige Minuten, da liegt man sich in den Armen. Erleichterung. Freude. Es kommt gut!

 

Lauter Nebel

Es folgt die Organisation von Details und Special Effects, denn auch der Einsatz eines Konfettiwerfers will geübt sein. Schlagzeuger Kim Allamand möchte neue Drumsticks, “aber die richtigen”. Der Zeitplan für den späteren Nachmittag und die Setliste werden backstage ausgehängt. Die Stimmung ist gemütlich. Eingehender wird diskutiert, ob die Lautstärke des Trockeneises dem Publikum zugemutet werden darf. Doch man entscheidet die Durchführung. Das Trockeneis wird später das Highlight des Abends sein.

 

Gelassen wirken sie, die Rapper. Keine Spur von Nervosität? “Noch nicht”, sagt Luzi Rast. “Erst später, wenn die Leute kommen…”.

 

Nun folgt die Hauptprobe. Es werden alle Songs in der Reihenfolge gespielt, die auch am Abend gilt. Auch bei der Übung und der wohl hundertsten Wiederholung eines Songs scheinen die Emotionen echt zu sein, die Gestik lässig, der Auftritt erstklassig. Manager Fabio macht sich Notizen zu jedem Stück. Zwei bis drei Übergänge werden wiederholt, während die Lichtshow bereits stimmt. Unterdessen wird der Lärm der Trockeneismaschine mit dem Beat abgestimmt: “Das zweite ‘Bääm’ war zuviel”, so die Rückmeldung von der Bühne. Die Show “wird dr Shit!”, ruft jemand, die Vorfreude steigt ins Unermessliche. Was wäre das Schlimmste, was nun passieren könnte? “Ein Systemabsturz des Laptops”, grinst Luzi Rast. “Über so etwas wird nicht geredet”, ruft der DJ lachend hinter dem Mischpult hervor.

 

Draussen vor der Schüür

16:20 Uhr. Heidi Happy, neben dem Solothurner Rapper Manillio ein Überraschungsgast des Abends, kommt zum Soundcheck. Die erfolgreiche Sängerin aus Luzern geht diese Woche auf Amerika-Tour, doch jetzt lässt sie es sich nicht nehmen, bei der Plattentaufe den gemeinsamen Song zu performen. Da die Datei auf dem Laptop bockt, sind die Scratching-Künste des DJs verlangt, oder wie Heidi Happy es ausdrückt: “Ein bisschen ‘Schh-schh’, dann kommt’s gut”. Während Luzi Rast das Stück für die Zugabe nochmals üben möchte, muss Mike Walker ein Interview geben. So springt der Manager Fabio Gemperli kurzum ein und gibt auf der Bühne seine Rap-Künste zum Besten.

 

17.10 Uhr. Die einzige Pause. Wer kann, geht schnell nach Hause, duschen, sich umziehen, stylen. Die Socken müssen vom Muster her zum Shirt passen, das Hemd zu den Schuhen. Die anderen bleiben backstage oder sitzen in der Sonne, trinken ein Bier und sprechen über Musik. Zusammen geht man noch die Gästeliste durch. Wer darf wie viele Leute einladen? Wer darf nicht vergessen werden? Der nächste Fixpunkt ist das gemeinsame Abendessen, draussen vor der Schüür. Nervös oder aufgeregt seien sie gar nicht, so der Tenor. Nur ein klein wenig angeschlagen – wegen den Pollen. Das grosse Thema am Tisch ist nicht das folgende Konzert, sondern der laufende Fussballmatch.

 

Türöffnung

Um 19.30 Uhr treffen grossgewachsene Männer mit grossem Sound im Gepäck ein. Support Act “Webba”, die den Stau zwischen Bern und Luzern geniessen durften, beginnen sogleich den Soundcheck. Auch die Berner freuen sich auf den Abend. “Wir sind ready und beginnen, wenn ihr es wollt!”, lässt der Frontmann verlauten. Gemütlich geniesst man noch einen Snack, spielt Tischfussball oder geht nochmals die Checkliste durch. Auf dem Programm steht einzig noch die Türöffnung um 20.30 Uhr. Dann füllt sich der Saal mit Menschen, es geht los. Jetzt werden sogar die Hiphopper merklich nervös. Noch ein kleiner Schlummertrunk vor dem grossen Auftritt, ein Erkältungstee, und dann:

 

Let the show begin, oder: “Es wird der Übershit!”

Zwischenhalt vor dem “Ende der Welt”

“Ich habe den Weg am Todestag meiner Ehefrau in Angriff genommen.” Diese Worte stammen von einem englischen Pilger in den Sechzigern. Er steht mir im Pilgerbüro in Santiago de Compostela gegenüber. Nach der langen Reise ist er sichtlich überwältigt von den Emotionen. Darum geht es beim Pilgern: um die Konfrontation mit seinem Leben in der Vergangenheit, in der Gegenwart und vielleicht auch in der Zukunft. Über den berühmten Jakobsweg wurden bereits viele Bücher, Blogs und andere Beiträge verfasst, selbst Filme findet man dazu.

 

Die Pilgerrouten, welche kreuz und quer durch Europa führen, visieren alle dasselbe Ziel an: Santiago de Compostela, eine unscheinbare 90’000-Seelenstadt im äusseren Nordwesten der Iberischen Halbinsel. Hier arbeite ich seit zwei Monaten im “Oficina do Peregrino”, der Anlaufstation für die Ankömmlinge nach dem Gottesdienst in der Kathedrale.

 

Rush-Hour im Pilgerbüro

Warm und trocken fühlt es sich an im Pilgerbüro mitten im alten Stadtkern von Santiago de Compostela. In dem engen Raum reiht sich Schalter an Schalter, Mitarbeiter an Mitarbeiterin. Dieses Bild vervollständigt sich an diesem Tag mit triefend nassen, in langen Regenjacken gekleideten, jedoch meist glücklich lächelnden Menschen, welche die einige hundert, wenn nicht sogar tausend Kilometer lange Strecke hinter sich gebracht haben.

 

Der Lärmpegel ist hoch, es geht stressig zu und her. “Zu Beginn des Sommers gehen hier täglich etwa tausend Menschen ein und aus”, sagt ein Koordinator des Büros. Kein Wunder, dass die Schlange aus dem Treppenhaus durch den Innenhof bis auf die Gasse hinausreicht. Besonders an Pfingsten herrscht Hochbetrieb im Pilgerbüro: Viele Besucher, welche vor einigen Minuten noch in der Kathedrale gleich um die Ecke den für sie gehaltenen Gottesdienst mitverfolgt haben, strömen nun in Scharen zur letzten Etappe ihrer aussergewöhnlichen Reise.

 

Nach dem Pilgern ist vor dem Pilgern

Oder zur vorletzten. Denn vielleicht ist es der Drang nach der Weiterreise, womöglich sind es aber auch touristische Beweggründe, weshalb die Pilger nach dem Besuch im Pilgerbüro ans sogenannte “Ende der Welt” aufbrechen. Dabei handelt es sich um die früher in der Schifffahrt berüchtigte Bucht Finisterro am Atlantik, in der Pilger ihre abgenutzten Kleider verbrannten. Heute zieht es fast die Hälfte der Reisenden aus Santiago in die Bucht weiter –  wohl zur Reflexion über die vergangene Reise.

 

Während sich die Wartenden draussen in Geduld üben müssen, haben die Angestellten im Innern des Büros alle Hände voll zu tun. Meist vervollständigen sie einen auf hellbeigem Papier gedruckten Text mit dem lateinischen Namen des jeweiligen Pilgers und überreichen ihm die offizielle Urkunde, genannt “Compostela”. An Schalter 4 juchzt ein junger Japaner. Ob es die Freude ist über den Erfolg, oder die Trauer darüber, das Ende des Weges erreicht zu haben – die Gründe für die emotionalen Ausbrüche sind so individuell wie die Biographien, welche die Pilger mit sich tragen.

 

Von Freud und Leid

Viele nutzen jedoch bereits den Moment der Übergabe der Urkunde als eine Art Rückblende und sprudeln all ihre Erlebnisse wasserfallartig in Erzählungen hervor. “Die Leute kommen aus allen Herren Ländern. Ich habe Bekanntschaft gemacht mit Wanderern aus den Vereinigten Staaten, Lateinamerika und Südkorea”,  erzählt ein Gast aus Deutschland voller Stolz.

 

Blasen an den Füssen, unerträgliche Knieschmerzen und volle Herbergen seien vielfach jedoch die Kehrseite der Medaille, da sind sich die meisten Pilger einig. Doch dann gibt es eben auch diese Lebensgeschichten, bei denen man Gänsehaut bekommt. So wie jene des älteren Herren aus Dänemark, der an zystischer Fibrose leidet und  trotz Warnungen seines Arztes nach Santiago losgelaufen ist. “Ich wollte ein Zeichen setzen, den leidenden Menschen Hoffnung machen. Und ich bin angekommen”, sagt er.

 

Geschichten wie Letztere sind die eigentlichen Gründe, welche mich dazu motivieren, die Arbeit im Rahmen eines Volontariats im Pilgerbüro jeden Tag aufs Neue aufzunehmen. Zwar können mich die teilweise sehr emotionalen persönlichen Erlebnisse der Pilger eine gehörige Portion an Nerven kosten. Aber die Begegnungen mit Menschen verschiedenster Religionen, Nationalitäten und Alter wirken bereichernd. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis man auch mich mit Wanderrucksack und Pilgerstock durch die hügelige nordspanische Landschaft trotten sieht.