Gesellschaft | 10.04.2012

Vom verunsicherten Mann zum echten Menschen

Text von Charlotte Hoes
Wer die letzten Jahrzehnte nicht unter einem Stein gelebt hat, der wird den Namen Alice Schwarzer zumindest schon einmal gehört haben. Vor zwei Wochen sprach die Frauenrechtlerin an der Universität Zürich über emanzipierte Frauen, verunsicherte Männer und echte Menschen.

Alice Schwarzer – das darf man sagen – ist die Ikone der deutschsprachigen Frauenbewegung. Auch nach jahrzehntelangen Bemühungen um die Rechte und Gleichstellung der Frau ist es nicht ruhiger um sie geworden. Im Gegenteil. In ihren Thesen ist sie direkt, beharrlich und provoziert. Manche werfen ihr genau das vor. Jüngst hat die Gründerin der Zeitschrift EMMA einmal mehr durch ihre Stellungnahme gegenüber dem Islamismus, der Pornografie und der Prostitution für Kontroversen gesorgt. Auch bei ihrer Rede an der Universität Zürich am 27. März 2012 liess sie es sich nicht nehmen, diese Themen anzuschneiden.

 

Veranstaltet wurde der Vortrag “Emanzipierte Frauen und verunsicherte Männer – und nun?” vom Schweizerischen Institut für Auslandforschung. Trotz des famosen Frühlingswetters lauschten über 1000 Besucher den Worten von Alice Schwarzer. Die in Bestform aufgelegte, scharfzüngige Rednerin dankte es ihnen mit einer leidenschaftlichen und humorvollen Rede, deren Kernthemen und –thesen sicherlich Diskussionen wert sind.

 

Echte Männer in Gefahr

In erster Linie bezog sie sich auf einen Artikel der jungen Nina Pauer, ihres Zeichens ZEIT-Redakteurin. Diese hatte mit ihren Bemerkungen zum “Schmerzensmann” eine neue Lawine der Debatten um die Rollenverteilung der Geschlechter losgetreten. In Deutschland beklagten mehrere junge, emanzipierte Journalistinnen, dass es keine echten Männer mehr gäbe, die wüssten, wann sie die Frau zu küssen haben, oder berufliche Ambitionen hätten. Die Wortmeldungen sorgten für Verunsicherung, wie der Mann sich zukünftig verhalten solle.

 

Was jenen “Töchter der Emanzipierung” vorschwebe, wunderte sich Schwarzer. Immerhin sei es selbstverständlich, dass Männer auf der Karriereleiter Platz machen müssten, wenn Frauen auf ihr emporstiegen. Das Bildnis des “echten Mannes” brauche den Gegenpol der “echten Frau” und Schwarzer fragte, ob diese aufstrebenden Journalistinnen, die vielleicht nur die unruhige Verschiebung der Geschlechterrollen miterlebten, denn die Leiden ihrer Grossmütter vergessen hätten.

 

Winter für die Frauen

Für Alice Schwarzer steht fest, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter noch einen langen Weg vor sich hat. Sie mahnte auch an diesem Tag wieder vor biologischen Argumenten und dem leichtsinnigen Gefühl, sich ausruhen zu können. So schlug sie den Bogen zum Islamismus, der durch seine religiöse Radikalität eine Gefahr für die Frauen darstelle. Es würde sie daher nicht wundern, wenn aus dem arabischen Frühling ein “Winter für die Frauen” werden sollte. Dabei sei der Islam nicht allein; auch orthodoxer und christlicher Fundamentalismus stelle eine Bedrohung dar. Und die politischen Entwicklungen in den USA hin zu religiösen Extremismus, unter anderem bei den Republikanern, müssen beobachtet werden.

 

Zu alten Kategorisierungen zurückzufallen, oder sich allzu sehr in Sicherheit zu wähnen, könne nicht das Ziel sein. 4000 Jahre Patriarchat überwinde man nicht nach 40 Jahren Emanzipation und schon gar nicht mit einem Lächeln, so Schwarzer. Die Veränderungen in unserer Gesellschaft seien auch schon mal “ungemütlich” und sie verstehe, dass es einigen schwerfiele, sich von alten Überzeugungen zu trennen. Sie plädiere nicht für einfaches Schubladendenken und dem Wunsch nach dem “echten Mann”, sondern für das Ideal des “echten Menschen”.

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