Kultur | 23.04.2012

Sie erfinden menschenfreundliche Möbel

Text von Rade Jevdenic | Bilder von Rade Jevdenic
Ein Sofa, das sich dem Benutzer anpasst. Ein Sitzball, der nie leer ist. Ein Tisch, den man am besten im Wasser zusammenbaut. Zwei junge Designerinnen und ein Designer zeigten ihre Innovationen am internationalen Möbelsalon in Milano.
Rote Möbel sind gemütlich, man denke nur an Kinosessel: Pascale Grossmann macht Pause. Am besten selber ausprobieren: Véronique Baer erklärt Besuchern das Flexibilitätsprinzip der Sitzbälle. Holz und Wasser für einmal in Symbiose: Gerardo Chavez Casteñadas Tisch funktioniert ganz ohne Schrauben.
Bild: Rade Jevdenic

Als “BBH Collective« stellten sie letzte Woche in Mailand ihre Möbelkreationen vor. Deren Anfangsbuchstaben – B wie “Break” oder “Bounce”, H wie “Hydrophilia” – bilden gleichzeitig den Namen des Projektes von Pascale Grossmann, Veronique Baer und Gerardo Chavez Casteñada. Sie haben alle an der kantonalen Kunsthochschule in Lausanne ECAL Design studiert und vergangenen Sommer zusammen Abschluss gefeiert. Am Möbelsalon präsentierten die drei frischgebackenen Designer ihre Arbeiten erstmals dem internationalen Fachpublikum (siehe Link).

 

Nach den Sternen greifen

“Rot ist schlichtweg die Sofafarbe!” So erklärt Pascale Grossman die Farbe ihres Designsofas “Break”. Egal, ob Theater oder Kino, wo es gemütlich werde, treffe man Rot an, meint sie. Doch eigentlich geht es bei diesem Sofa weder um die Ästhetik, noch um die Form. “Ich wollte ein Sofa erschaffen, welches sich der Sitzhaltung anpasst”, sagt Pascale Grossmann. Deshalb lassen sich die Winkel bei der Rückenlehne sowie bei den Beinpolstern verstellen.

 

Wie die meisten Jungdesigner erhofft auch sie sich, in Milano einen Produzenten für ihr Produkt zu finden. Das sei jedoch noch ein Griff nach den Sternen. Möbeldesign bezeichnet sie als ihre Leidenschaft unter den verschiedenen Designarbeiten. Aber im Moment widmet sich Pascal Grossman vor allem der Innenarchitektur und dem Grafikdesign: Seit kurzem hat sie eine Festanstellung bei einem Designbüro in Freiburg. Ein Erfolg für die 24-Jährige, denn gerade im Bereich Design müssen die Absolventen sich oft jahrelang durch schlecht oder unbezahlte Praktika kämpfen. In der Branche herrsche eine Arbeitslosigkeitsquote von ungefähr dreissig Prozent, schätzt Pascale Grossmann – die vielen Designschaffenden, die auf andere Berufsfelder ausweichen mussten, nicht mitgezählt.

 

“Bei so viel Konkurrenz ist es extrem schwer, sich von der Masse abzuheben. Ich glaube, manchmal könnte ich da mehr Selbstvertrauen vertragen.” Dass Pascal Grossmann in einem so hart umkämpften Berufsfeld eine Stelle ergattert hat, erklärt sie denn auch mit Glück. “Ich musste mich letzten Herbst entscheiden zwischen einem einjährigen Praktikum in Neuenburg oder dem dreimonatigen in Freiburg, ohne vorher zu wissen, ob es in einer Festanstellung münden wird.” Gut gepokert, auf jeden Fall freut sie sich nun auf die neue Herausforderung und die zukünftigen Projekte. Zur Inspiration für neue Werke hat die junge Frau einen Geheimtipp: Das Reisen.

 

Überraschungseffekt

Neben dem roten Sofa befindet sich eine weitere Sitzgelegenheit einer Schweizer Designerin: Fluffige Sitzbälle, entworfen von der 25-jährigen Véronique Baer, bieten einen skurrilen Anblick. Der Schaumstoff passt sich dem Körper an, wenn man auf dem Objekt Platz nimmt. Von welcher Seite man sich setzt, spielt dabei keine Rolle. “Es geht bei dem Projekt besonders darum, dass die Objekte nicht nach Sessel, sondern nach dekorativen Skulpturen aussehen”, sagt Baer. Viele Leute würden auf den ersten Blick nicht einmal die Funktion der Bälle, die sich “Bounce” nennen, erkennen. Zudem ist es wohl die einzige Sitzgelegenheit, die nie mit leerer Sitzfläche rumsteht.

 

In ferner Zukunft sieht sich Baer als freischaffende Designerin. “Sich auf dem Beruf selbstständig zu machen, ist das Ziel der meisten Designerinnen und Designer”, so Baer. Dieses zu erreichen, sei jedoch im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld sehr schwierig. “Besonders die kleineren Designunternehmen werden von der Wirtschaftskrise getroffen und schreiben daher kaum noch Stellen aus.” Auch einen Praktikumsplatz zu finden, sei im Moment nicht einfach, so die Luzernerin. Umso mehr freut sie sich, dass sie im Moment einem Praktikum im Bereich Innenarchitektur und Ausstellungsdesign nachgehen kann. “In meiner aktuellen Arbeit geht es oft darum, Exponate für Museen zu gestalten”, sagt Baer und schwärmt, wie abwechslungsreich diese Arbeit sei.

 

Grillabend statt Luxus

Auf einer Videoinstallation am Stand ist zu sehen, wie die Holzkomponenten des Projekts “Hydrophilia” an einem Seeufer zusammengebastelt werden. Hydrophobia, so nennt sich die panische Angst vor Wasser, und genau vom Gegenteil handelt das Exponat von Gerardo Chavez Casteñada. Der aus Mexiko stammende Nachwuchsdesigner hat einen Tisch mit zugehöriger Sitzbank entworfen, dessen Einzelteile man zuerst in Wasser einweichen muss. Sobald das Holz sich geweitet hat, kann man Metallteile als Halterungen einschieben. Beim Trocknen zieht sich das hölzerne Material wieder zusammen und bildet eine stabile Konstruktion. Die Bauform kommt ganz ohne Nägel, Leim oder anderen Hilfsmitteln aus. “Perfekt für einen Grillabend am See”, sagt Gerardo Chavez Casteñada lachend.

 

Sein Studium hatte er in Mexiko begonnen und war ursprünglich nur für ein Austauschsemester an die ECAL gekommen. Später verlängerte er seinen Aufenthalt, um schliesslich in Lausanne den Bachelortitel zu erwerben. “Während in Europa Design bereits seit Jahrzehnten gelebt wird, hat man in Südamerika erst vor wenigen Jahren angefangen, sich näher damit auseinanderzusetzen”, erzählt Gerardo Chavez Casteñada. Und weiter: “Denn wo ich herkomme, ist Design ein Luxus, an welchem oft gespart wird.”