Kultur | 11.04.2012

Renoirs dunkle Seite

Text von Tobias Söldi | Bilder von zvg
Das Kunstmuseum Basel zeigt bis am 12. August das wenig beachtete Frühwerk des französischen Malers Pierre-Auguste Renoir. Die Ausstellung zeichnet den Weg des jungen Künstlers zu seinen impressionistischen Bildern nach und versucht dabei, den klischeebehafteten Blick auf dessen Gemälde zu vermeiden.
Sonne, grüne Wiesen und Blumen: Renoir versteht es, idyllische Bilder zu malen. Seine Geliebte Lise Tréhot ist auf vielen Bildern in ganz unterschiedlichen Rollen anzutreffen. Wie dieser Herr sich aus dem Gestrüpp herauslöst, so tauchen aus den Tiefen der Bilder Abgründe auf.
Bild: zvg

Die Sonne scheint oft bei Renoir. Die Wolken, den Regen und den Winter liebte der französische Impressionist nicht. Auf blumigen, saftig grünen Wiesen lassen sich seine Figuren nieder und geniessen. Das malerische Ufer der Seine lädt zum Flanieren ein. Segelschiffe spiegeln sich im Wasser. Beinahe meint man, auf der Haut die Wärme der Sonne zu spüren und in den Ohren Vögel zwitschern zu hören. Idylle und Harmonie wohin man schaut. Renoir, der Maler des Glücks. Welch ein Genuss für den Betrachter an trüben Tagen in diese sommerliche Welt einzutauchen. Doch wer allzu tief taucht, wird bald auf eine dunkle Seite Renoirs stossen.

 

Jenseits des Mainstreams

Pierre-Auguste Renoir, 1841 geboren und früh mit seinen Eltern nach Paris gezogen, gilt als einer der Hauptvertreter des Impressionismus. Das Kunstmuseum Basel zeigt neben Werken aus dieser Phase auch frühere Arbeiten. Nach einer Ausbildung zum Porzellanmaler, während der Renoir eifrig im Louvre alte Meister wie Peter Paul Rubens, Antoine Watteau oder Jean-Honoré Fragonard studierte und kopierte, besuchte er ab 1861 die Klasse des Schweizer Malers Charles Gleyre. Dort freundete er sich mit anderen Künstlern wie Claude Monet, Alfred Sisley und Frédéric Bazille an. Auch sie sind, Bazille ausgenommen, in der Ausstellung anzutreffen, portraitiert von Renoir.

 

1864 wird er zum ersten Mal an die Salon-Ausstellung zugelassen – ein grosser Erfolg für den jungen Maler. Der «Salon de Paris« war zu der Zeit die tonangebende und über Karriere und offiziellen Kunstgeschmack bestimmende Ausstellung schlechthin. Damit hatte der Sohn einer Näherin und eines Schneiders den Aufstieg in die Bourgeoisie geschafft. In drei aufeinanderfolgenden Jahren durfte er im Salon ausstellen, dann aber wurde er abgelehnt. Zur selben Zeit gab der «Salon des Refusés« zu reden, in dem Édouard Manet und andere ebenfalls vom Salon zurückgewiesene Künstler parallel ihre Werke ausstellten. Was nicht zuletzt als Kritik am intrigenreichen Auswahlverfahren der Jury zu verstehen war. Zusammen mit Gleichgesinnten organisierte Renoir 1874 eine ähnliche Gruppenausstellung. Dort sollten die von der Kritik als Impressionisten beschimpften Künstler ihre Werke zeigen können – jenseits vom damaligen Kunst-Mainstream.

 

Mehr Farbe und weniger Linie

Diese typisch impressionistischen Werke unterscheiden sich besonders in ihrer Malweise von den früheren Gemälden. 1868 malt Rénoir seine Geliebte Lise Tréhot, die ihm auf vielen Bildern als Modell diente. «En Été« zeigt die zwanzigjährige Lise, die zu der Zeit von Renoir schwanger war. Ihre offenen, schwarzen Haare fallen beidseitig über ihre Schultern, die Bluse ist auf der einen Seite heruntergerutscht. Verträumt-melancholisch blickt sie aus dem Bild. Das realistisch wiedergegebene Gesicht und die Hände stehen im starken Kontrast zur flüchtigen und lockeren Malweise der Blätter im Hintergrund. Wie eine Vorahnung auf seinen späteren Stil erscheint die Malweise des Hintergrundes, die bald auch den Vordergrund bestimmen sollte. Die klaren Konturen lösen sich zunehmend auf, Farbflächen verlaufen ineinander, Pinselstriche und Farbtupfer werden als solche erkennbar. Die Farbe triumphiert über die Linie. Es geht im Impressionismus um das Spiel des Lichts, um das Festhalten der flüchtigen Erscheinung und nicht zuletzt um das Malen unter freiem Himmel.

 

Renoir, der Bohemian

Hinter der glänzenden Fassade von Renoirs Gemälden ist allerdings nicht alles so harmonisch, wie es zunächst erscheint. Ein Blick in den schön gemachten Katalog der Ausstellung bringt ans Licht, was im Dunkeln sich versteckt. Das, was bei Renoir wie ein elegantes Café mit Tanzboden aussieht, wird von Kritikern als «guinguette«, als billige Kneipe, charakterisiert. Das Gasthaus, in dem Renoir seine Kollegen beim Zusammensitzen malt, ist in Wirklichkeit ärmlich und schmutzig und der Kreis um Renoir wird von Zeitgenossen als «zügellose Gesellschaft« beschrieben. Lise Tréhot wird zur Mätresse, die in verschiedenen Rollen gezeigt wird. Unter anderem auch als falsche Braut von Alfred Sisley, weshalb manche Kunsthistoriker von einer auch sexuellen Dreiecksbeziehung sprechen.

 

Wie der Herr in «La Promenade« sich scheinbar aus dem Gestrüpp herauslöst und die in unschuldigem Weiss gekleidete Dame zu einem Liebesabenteuer verführt, so tauchen aus den Tiefen der Bilder Abgründe auf. Die Idylle wird empfindlich gestört.Das ist die andere Seite von Renoir: der Bohemian, inmitten von Prostituierten, Geldsorgen, vom Salon abgewiesenen Künstlerkollegen und nicht zuletzt zwei Kindern seiner Geliebten Lise, die er wohl beide verleugnete und mit denen er nichts zu tun haben wollte. So harmlos und unverfänglich, wie die Bilder auf den ersten Blick erscheinen, sind sie dann doch nicht. Das scheinbare Glück, das Renoir malt, ist nicht entrückt in ein fernes, unerreichbares Arkadien, sondern in ein zwielichtiges Milieu hinein konstruiert, das Renoir selbst nur zu gut kennt.