Gesellschaft | 30.04.2012

Geschichten aus dem menschlichen Abgrund

Text von Sophie Burkhalter | Bilder von Tink.ch
Als Nicks Mutter stirbt, muss der Junge ins Heim. Sein Alltag ist von nun an von Gewalt, Unterdrückung und Disziplin geprägt. "Nicholas Dane" von Melvin Burgess ist ein bedrückender Roman über sexuellen Missbrauch.
Ausschnitt eines Buchcovers von "Nicholas Dane".
Bild: Tink.ch

“Wie ist es hier?”, fragte Nick. “Verdammt beschissen.” Nick wollte wieder lachen, aber der Junge zuckte die Achseln und lächelte matt. “Tu einfach, was dir gesagt wird, und dann wird’s schon gehen”, sagte er. Nick zog eine Grimasse. Zu tun, was ihm gesagt wurde, war nicht gerade seine Stärke.”

 

Die ersten Tage im Heim sind hart. Nick kassiert dauernd Schläge. Er wehrt sich und schlägt zurück. Das bringt ihm einerseits Problemen, andererseits auch Anerkennung. Aber schlimmer als die Schläge ist der Stellvertretende Heimleiter Tony Creal. Er ist freundlich und lädt die Jungs zu sich in die Wohnung zum Kartenspielen und Fernsehen ein. Deshalb wird er auch “der liebe Tony Creal” genannt. Aber Creal hat auch eine andere, abgründige Seite: Er tut das alles nicht etwa, um den Jungs zu helfen, sondern um sie zu missbrauchen. Auch Nick missbraucht er, aber Nick wehrt sich und haut schliesslich ab.

 

Wird Nick den Weg zurück in ein normales Leben finden?

 

Das Thema sexueller Missbrauch war vor einiger Zeit immer wieder in den Schlagzeilen. Überall wurden Missbrauchsfälle aufgedeckt und tauchten Opfer auf. Was sexueller Missbrauch für die Betroffenen bedeutet, kann sich niemand vorstellen. Auch die Gewalt und Willkür, die in manchen Kinderheimen herrscht, ist unvorstellbar.

 

Melvin Burgess beschreibt in diesem Buch nicht nur das Schicksal von Nicholas Dane. Er erzählt auch die Geschichten vieler anderer Jungen. Wie etwa Olivers Geschichte: Der Junge wurde zuerst vom Freund seiner Mutter missbraucht, kam dann ins Heim und wurde auch dort missbraucht. Oder ein anderer Junge, dessen Leben kurz zusammengefasst so aussah: Rein ins Heim, abhauen, wieder ins nächste Heim und so weiter und so fort.

 

Der Autor erzählt auch von ehemaligen missbrauchten Heimkindern, die nun erwachsen sind, ihre Erlebnisse aber nie ganz verwunden haben. All dies tut Melvin Burgess mit grossem Einfühlungsvermögen und ohne Effekthascherei.

 

So wird dieses Thema aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

 

Dieses Buch ist ganz bestimmt keine “leichte Lektüre”. Für Jemanden, der “nur” gut unterhalten werden möchte, ist es sicher das falsche Buch. “Nicholas Dane” ist für diejenigen Leserinnen und Leser gedacht, die bereit sind, sich vertieft mit diesem schwierigen Thema auseinander zu setzen.

 

Melvin Burgess: Nicholas Dane, Carlsen, ca.443 Seiten, ab 16 Jahren.

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  • Weitere Buchkritiken gibt es bei Leporello, dem Kulturmagazin für Kinder und Jugendliche.