Politik | 03.04.2012

Europa in der Schule

Text von Aaron Rixecker | Bilder von Michelle Fridle/YES
Bei Diskussionen um die schweizerische Europa-Politik werden zu oft nur die Positionspapiere der Parteien nacherzählt. Die politische Jugendorganisation Young European Swiss hat es sich jetzt zur Aufgabe gemacht, die positiven Aspekte der Europäischen Union aufzuzeigen. Die Organisation besucht deshalb im Rahmen ihrer Aktivitäten auch immer wieder Schulen, um zukünftige Wähler mit dem Thema Europa zu konfrontieren. Eine Reportage. -¨
Europa sei wie eine Schallplatte und die Schweiz sei das Loch. Die YES möchte das ändern. Ende März war sie deshalb an der Kantonsschule Wattwil zu Gast. Höhepunkt des Tages war die Podiumsdiskussion mit Bundespolitikern.
Bild: Michelle Fridle/YES

Für die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen der Kantonsschule Wattwil beginnt dieser Morgen im März ungewohnt. Punkt acht Uhr ist ihre Anwesenheit in der schuleigenen Aula gefordert. Um diese Zeit haben nämlich die Young European Swiss – kurz YES – zum Beginn ihres Projekttages gelanden.

 

Da viele Schüler noch nie etwas von YES gehört hatten, beginnt der Tag mit einer kurzen Vorstellung der Organisation. Die YES ist eine sachpolitische Jugendorganisation. Parteipolitisch unabhängig, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, zukünftigen und jungen Wählern die gute Seite Europas aufzuzeigen und für eine aktive Rolle der Schweiz in der europäischen Union zu werben.

Zudem möchten sie zum kritischen und politischen Debattieren über das Thema anregen.

 

Auf die Vorstellung folgt die halbstündige Präsentation eines Mitarbeiters des Büros für Integration. Dieser gibt sich sogleich als ehemaliger Kantischüler zu erkennen und schafft es durch die so gewonnene Aufmerksamkeit doch noch, den Schülern die vergangene, gegenwärtige und zukünftig geplante Europapolitik der Schweiz ein wenig näher zu erläutern. Dem Minenspiel der meisten Zuhörer zufolge werden ihnen hier zum ersten Mal Floskeln wie die “bilateralen Verträge” genauer erklärt. Ein erster Schritt in Richtung besseres Verständis der Europakontroverse ist also getan. Damit dieser nicht der letzte bleibt, werden die Schüler

danach in verschiedene Gruppen eingeteilt.

 

Schüler auf dem politischen Parkett

Jede Gruppe wird jetzt, jeweils zwei YES-Mitarbeitenden angeleitet, durch einen Workshop geführt. Zur Auswahl stehen dabei die drei Themen “Beziehung Schweiz – Europäische Union”, “Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union” und “Europa Global”.

Nach einem spielerischen Einstieg mit einem Quiz über Europa vertiefen sich die Schülerinnen und Schüler über zwei Stunden in das ausgewählte Thema. Vor dem Hintergrund der Geschichte erläutert die YES, welche Haltung sie der aktuellen Situation und der geplanten Zukunft gegenüber vertritt. Dabei bleiben sie von kritischen Fragen der Jugendlichen natürlich nicht verschont. Ihre Ansichten sind nicht immer mit denjenigen der YES übereinstimmend.

 

 

Nach Abschluss der Workshops und einer einstündigen Mittagspause wird dann von der Theorie zum Praxis gewechselt. Die Schüler sollen nun selber bestimmte politische Positionen in einer nachgestellten Debatte des EU-Parlaments vertreten. Dazu werden sie den verschiedenen Parteien zugeordnet und müssen den Charakter eines (fiktiven) Politikers annehmen. Innerhalb dieser Konstellation werden in der Folge jeweils vier Politiker verschiedener Parteien einander gegenübergestellt, die dann über das vorgegebene Thema debattierten.

 

Schnell entdeckten die Schülerinnen und Schüler die nicht zu unterschätzende Tragweite von scheinbar einfachen Themen wie dem EU-Beitritt der Türkei. Klar wird dies zwar oft erst durch die eingeworfenen Fragen des Moderators, doch auch ohne sie würden die Schüler schon bald die an die Grenzen ihrer vorgegebenen Rollen stossen. Mit Hilfe von Improvisationstalent und politischem Geschick müssen sie diese jeweils aus dem Stehgreif erweitert werden, ohne dabei jedoch unbedachte Aussagen zu machen und auf dem äusserst rutschigen politischen Parkett auf die Nase zu fallen. Nach der Teilnahme an einer solchen Debatte war wohl den Meisten klar, dass Politik auf europäischer Ebene ein äusserst umfangreiches und entsprechend schwieriges Thema ist.

 

Hohe Erwartungen an die Nationalräte

Umso interessanter ist es, in der Folge anzusehen, wie sich die Profis schlugen. Die YES hat nämlich eine Podiumsdiskussion mit den vier Nationalräten Hildegard Fässler (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Toni Brunner (SVP) und Walter Müller (FDP) organisiert. Moderiert wird die Diskussion von Radio-Argovia-Moderator Simon Hutmacher.

 

Solch grosse Namen wecken natürlich auch grosse Erwartungen. Doch die Schüler wurden nicht enttäuscht. Zwischen den vier Nationalräten entfaltete sich eine gut einstündige, spannende Debatte zum Thema Europa. Und dank ihres neu gewonnen Wissen können die Schülerinnen und Schüler dieser gut folgen.

 

Und das Wissen können sie kurz darauf gleich anwenden: Die Nationalräte stehen Red und Antwort. Erwartungsgemäss gehen die meisten Fragen an Toni Brunner, welcher in dem eher linksgerichteten Umfeld der Kantischüler einen schweren Stand hat und seine Ansichten entsprechend mühsam verteidigen muss. Einzelne Fragen gehen auch an den FDP-Nationalrat, die beiden anderen Parteien bleiben von kritischen Fragen verschont.

 

Wem die Zeit für Schülerfragen mit etwa zwanzig Minuten etwas knapp bemessen ist, kann beim abschliessenden Apéro noch munter mit den Politikern weiterdiskutieren werden. Wer sich am Abend in der Eingangshalle der Kantonsschule Wattwil umblickt und ein wenig die Diskussionen der Schüler belauscht, der kommt nicht umhin folgendes festzustellen: Für die Schüler der Kantonsschule Wattwil ist Europa nun ein heiß diskutiertes Thema. Ein Ziel hat die YES damit erreicht: Die Schüler zum Debattieren anzuregen.