Kultur | 03.04.2012

Einfach mal auf einen Berg um zu schreien

Text von Martin Sigrist | Bilder von Martin Sigrist
Die Dänen, deren Name aus einem Missverständnis entstanden ist, haben kürzlich ihr zweites Album "Konkylie" veröffentlicht. Für ihr zweites Konzert auf dieser Tour sind sie nach Luzern gereist, um dort ihren melancholischen gleichzeitig tanzbaren Elektropop zu spielen. Kurz zuvor gab Sänger Nikolaj Manuel Vonild im Südpol ein Interview und erzählte von Album, Tourleben und Inspiration.
Bei Nikolaj ist die Narbe von der letzten Nacht noch deutlich zu sehen.
Bild: Martin Sigrist

Obwohl sie nur mit limitiertem Instrumentarium angereist sind, konnte die nordische Band in Luzern überzeugen. Nicht nur Festivalbühnen, sondern auch kleine Klubs scheinen den dänischen Herren sehr zu behagen. Dies ist aber nicht immer so, wie ihr Sänger Nikolaj berichtet.

 

Nikolaj, wie geht’s dir?

Gut, sogar sehr gut, ausser, dass ich mir gestern das Gesicht versaut habe. (zeigt auf eine prominente Narbe auf seiner linken Wange)

 

Bist du ein so wilder Musiker?

Ich bin in einer Bar ohnmächtig geworden, fällt das darunter?

 

Auf Twitter hast du das “Sex mit einer Wand” genannt.

Ja, das ist alles, keine lange Geschichte. Das war eher ein schlechter Abend, das kommt vor. Ich kann wenigstens immer noch singen. Ich hoffe einfach, dass es nicht blutet, denn ich konnte die Wunde nicht nähen lassen. Wir werden das Konzert heute Abend auf jeden Fall spielen, denn wir haben noch nie eins ausgelassen.

 

Kommen solche Ausrutscher bei dir oft vor?

Nein, noch nie. Es wird auch nicht mehr vorkommen. In Zukunft werde ich darüber nachdenken, bevor ich etwas tue.

 

Ihr habt es nach Luzern geschafft. Ihr seid mit dem Zug angereist und wohnt hier in einer Künstlerwohnung, das klingt alles auch nicht so aufregend.

Ja, wir zerstören auch keine Hotelzimmer, das machen wir nicht. Wobei wir mal ein Bett aus dem Fenster eines Hotelzimmers geworfen haben. Wir haben das Bett kaputt gemacht, einfach durch draufliegen. Okay, vielleicht haben wir auch etwas getrunken. Schlussendlich wollten wir einfach nicht, dass jemand vom zerstörten Bett erfährt. Also haben wir es rausgeschmissen und ein Neues bekommen.

 

Nun zu eurem neuen Album. Ihr habt es im Sommerhaus deiner Eltern aufgenommen?

Ja, es ist immer schön, zusammen weg zu gehen um Aufnahmen zu machen. So sind wir nicht von der Stadt und den vielen Leuten und Beschäftigungen abgelenkt. Das macht es einfacher, Musik zu machen und wir haben die Möglichkeit, uns in der Band wieder zu finden. Das braucht nach einer Tour ohne jegliche Aufnahmen Zeit. Wir müssen uns wieder gegenseitig inspirieren und wissen, wie wir klingen wollen. Es ist wichtig, dass wir uns in diesem Prozess bewegen.

 

Hat eure Band auf Tour und bei Aufnahmen eine unterschiedliche Dynamik?

Ich mag es, auf Tour zu sein, da muss man nicht denken, macht einfach nur das eine Ding: Konzerte spielen, davor noch Soundcheck und Essen. Aber damit verpasst man manchmal auch Inputs. Denn es gibt auf Tour ja noch so viel mehr, was da um uns herum passiert. All das hilft auch beim experimentieren in der Musik.

 

Auf Tour bist du nicht sehr kreativ?

Ich kann nur für mich sprechen und ich bin nicht gut darin, im Bus oder Flugzeug Songs zu schreiben. Ich brauche Tage, um rein zu kommen und mich auf ein Ding zu konzentrieren. Es müssen die richtigen Worte gefunden werden und alles muss dann richtig zusammen kommen. Ich will dabei fühlen, was ich tue. Für gewisse Leute ist dieser Prozess einfacher, für andere schwieriger. Songs brauchen bei mir mal sechs Monate, mal 20 Minuten. Es braucht einfach einen konstanten Fluss dafür. Ich muss mich dafür an gewisse Sätze erinnern, an denen ich auch mal lange arbeite und im Kopf damit spiele. Daheim geht das, wenn ich einfach in meinem Wohnzimmer sitze, oder eben im Sommerhaus, wo wir dazu kleine Studios aufgebaut haben.

 

Arbeitet ihr in diesen Studios getrennt?

Ja, wir sitzen nicht immer zusammen. Ich finde es schwierig, mit andern Leuten im Raum Texte zu schreiben. Wir kommen dann aber zusammen, so entstehen die Songs. Manchmal haben wir auch Jam-Sessions und nehmen einfach auf, was wir gerade spontan spielen. Dabei kann auch was ganz gutes herauskommen. Damit versuchen wir uns immer zu verändern, auch den Prozess des Musikmachens, das bringt mehr Spass. Wenn uns der Spass fehlen würde, sollten wir mit der Musik aufhören.

 

Du sprichst von Spass. Euer zweites Album macht einen eher weniger spassigen Eindruck.

Alles verändert sich, wir waren einfach anders drauf, wollten etwas anderes machen. Es gibt verschiedene Schichten, die wir bei diesem Album durchprobiert haben. Wir haben mal Stimmen im Wald oder in einem Tunnel aufgenommen, oder auch Grillen oder Regen. Das hat uns schon Spass gemacht, war aber auch eine komische Zeit für uns. Es hat sich dabei schlicht nicht angefühlt, als ob wir erneut ein Tanzalbum machen würden. Das klingt dann wohl weniger nach Spass, war es aber trotzdem.

 

Komische Sachen sind während dieser Zeit passiert?

Ja, von den Aufnahmen bis zum fertigen Album ist vieles passiert. Mein Vater ist in der Zeit gestorben, das hatte natürlich Einfluss, viele Songs handeln davon. Ich habe mit der Musik Sachen analysieren und aufschreiben können, das war für mich therapeutisch. Darüber haben wir bei diesem Album in der Band viel gesprochen. Jeder Song musste uns etwas fühlen lassen. Nicht für alle von uns das gleiche, aber es mussten Gefühle dabei sein, sonst kam ein Song nicht aufs Album. Unser Publikum soll beim Anhören der Songs ebenfalls etwas fühlen, wobei ich aber nicht sagen will, was ich mit den Songs sagen will. Es gibt auch Dinge, die ich für mich behalten will. Es kommt ja auch darauf nicht an, denn meine Texte sind ziemlich abstrakt, meine Gedanken ergeben nicht lineare Geschichten. Ich will nicht alle Leute meine Gedanken verstehen lassen. Aber mein Umgang mit der Aussenwelt verändert sich. Ich dachte beim neuen Album anfänglich nicht, dass sich das jemand anhört, dass wir das überhaupt veröffentlichen sollten. Ich war verängstigt, dass sich die Leute unsere Musik anhören würden. Jetzt sind wir aber viel auf Tour und die Leute singen oft mit, sie machen sich die Songs so zu ihren, das ist schon verrückt. Vielleicht öffne ich mich also doch ein bisschen. Wir sind nur eine kleine Band, aber wenn die Leute uns zuhören und dabei etwas fühlen, haben wir doch einen Einfluss.

 

Hast du die von dir gesuchten Gefühle auch bei späteren Konzerten noch?

Ja sicher, aber sie verändern sich über Zeit. Es gibt schlechte Konzerte wo wir nicht richtig mit dem Publikum kommunizieren und daher nichts funktioniert. Manchmal sind wir auch einfach die falsche Band für einen Abend. Und manchmal haben wir selbst dann noch Spass auf der Bühne. Bei allen diesen Situationen ist es schwieriger, etwas zu fühlen, weil ich mich dann unsicher fühle. Durch die Songs finde ich über mich viele Sachen raus, es scheint, als bräuchte ich das. Vielleicht brauchen das alle, mal eine Chance, am Wochenende auf der Bühne zu stehen und zu singen, oder einfach mal auf einen Berg zu gehen um zu schreien. Das ist eine Art von Freiheit. Viele Leute haben das noch nie erfahren. Ich glaube, ich brauche das.

 

Ein Song von euch heisst “Fail Forever”. Titel, Text und das Coverbild lassen keine positiven Gefühle erahnen.

Ich dachte dabei an das Leben in der Stadt wo sehr viele Leute sind. Du bist vielleicht eine einsame Person und wenn du Leute triffst, dann sagst du dennoch immer, dass es dir gut gehe. Dabei ist es das normalste auf der Welt, konstant zu versagen bei dem, was wir tun. Ich dachte früher, dass alle immer perfekt sein sollten, diese Leute haben mich aber sehr angepisst.

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