Kultur | 11.04.2012

Eine Woche im Zeichen der 36mm

Text von Uwe Bieri
Vor einer Woche ging die 26. Ausgabe des Internationalen Filmfestivals Freiburg (Fiff) zu Ende. Während einer Woche drehte sich in der Stadt an der Sarine alles um die Kunst der bewegten Bilder. 118 Filme aus 47 Ländern wurden gezeigt.
"El Topo" - Philosophie-Unterricht im Western Surrogate. Wohin? Taiwanesische Jugendliche in Honey PuPu. Fotos: zvg

“Für das Fiff beginnt das vierte Jahrzehnt seiner Existenz. Ebenso wie die Welt sich seit der Gründung des Festivals 1981 gewandelt hat, gleicht auch das Festival heute nicht mehr den Ausgaben der Anfangszeit, als die Distanz zwischen den verschiedenen Kulturen des Filmschaffens noch grösser war.” Mit diesen Worten eröffnete der neue Festivaldirektor Thierry Jobin die diesjährige Ausgabe des Internationalen Filmfestivals Freiburg (Fiff).

 

Viele Brücken, die vor 40 Jahren noch fehlten, seien inzwischen aufgebaut worden. Das bedeute aber noch nicht, dass die filmische Vielfalt sichergestellt wäre. Im inländischen Verleih stagniere das Angebot an nicht-amerikanischen und nicht-europäischen Filmen bei 3 Prozent – in den guten Jahren.

 

Befreiung aus der passiven Zuschauerrolle

Dem Publikum bot sich in Freiburg einmal im Jahr die Gelegenheit, die filmischen Fühler in cineastisches Terra incognita auszustrecken. Das Fiff war abwechslungsreich und vor allem: international. Folgen wir also der schnell geschnittenen Rückblende des Fiff 2012 mit einer längeren Einstellung auf das taiwanische Indie-Kino.

 

In Letzterem gab es Anstrengendes zu sehen, “Honey PuPu” des taiwanesischen Regisseurs Cheng Hung-I zum Beispiel. Eines sei gleich vorneweg genommen: “Honey PuPu” ist kein leicht zugänglicher Film. Damit er funktioniert, muss sich der Zuschauer von seiner traditionell passiven Rolle befreien, dem Film seine ganze Aufmerksamkeit zur Verfügung stellen und aktiv sein Vorstellungsvermögen einbringen. Der Regisseur nutzt für seine Narration die Informationsbeschaffungsfähigkeiten der digitalen Generation. Zuschauer, die mit den modernen Mitteln der Kommunikation nicht vertraut sind, werden die Varietät der verschiedenen erzählerischen Perspektiven wahrscheinlich gar nicht als solche erkennen und dem Film eine ganze andere oder sogar – und das wäre schade – gar keine Bedeutung beimessen.

 

Kino der Zukunft?

Das zentrale Thema von Honey PuPu ist das “Verschwinden”. Darum herum werden viele verschiedene Geschichten entwickelt und erforscht. Ausgangspunkt dafür bildete eine Webseite, auf welcher verschwundene Personen gemeldet und verfolgt werden können. Was es bedeutet, verloren zu gehen oder plötzlich zu verschwinden, wird anhand eines jungen Mannes beschrieben, der seine Freundin verlässt, ohne eine Wort zu sagen.

 

“Honey PuPu” spielt in drei Welten: Die reale Welt, die virtuelle Welt und die Jenseits- oder Traumwelt, wobei nur diese visuell von den anderen beiden abgegrenzt wird. Die reale und die visuelle Welt lassen sich nur durch die Pseudonyme der Protagnisten im Cyberspace unterscheiden. Sie heissen dort etwa Assassin, Money, Playing und Cola. Ganz so, wie virtuelle Persönlichkeiten eben heissen. Wer sich trotz dieser Unzugänglichkeiten auf “Honey PuPu” einlässt, wird sich selbst ein Bild machen können von einem möglichen Kino der Zukunft.

 

Getarnte Western

Neu waren am Fiff in diesem Jahr die Mitternachtsvorstellungen. Da gab es dann Streifen wie “Sex and Zen” zu sehen, seines Zeichens der erste Erotikfilm in 3D, der – was für eine Überraschung – sehr erfolgreich angelaufen ist. In Hongkong und Taiwan war er im April 2011 sogar erfolgreicher als “Avatar”.

 

Auch das Western-Genre kam nicht zu kurz: In Freiburg wurde aber nicht nur Altbekanntes gezeigt, sondern auch Werke, die sich nur den Tarnmantel des Western-Genres übergestreift haben. Etwa Alejandro Jodorowskys “El Topo” aus dem Jahre 1970, der getarnt als Western die Geschichte einer Selbstfindung erzählt.