Kultur | 23.04.2012

Die Welt ist schlecht

Text von Charlotte Hoes | Bilder von Matthias Horn
Am 31. März feierte "Richard III", Shakespeares gnadenloser und berühmter Übeltäter, im Schauspielhaus Zürich Premiere. Mal tragisch, mal witzig und mit wortgewaltigen Dialogen fesselt einen das Stück und entlässt dann doch etwas ratlos in den späten Abend.
Ist es Rache, Macht oder doch Wahnsinn, was Richard antreibt? Im Wartezimmer zum Tode entfaltet sich die irdische Hölle. Der Welt entrückt in seinem Alleingang zur Macht.
Bild: Matthias Horn

Elende Zeiten in einem elenden England stehen bevor, prophezeit der hintergangene Hastings (Nicolas Rosat), als es schon zu spät ist. Kein Wunder, denn es scheint bevölkert von elendigen Menschen – machthungrig und dabei vor nichts zurückschreckend.

Allen voran steht und geht der verkrüppelte Herzog von Gloucester, der spätere (kurz vor der Pause mit ruhmreicher Rhetorik gekrönte) Richard der Dritte. Federleicht gespielt von einem aschfahlen Michael Maertens im hässlichen, graugrünen Anzug. Weil es zum Liebhaber nicht reichte, beschliesst er fortan Dreckskerl zu sein. Bei der Inszenierung von Barbara Frey bleibt es offen, inwiefern es tatsächlich sein freier Entschluss oder sein Schicksal ist.

 

Zynisch, intrigenreich und empathielos wandert Richard der Dritte durch die Welt, die bei Bühnenbildnerin Penelope Wehrli ein rigider, weiß-grünlicher Raum mit Kopfhörern an den Wänden und wenigen aufeinander gestapelten Stühlen ist. Ab und zu hebt sich der grüne Vorhang im Hintergrund und gibt ein schwarzes Nichts frei, in das die Schauspieler mal verschwinden oder aus dem sie dann und wann hervortreten; Geistern gleich. Alle spielen sie hingebungsvoll und viele bekleiden gleich mehrere Rollen.

 

Gewissenloser Teufel

Zugeschnitten ist die Geschichte auf Michael Maertens, der seinen Bösewicht mal gleichgültig, mal wahnhaft präsent hält. «Zur Hölle hast die Welt du uns gemacht«, wirft ihm Lady Anne (Julia Kreusch) zu Beginn vor, die er um Ehemann und Vater gebracht hat. Sie ist nicht die Einzige. Auch der gestürzten Königin Margaret (Susanne-Marie Wrage), ein militärisch gekleideter Racheengel, hat er Macht und die Liebsten genommen. Ihre darauf gesprochenen, unheilversprechenden Flüche sollen sich bewahrheiten.

So werden Komplizen zu Feinden, Täter zu Opfern. Sogar Richard selbst fällt sich zum Opfer. Weil ihm nichts mehr heilig ist, behauptet seine Schwägerin (Ursula Doll), deren Kinder er umbringen liess. Dabei hatte auch sie zuvor wenig Skrupel gezeigt. Die Welt bleibt Hölle – mit ambivalenten Protagonisten, die beides sind: Täter und Opfer. Das Gewissen, welches zwei Mörder (Jirka Zett und Christian Baumbach) in einer humoristischen Szene flüchtig überfällt, scheint den meisten Figuren abhanden, oder viel zu spät in Erinnerung zu kommen. Sie sind gewissenlos, dafür um Flüche nicht verlegen. Die gegen Ende im Singsang vorgetragenen, düsteren Worte eines Geschichtsschreibers verwundern nicht:  “Die Welt ist schlecht, sie wird zu Scherben gehn.”

 

Macht ist nicht genug

Aber was treibt Richard eigentlich an? Er findet Gefallen an den Morden und Intrigen, bloss weiss man nicht so recht, weshalb. Er greift nach dem Thron, doch auch als er diesen hat – und das buchstäblich, denn er lässt ihn nicht mehr aus den Händen – findet er kein Ende. Er macht es, weil er es kann. Ist er wirklich nur der arme Irre, als der er hingestellt wird? Dem die Kopfhörer an den Wänden Melodien spielen, die zunehmend bedrohlicher werden. Bei dem auch die Krone eher wie ein Gerät zur Elektrokrampftherapie aussieht.

 

Auch nach dem kunstvollen Ende, in dem Richards berühmte Forderung nach einem Pferd eher gestammelt unter-, als hervorgeht, kennt man seine Motivation und ihn nicht recht. Die Macht, die jeden in dem Stück nicht unberührt liess, scheint als Erklärung unzureichend.

 

Richard III


 

Noch bis zum 4. Juni wird “Richard III” im Schauspielhaus Zürich aufgeführt.