Gesellschaft | 17.04.2012

“Bloss Korane zu verteilen kann sogar Vorurteile aufbauen”

Abdel Azziz Qaasim Illi, Pressesprecher und Vorstandsmitglied des Islamischen Zentralrates Schweiz (IZRS) kritisiert die Kommunikation der salafistischen Aktivisten, die in Deutschland Korane verteilt haben. Von ähnlichen Aktivitäten einer Gruppe junger Muslime in Schweizer Städten (siehe Kasten) höre er indes zum ersten Mal, sagt Illi.
"Wer als Gesicht des Islam in Erscheinung tritt, muss sich heute per se den Vorwurf der politischen Polarisierung, ja der Provokation gefallen lassen", sagt Abdel Azziz Qaasim Illi vom Vorstand des IZRS.
Bild: zvg

Der Islamische Zentralrat Schweiz vertritt eine strikte Auslegung des Korans und demnach einen konservativen Ansatz des Islam. Der Nachrichtendienst des Bundes hatte den IZRS während eines Jahres observiert. Laut einem Bericht der Sonntagszeitung sollen Gelder von salafistischen Organisationen zugunsten des IZRS fliessen. Tink.ch sprach mit Abdel Azziz Qaasim Illi, dem Mediensprecher des Vereins. Das Interview wurde telefonisch und teilweise schriftlich geführt.

 

Tink.ch: Acht junge Muslime haben in den letzten Monaten auf Schweizer Strassen gratis Korane abgegeben. Eine Aktion des IZRS?

Illi: Von dieser Aktion höre ich zum ersten Mal. Es ist möglich, dass IZRS-Mitglieder daran beteiligt waren. Was ein Mitglied in seinem Privatleben macht, ist ihm freigestellt. Beim Vorstand ging aber nie ein schriftlicher Projektentwurf ein, welcher bei uns für strukturelle, finanzielle oder sonstige Unterstützung eingereicht werden muss. Mohamed Ali ist wahrscheinlich ein Passivmitglied, ich kenne ihn nicht. Wäre er aktives Mitglied, wäre mir sein Name bekannt.

 

Mohamed Ali und seine Kollegen verteilten 1000 Korane, während in Deutschland rund 300’000 Bücher unters Volk gebracht wurden. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Ich finde das blosse Verteilen von Koranen wie Flugblättern nicht sinnvoll. Die wenigsten Leute werden die 400 bis 600 seitige Schrift (in deutscher Übersetzung) von A bis Z durchlesen. Bei früheren Informations-Aktionen auf der Strasse haben wir die Erfahrung gemacht, dass ein Grossteil der Flugblätter nicht gelesen wird oder sogar im Müll landet. Das könnte ich bei einem Koran nicht mit ansehen. Wir legen bei unseren Infoständen auch Korane und andere Schriften aus, geben diese jedoch nur heraus, wenn jemand daran Interesse zeigt.

 

Also werden mit dem Verteilen von Koranen kaum Vorurteile abgebaut?

Jemandem so ein Buch mit mehreren 100 Seiten in die Hand zu drücken, kann sogar Vorurteile aufbauen. Etwa wenn die Person gewisse Verse liest, ohne den Kontext zu kennen, in dem sie stehen. Mit der blossen Verteilung von Koranen werden sicherlich keine Vorurteile abgebaut. Was man damit sehr wohl kann, ist eine Debatte anstossen, wie es gerade in Deutschland passiert ist. Fragt sich jetzt nur, in welche Richtung diese geht.

 

In den Medien wird vor allem der radikal salafistische Verein “Die wahre Religion” und ihr Kopf Ibrahim Abou-Nagie thematisiert. Es gehe um Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern, sagte ein Sprecher des Verfassungsschutzes.

Ich persönlich finde es nicht unbedingt förderlich, wenn eine so kontroverse Person wie Abou-Nagie als Gesicht des Islam in die Öffentlichkeit tritt. Bereits unter den verschiedenen muslimischen Strömungen ist er sehr umstritten.

 

Sie und Nicolas Blancho – die beiden präsentesten Gesichter des IZRS – sind auch nicht unumstritten. Gegenüber der Sonntagszeitung sagte etwa ein Vereinsmitglied, Blancho würde nicht vorleben, was er predigt. Sie selbst kamen mit dem Gesetz in Konflikt, weil Sie im Internet Selbstmordanschläge von Palästinensern bejubelten.

Freilich, jede öffentliche Person ist bis zu einem gewissen Grad auch politisch umstritten. Daran besteht kein Zweifel. Jedoch kommt es auf die Inhalte an. Wer als Gesicht des Islam in Erscheinung tritt, muss sich heute per se den Vorwurf der politischen Polarisierung, ja der Provokation gefallen lassen. Theologisch sollte man jedoch den goldenen Schnitt finden und inklusiv denken, um Muslime aus allen Denkrichtungen zu einen.

 

Was würden Sie an der Koran-Verteilung in Deutschland ändern, wenn Sie könnten?

Das Hauptproblem bei der Aktion sehe ich in zwei Punkten: Erstens kommunizieren die Aktivisten im direkten Gespräch mit den Leuten zu schwach. Zweitens meiden die Organisatoren die Presse, was ich für die falsche Strategie halte.

 

In den Medien ist von radikal islamistischen Salafisten die Rede. Heinz Fromm, Chef des Deutschen Verfassungschutzes, erklärte letzten Sommer: “Jeder uns bekannte Terrorist war irgendwann einmal in salafistischen Zusammenhängen unterwegs.” Wie steht der IZRS zu dieser Form des Islam?

Wir vertreten alle Richtungen des Islam, also auch Anhänger der salafistischen Richtung. Der IZRS selbst ist keine salafistische Organisation. Der Salafismus besteht aus verschiedenen Strömungen, von denen es einige gibt, die explizit Gewalt befürworten. Letztere heissen wir nicht gut. Die Anzahl Salafisten unter den Mitgliedern des IZRS ist verschwindend klein. Unter den zirka 400’000 Muslimen in der Schweiz leben schätzungsweise 300 bis 400 Salafisten. Allerdings handelt es sich um einen komplexen Begriff: Diese Gruppe einheitlich als Salafisten zu bezeichnen, wäre zu schwammig.