Kultur | 11.04.2012

Anstehen um den Häuserblock

Text von Martin Sigrist | Bilder von Martin Sigrist.
Im texanischen Austin fand im März eines der grössten Musikfestivals überhaupt statt, das South by Southwest - kurz SXSW. Tink.ch hat sich vor Ort umgesehen und vor allem umgehört.
Lange Schlangen um den ganzen Häuserblock gehören am SXSW dazu. Google und Youtube laden auf ein Parkhaus.
Bild: Martin Sigrist.

Um es gleich vornweg zu nehmen, das SXSW (ausgesprochen South By Southwest) hat kaum Gemeinsamkeiten mit hiesigen Sommer-Festivals. Viel eher ist es den Clubfestivals ähnlich. Es wird nicht gezeltet, und die Konzerte spielen nicht auf Wiesen und Hainen, sondern in der Innenstadt, in Gärten, Kirchen, Innenhöfen, Parkhäusern und etwas konservativer auch in Bars und Klubs.

 

Im offiziellen Programm des grössten Indie-Festivals der Welt sind rund 2’000 Bands und Einzelkünstler verzeichnet, die während sechs Tagen an ungefähr 100 Spielorten ihr Können zum besten geben. Als ob das nicht genug wäre, gibt es am SXSW auch noch ein Filmfestival, eine Interactive-Messe und neuerdings einen Modemarkt. Dadurch wächst die texanische Hauptstadt, die normalerweise knapp eine Million Einwohner zählt mal eben auf die doppelte Grösse an. Jeweils im März wird sie so zum modernen temporären Musikmekka Nordamerikas.

 

Wo Stars gemacht werden

Um die riesige Masse an Musik geniessen zu können, besteht die Kunst vor Ort darin, die Übersicht zu behalten und nicht konstant zu versuchen, den nächsten grossen Welterfolg per Zufall zu finden. Im Programm stehen sehr viele gänzlich unbekannte Bands, ohne Vertrag, nur mit ihrer Musik und einer Handvoll Promo-CDs im Gepäck. Am SXSW bieten sich erste Hörmöglichkeiten des aktuellen weltweiten Musikschaffen. Zahlreiche Blogs und Microblogs helfen mit, dass News zu den guten Gruppen schnell die Runde machen, und die Schlangen vor deren weiteren Konzertstationen von Tag zu Tag länger werden. Stars werden an diesem Festival gefunden und gemacht. Hier und dort gibt es auch bereits bekannte Superstars zu hören oder auf der Strasse anzutreffen. Oft ist kaum vorhersehbar, ob nun der Wechsel zur nächsten oder das Verharren vor der momentanen Bühne die bessere Wahl ist.

 

In der Fülle von Musik aus aller Welt sind auch ein paar wenige Schweizer dabei. Zumindest sind sie ein bisschen Schweizer. Die Hochdorfer Dandies sind mittlerweile nach Grossbritannien übersiedelt und Bonaparte haben zwar einen Schweizer Sänger, sind aber eigentlich eine Berliner Band. Beide haben sich nach Austin aufgemacht, um Nordamerika zu erobern.

 

Gästelisten und gute Planung

Das straffe Programm für den Besuch des Festivals will gut geplant sein. Tagsüber buhlen Staaten mittels zahlreicher Dayparties mit kostenlosem Essen, Trinken und mehr oder weniger nutzlosen Werbegeschenken um die Gunst sogenannter Registrants, also jenen Besuchermassen, die sich einen nicht günstigen Badge gekauft haben. Hier zeigt sich, dass neben der Musik das grosse Geschäft zahlreiche Menschen in den Wilden Westen der USA gelockt hat. Abends steht dann vermehrt die Musik im Fokus und die Bands spielen.

 

Auch ohne die teuren Festivalpässe bleiben nicht alle Türen verschlossen, der Besuch erfordert einfach noch etwas mehr Planung. Das Konzept des RSVP (aus dem Französischen: Répondez, s’il vous plaît) ist in den USA sehr verbreitet, will heissen, mit einem Gästelistenplatz mittels Online-Anmeldung gibt es oftmals freien Eintritt. “To RSVP” wird somit zwingend, um zumindest einen Teil des Festivals kostenlos besuchen zu können. Spezialisierte Dienste bieten hierfür ihre Hilfe an und setzen die Kundschaft gegen eine Gebühr auf alle möglichen Gästelisten im WWW.

 

Vor den Spielorten trennt sich dann die Spreu vom Weizen, denn ohne Badge gibt es den erwähnten Freieintritt nur nach langwieriger Warterei in den oft mehrere hundert Meter langen, diszipliniert um Häuserblocks geführte Schlangen. Hier kann die Herkunft des Wortes Blockbuster hautnah erlebt werden, denn die Menschenmeute sprengt sprichwörtlich die Häuserblocks.

 

Und ja, Musik wird natürlich gespielt, viel Musik . Ein Rückblick dazu folgt nächste Woche auf Tink.ch. Wir beantworten die Frage, ob die Qualität mit der Grösse eines Festivals tatsächlich steigt.

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