Gesellschaft | 27.03.2012

Zum Nachdenken angeregt

Text von Samara Leite Walt | Bilder von Samara Leite Walt
Die Lage in Darfur, Burma, Mugabe, Putin, Hungersnöte, Warlords, Diktatoren, Kindersoldaten. Die Liste an weltweiten politischen Missständen ist lang. Es gäbe viele Gründe, um dafür auf die Strasse zu gehen. So wie die syrischen Demokraten etwa: Am 17. März manifestierten sie ihre Meinung zum Assad-Regime in Zürichs Strassen.
Die Demonstranten zogen viele Blicke auf sich. Zeitgleich starben wieder Dutzende Zivilisten in Homs.
Bild: Samara Leite Walt

Es war ein ganz gewöhnlicher, sonniger Samstag. Ich war in der Stadt unterwegs, um über eine Vernissage zu schreiben. Diese erwies sich jedoch als nicht so spannend wie erhofft. Damit die Fahrt nach Zürich nicht ganz umsonst war, wollte ich die übrige Zeit zum Shopping nutzen. Als ich in die Sihlstrasse abbog, lief mir eine Menschenmenge entgegen. Viele schwenkten die syrische Flagge, hatten sie im Gesicht aufgemalt und hielten Plakate, Schilder und Transparente hoch. Zuvorderst erkannte ich einen Mann mit Megaphon, der neben einem Auto herlief. Dieser rief immer wieder: «Freiheit für Syrien – Assad hau ab!«, was der Menschenstrom jeweils euphorisch wiederholte. «Ach so, demonstrieren die Mal wieder und blockieren die Strassen«, dachte ich mir zunächst.

 

Über Facebook organisiert

Ich unterscheide mich kaum von der gaffenden Menge, doch irgendetwas veranlasst mich dazu ein kleines Stückchen mit dem Protestmarsch mitzuziehen. Hierbei lerne ich Zahira al Shaar (Name geändert)  kennen. Sie freut sich, dass jemand Interesse an der Demonstration zeigt und beginnt mir in Französisch die Beweggründe zu erklären. Shaar ist bereits seit 20 Jahren mit einem Schweizer verheiratet und lebt mit ihm und ihren drei Kindern in Genf. Durch sie erfahre ich, dass anlässlich des Jahrestages der Protestbewegung zeitgleich eine Demonstration in Genf stattfindet. Die Gruppe hat sich hauptsächlich über Facebook, Twitter und Bekannte organisiert. «Mit der Demonstration wollen wir zum Boykott russischer und chinesischer Waren aufrufen. Sie haben aufgrund wirtschaftlicher Interessen ihr Veto gegen eine Intervention seitens der Vereinten Nationen eingelegt. Zudem wollen wir, dass man die syrischen Diplomaten ausweist. Nur so setzt die Schweiz klare Zeichen, dass sie die Regierung unter Baschar al-Assad, sofern man diese so bezeichnen kann, nicht unterstützt.«, erzählt mir Shaar.

 

Quälende Ungewissheit

Shaar gehört zu jenen, dessen Familie Assads Staatsapparat besonders stark zu spüren bekommen haben. Bei den Unruhen in Homs wurde ihre Cousine ermordet und vier bis fünf Cousins werden noch vermisst. «Das ist das schlimmste«, sagt sie «Wenn man die Nachricht über den Tod eines Verwandten erhält, oder sich dieser in Haft befindet, tut es weh, sehr weh. Doch wenn jemand spurlos von einem Tag auf den anderen verschwindet… Die Ungewissheit frisst einen auf, man weiss nicht, ob es dem andern gut geht, diese Person geflohen ist, oder überhaupt noch lebt.«

 

Folter als moderne Waffe

Um etwas zu verändern geht Shaar auf die Strasse und versucht ihr bestes einen Teil zum Umbruch beizutragen. «Was ich hier tue ist nicht viel, verglichen zu dem was unsere Brüder und Schwestern in Syrien täglich leisten. Ihnen droht Gefängnis, dass sie verschleppt werden oder gar der Tod. Ich kann hier stellvertretend meine Meinung frei äussern und so dafür sorgen, dass ihre Stimme auch in der Schweiz Gehör findet.« Mundtot machen scheint sowieso die beliebteste aller Waffen herrschender Diktatoren zu sein, denke ich mir. Shaar zufolge setze Assad gezielt diese Methode ein, um die soziale Bewegung aufzuhalten und seine autoritäre Struktur zu festigen. So solle letzten Endes die Stimme des Volkes verstummen.

 

Wie der Vater so der Sohn

Mittlerweile haben wir bereits die gesamte Bahnhofstrasse passiert und befinden uns auf dem Rückweg zum Helvetiaplatz, wo sich die Gruppe am frühen Nachmittag versammelt hatte. «Assad ist ein Verbrecher, genauso wie es sein Vater Hafiz al-Assad, der sich durch einen Putsch an die Macht katapultierte, einer war. Der hatte bereits vor 20 Jahren gewaltsam dem Volk den Mund verbieten lassen. Sein Sohn ist jedoch noch skrupelloser und macht selbst vor Kindern nicht halt. Ich möchte einfach, dass die Menschen das begreifen. Das wäre der erste Schritt in eine bessere Zukunft für Syrien.«, kaum hat Shaar diese Worte ausgesprochen, drückt mir jemand ein Schild in die Hand, auf welchem Opferzahlen und Fakten abgedruckt sind. Spätestens hier realisiere ich, dass ich nicht mehr länger Beobachter bin, sondern zu einem Teil der Demonstration geworden bin. Ich erzähle Shaar, dass ich mich schäme, da ich zuvor die Situation in Syrien mit Gleichmut betrachtete und eigentlich vor hatte shoppen zu gehen. Shaar lacht mir ins Gesicht und antwortet: «Na dann, hat es sich für mich schon gelohnt auf die Strasse zu gehen. Bereits eine Person zum Nachdenken anzuregen ist für mich die Mühe wert.«

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