Politik | 19.03.2012

Was ist schon normal

Artikel 28 des Partnerschaftsgesetzes besagt, dass homosexuelle Paare ihre Partnerschaft zwar eintragen lassen, aber keine Kinder adoptieren dürfen. Der Ständerat hat nun die Motion "Adoptionsrecht: Gleiche Chancen für alle Familien" knapp gutgeheissen. Der Nationalrat debattiert in Kürze darüber. Ein Kommentar.
Gar nicht so ein seltsames
Bild: zwei Frauen mit einem Kind. Zeichnung: Manu Höllinger

In Schweden, Argentinien, Brasilien, Israel und sogar im streng katholischen Spanien ist es schon erlaubt. Nun endlich soll sie auch  in der weltoffenen, Minderheiten tolerierenden Schweiz eingeführt werden: Die Adoptionsmöglichkeit für gleichgeschlechtliche Paare. Zumindest hat man sich jetzt einmal überlegt, es sich zu überlegen. Überraschenderweise stimmte der Ständerat in der Frühlingssession 2012 der Motion “Adoptionsrecht: Gleiche Chancen für alle Familien” mit 19 zu 21 Stimmen knapp zu. Diese Zustimmung kam ziemlich unerwartet, waren doch die Gegner der Vorlage mit “schlagenden” Argumenten unterwegs.

 

“Wir sind sehr tolerant, aber…”

Vom Recht des Kindes auf einen Vater und eine Mutter war die Rede, von den armen Kindern die in der Schule gehänselt werden, weil sie zwei Mamis haben und von der Tatsache, dass zwei Väter nicht normal sind. Damit war die Liste der Gegenargumente aber auch schon erschöpft. Mal ernsthaft, ist es nicht wichtiger, wenn die beiden Erwachsenen, die das Kind aufziehen dies mit viel Liebe tun? Wenn Toleranz nicht nur die ganze Zeit angesprochen, sondern auch gelebt wird? Und kann mal jemand “normal” definieren? Die Schweiz schreibt sich Gleichberechtigung, Toleranz und Offenheit auf die Fahne. Dies gilt aber bei vielen nur so lange, wie es sie selbst nicht betrifft. Die “Ich-finde-es-nicht-schlimm-aber-Argumente” ermüden langsam. Anstatt sich bei der Diskussion lautstark damit zu profilieren, nur das Kindswohl im Fokus zu haben, sollte man es auch wirklich tun!

 

Regenbogenkinder ohne rechtliche Absicherung

Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, warum homosexuelle Paare keine Kinder haben sollten. Vor allem für die leiblichen Kinder einer Person in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft ist die Abschaffung des Artikel 28 dringend. Die so genannten Regenbogenkinder sind rechtlich nämlich überhaupt nicht abgesichert. Stirbt der leibliche Elternteil, hat der soziale Elternteil keine Erziehungsberechtigung. Das Kind wird im schlimmsten Fall fremdplatziert. Bei einer Trennung ergeben sich kein Sorgerecht und kein Unterhalt, bei einem Unfall kein Besuchsrecht und für die Teilnahme am Skilager darf der Co-Elternteil auch nicht unterschreiben.

 

Liebe Nationalräte, denkt doch ein wenig über das wirkliche Wohl der Kinder nach, anstatt Euch prophylaktisch, über Dinge zu sorgen die eventuell vielleicht sein könnten. Bedenkt die Probleme, die bereits bestehen und erinnert Euch an die Schweizer Werte Toleranz, Offenheit und Schutz von Minderheiten, wenn ihr demnächst über die Motion diskutiert.