Kultur | 19.03.2012

Von menschlichen Abgründen

Der griechische Regisseur Yannis Houvardas inszeniert in "Woyzeck" von Georg Büchner eine erdrückende Hoffnungslosigkeit. Die Musik stammt aus der Feder von Tom Waits und Robert Wilson. Klamme Atmosphäre und Rockoper harmonisieren nicht immer ganz.
Charlotte Schwab als Nachbarin und Wirtin sowie Katarina Schröter als Marie
Bild: Philipp Ottendörfer Malte Sundermann als Woyzeck Philipp Ottendörfer

Die Figuren sind bereits auf der Bühne, wenn die Zuschauer eintreten. Sie stieren vor sich hin oder sitzen apathisch vor der eigenen Schnapsflasche. Woyzecks Drama spielt sich in einer raucherfüllten Spelunke ab, unter kaltem Neonlicht, zwischen schimmligen Wänden, an dunklen Holzbänken und Tischen. Das Bühnenbild (Michael Schaltenbrand) zeichnet detailgetreues Elend durch eine auswegs- und hoffnungslosen Situation.

 

Qualvoll still

In der Version von Yannis Houvardas sind alle Protagonisten Opfer; nicht nur Woyzeck, Marie und das Kind. Denn alle, von Tambourmajor bis Arzt, sind dem Alkoholismus verfallen. Sie torkeln über die Bühne, speien Schnaps auf das geflickte Parkett – selbst das Kind beginnt in den letzten Szenen zu trinken. Die präzisen, kraftvollen Dialoge Büchners bleiben trotzdem erhalten. Alle spielen sie seine Figuren authentisch nach, nach seiner präzisen Wortwahl und ohne eine Bewegung zu viel. Woyzeck (Malte Sundermann) ist eine verhärmte, Figur mit gehetztem Blick, die alles mit sich machen lässt. Und diese langsam aufgebauten Szenen, diese qualvoll stillen Pausen zwischen Szenen zieht der griechische Regisseur bis zum Schluss durch, sodass der Zuschauer Woyzecks Apathie am eigenen Leib spürt.

 

Doch leider stört Houvardas diese klamme Atmosphäre mit dem versuchten Spagat zwischen Kammerspiel und Rockoper. Denn die erzielte Unmittelbarkeit geht verloren, wenn alle Figuren ihre Rollen ablegen um zwischendurch Lieder wie «Misery is the river of the world, everybody row« zu singen.

 

Ganz allein auf dieser Erd

Die Schlussszene mit Büchners verzerrtem Antimärchen ist kraftvoll. Das Kind sitzt nach dem Mord an seiner Mutter und dem Suizid des Vaters bei der Nachbarin. Und anstatt sie ihm das hoffnungslose Märchen an einem Stück erzählt, wiederholt es ihre Sätze vom faulem Holz und der verwelkten Sonnenblume kanonartig: „Und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen. Da hat sich das Kind hingesetzt, und da sitzt es noch und ist ganz allein. Ganz allein“.

 

 

„Woyzeck“ im Theater Neumarkt bis am 12. April


Georg Büchner war 23 Jahre alt, als er „Woyzeck“ verfasste. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit und ist das erste deutsche Stück, in dem eine Figur aus der Unterschicht die Hauptrolle in einem Drama und nicht in einer Komödie spielt. Das Werk ist unvollendet, denn Büchner starb vor 175 Jahren in der Spiegelgasse in Zürich an Typhus.

 

Die Lieder stammen aus der Feder von Tom Waits, seiner Frau Kathleen Brennan und Robert Wilson, die vor zwölf Jahren einen mitfühlenden und brutalen Soundtrack für Woyzeck schrieben.

Der griechische Regisseur Yannis Houvardas ist Leiter des Nationaltheaters in Athen.

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