Gesellschaft | 20.03.2012

Unauffälliger sozialer Dienst

Text von Andreas Rüegg | Bilder von Andreas Rüegg
Seit über 100 Jahren gibt es sie in der Schweiz: die Brockenstuben. Wer Möbel und Kleider nicht mehr braucht, bringt sie dorthin. Was heute gar nicht so bekannt ist, dass viele sogenannte Brockis gar keinen Gewinn machen wollen, sondern in mehrfacher Hinsicht sozial handeln.
Brauchbares Alltagsgut und allerlei Liebhaberstücke gibt es in der Brockenstube zu erstehen. Ein starkes Team in der Brockenhalle Reinach.
Bild: Andreas Rüegg

In der Zeit der Industrialisierung und der freien Marktwirtschaft ohne flankierende Massnahmen, eröffnete 1895 das Berner Brockenhaus. Die Einrichtung wurde von städtischen Kaufleuten gegründet, die den Verein zur Unterstützung durch Arbeit ins Leben gerufen hatten. Ein deutscher Theologe namens Friedrich von Bodelschwingh hatte die erste Brockenstube ein paar Jahre zuvor errichtet und diente den Bernern als Vorbild.

Weit verbreitet war damals die Massenarmut, überall in den Gassen gab es Bettler. Wer in den Fabriken arbeitete, tat dies unter widrigen Umständen und verdiente dabei nicht einmal genug, um menschenwürdig leben zu können. Christlich motiviert, entschlossen sich deshalb besser gestellte Damen und Herren etwas gegen das Elend vor ihrer Haustüre zu unternehmen – was sie im Überfluss hatten, gaben sie der Brockenstube weiter. Zu günstigen Preisen konnte das Material der ärmeren Bevölkerung feilgeboten werden, der Betrieb schuf dringend benötigte Arbeitsplätze. Den Hilfsbedürftigen wurde in mehrfacher Hinsicht geholfen.

 

Nach Bern folgten bald weitere Brockenstuben in anderen Städten. Bis heute sind es 242 Brockenstuben in der Schweiz die gemeinnützig arbeiten. Das entspricht knapp der Hälfte aller Brockenstuben. Benjamin Singer ist Leiter einer sozial arbeitenden Brockenhalle in Reinach. Er untersuchte die sozialen Tätigkeiten von Brockenstuben in der Schweiz genauer. Gerade hat er seine Bachelorarbeit zum Thema geschrieben und veröffentlicht: Die Soziale Geschichte unserer Brockenstuben wurde durch ihn erstmals aufgearbeitet.

 

Mehr als eine günstige Einkaufsgelegenheit

Im Grunde gibt es nichts, was man in einer Brockenstube nicht finden könnte. Es gibt Stühle, Tische, Sofas, Kleider, Bücher, Elektronikgeräte und vieles mehr. – Jemand erzählte mir kürzlich von einer Originalausgabe einer kummunistischen chinesischen Zeitung, die er entdeckt hatte. Benjamin Singer leitet seit acht Jahren die Brockenhalle in Reinach. Er sagt im Interview: “Jemand bringt etwas und ein anderer nimmt es wieder mit”. Das sei es, was man von aussen sehe. “Dabei werden die sozialen Dienste unauffällig im Hintergrund verrichtet”.

 

Die Abholdienste und das Sortieren und Aufbereiten der Ware sind Arbeiten, die sich für berufliche Reintegration eignen, ebenso wie für das Ableisten von Arbeitsstrafmassnahmen. Ebenfalls unter das Kapitel Soziale Dienste fallen die Altershilfe bei Wohnauflösungen und die Aufbereitung von Material für die Auslandhilfe.

 

Verbindung von Theorie und Praxis

Der Reinerlös der Blaukreuz-Brockenhalle in Reinach kommt übrigens Sozialprojekten von Jugendlichen zugute. Nach vier Jahren reiner Berufstätigkeit, begann Benjamin Singer eine berufsbegleitende Ausbildung in Sozialer Arbeit an der Fachhochschule in Olten. Das Wissen aus seinem Arbeitsumfeld hat ihn auf die Idee gebracht, wie eine moderner Brockenstubenbetrieb funktionieren könnte: “Das Verkaufslokal soll als Ort der Begegnung mit einer Kinderecke und Bistro gestaltet werden.” Mit den grosszügigen Platzverhältnissen in Reinach konnte er diese Idee erfolgreich umsetzten.

 

Man findet die Gegenstände dort gut sortiert, beschildert und in Abteilungen und Regalen verstaut. Eigentlich wie bei Ikea oder Möbel Pfister. “Trotzdem ist die Brockenhalle noch lange kein Warenhaus und will es auch nicht sein”, sagt Benjamin Singer. Ist das vielleicht mit ein Grund, warum nicht-profitoriente Brockenstuben früher in der Bevölkerung breiter etabliert waren als heute? Jedenfalls ist ihre gemeinnützige Tätigkeit seit dem Aufkommen der Secondhand-Läden in Vergessenheit geraten. Und weil der Begriff “Brockenstube” nie geschützt wurde, handelt es sich heutzutage bei der Hälfte der Betriebe, die mit Brocki, Brockenhaus oder Brockenstube angeschrieben sind um rein profitable Geschäfte.