Politik | 27.03.2012

Studierende üben sich in Diplomatie

Text von Mattia Balsiger | Bilder von zvg
Sechs Tage, 2000 Studentinnen und Studenten, kaum Schlaf: So könnte man in kurzen Worten die 21. World Model United Nations 2012 beschreiben, die letzte Woche in Vancouver stattfand. Doch so simpel läuft es in der Diplomatie eben nicht. Hinter dieser aussergewöhnlichen Woche stecken Stunden harter Arbeit und eine lange Geschichte.
Diskutierfreudige junge Erwachsene auf internationalem Parkett: der 60-köpfige "OECD"-Ausschuss.
Bild: zvg

Im Namen der schwedischen Krone reiste ich letzte Woche mit einer Delegation der Uni St. Gallen an die Konferenz der Harvard World Model United Nations nach Vancouver. Die sogenannte MUN-Bewegung geht auf die Initiative einiger weniger Colleges aus den USA zurück, die sich in den 1920er-Jahren zusammenfanden, um dem gerade neu gegründeten Völkerbund eine neue Dimension zu verleihen. Der Jugend sollte einen einzigartigen Einblick in die Diplomatie und die Arbeit des Völkerbundes ermöglicht werden.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg blühte die Idee erneut auf und allmählich begannen Universitäten in Nordamerika und Europa das Konzept der Uno-Simulation umzusetzen. Mit der Gründung einer Simulation, welche zum Ziel hatte, die Debatten und Abstimmungen, die täglich im Uno-Hauptquartier in New York stattfinden, nachzuspielen, legten die Pioniere den Grundstein für eine weltweite Bewegung. Zu den wichtigsten Jahren gehörte 1991, als die Harvard University die World MUN-Konferenz ins Leben rief, die internationalste aller Konferenzen.

 

Erste diplomatische Schritte

Da der Zweck der MUN-Bewegung darin besteht, die Vereinten Nationen so exakt wie möglich zu imitieren, wird das Debattier-und Wahlprozedere so genau wie möglich dem Regelwerk der Uno entnommen und in den Unis zuhause wöchentlich eingeübt. Die Studierenden repräsentieren ein Land, welches sie zugeteilt bekommen. Sie argumentieren und handeln im Interesse der jeweiligen Regierung des Landes, übernehmen aber auch Formalitäten wie Anrede und Begrüssung und üben sich in der diplomatischen Ausdrucksweise. Zudem wird ausschliesslich Englisch gesprochen. Dies kommt so manchem Neuling seltsam vor, wenn sie oder er zum ersten Mal einer Debatte beiwohnt.

 

Hat man sich einmal daran gewöhnt, kommen Inhalte aufs Parkett: Die Studierenden diskutieren über globale, aber auch regionale Themen wie die Wirtschaftskrise, den Klimawandel, die Weiterverbreitung von Kernwaffen oder die Wasserknappheit. Dabei gilt es, sich immer strikt an die Position des eigenen Landes und dessen politische Ziele zu halten. Dies kann natürlich auch zu Gewissenskonflikten führen.

 

“Delegate of Sweden, you have the floor”

Doch genau darum geht es in der Uno-Simulation, sich in die Lage eines anderen Landes hineinzuversetzen und die weltpolitische Lage aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dies soll nicht nur das globale Denken und Handeln beeinflussen, sondern auch aktiv zur Verständigung der Kulturen und Systeme beitragen, etwa durch die Ländervertretung.

 

Und so erlebten es auch die 2000 Studenten bei der World MUN-Konferenz in Vancouver. Die Universität St. Gallen war mit zwölf Delegierten anwesend, welche insgesamt fünf Länder vertraten. Ich und eine Kommilitonin hatten die Aufgabe, das Königreich Schweden im OECD-Komitee zu repräsentieren. In der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung befinden sich die 30 wohlhabendsten Staaten der Welt. Als uns die Moderatorin mit “Delegate of Sweden, you have the floor” das Wort gab, stürzten wir uns in die Diskussion über die wirtschaftliche Entwicklung der Europäischen Union – eine brandaktuelle Frage der Politik.

 

Nach vier anregenden und anstrengenden Tagen verabschiedete unser Komitee eine fünfseitige Resolution mit hochgesteckten Zielen. Breit angelegte Investitionen in Forschung und Entwicklung, speziell im IT-Bereich, flexiblere Sozialsysteme und eine Finanztransaktionssteuer bildeten den Kern der Resolution. Unterzeichnet wurde sie von der Mehrheit der anwesenden Staaten, nur die USA und Portugal stimmten dagegen.

 

Mikrokosmos von morgen

Die Debatten waren allesamt interessant und humorvoll zugleich. Sympathiepunkte erhielt zum Beispiel der Vergleich zwischen der zu unterzeichnenden Resolution und Boxershorts, welche “zwar alle wichtigen Bereiche abdecken, dem Träger aber genügend Freiheiten bieten” würden. Was bei allen Debatten, Partys und Freizeitaktivitäten definitiv zu kurz kam, ist der wohlverdiente Schlaf. Was bleibt, ist die Atmosphäre, die entsteht, wenn 2000 Studenten aus aller Welt versuchen, gemeinsam einen Konsens zu finden und nach langem Hin und Her endlich zu einem befriedigenden Resultat kommen.

 

Einen unvergesslichen Eindruck hinterlässt auch die Zusammensetzung der Delegationen: Asiaten, Amerikaner, Europäer, Afrikaner, Australier und Lateinamerikaner diskutieren auf Augenhöhe über die Probleme der Welt. Alle Nationalitäten, Sprachen und Religionen sind vertreten und bringen ihre Anliegen zur Sprache. Man könnte sagen, die World Model United Nations seien ein Mikrokosmos der Diplomatie von morgen.