Kultur | 13.03.2012

Selbstbetrug im Museum

Text von Tobias Söldi | Bilder von Fondation Beyeler.
Eine nackte Frau im Badezimmer beim Ausziehen, beim Waschen, beim Baden, beim Anziehen, beim Parfümieren. Die Ausstellung "Pierre Bonnard" in der Fondation Beyeler bei Basel gibt auch Anlass zu Überlegungen zu unserem Umgang mit Nacktheit in der Kunst.
Viele Bilder Bonnards zeigen seine Frau nackt im Badezimmer. Hier etwa "Le cabinet de toilette". Ein entspannendes Bad vor viel Publikum ("La Grande Baignoire").
Bild: Fondation Beyeler.

Pierre Bonnard (1867 – 1947) hat seine spätere Ehefrau Marthe unzählige Male im Badezimmer gemalt, nackt. Entstanden sind äusserst intime Bilder, die eine scheinbar völlig in ihre Tätigkeit oder in sich versunkene Frau im Bade zeigen. Als Betrachter beschleicht uns ein ungutes Gefühl von Voyeurismus. Offenbar ungestört geht Marthe der Pflege ihres Körpers nach. Wir sehen sie, aber sie scheint sich der indiskreten Blicke auf sich nicht bewusst zu sein. Kein Blick, keine Geste deutet darauf hin, dass sie weiss, wie viele Tausend Besucher in der Fondation Beyeler ihre Intimsphäre stören.

 

 

Empörung und Erlaubnis

Tausende sehen sich in Kunstmuseen ohne Bedenken nackte Körper an. Ebenso viele reagieren empört, wenn in Zeitungen, in Fernseh-Shows oder im Internet Bilder von Personen kursieren, die diese, meist gegen ihren Willen, ganz oder teilweise entblösst zeigen. Warum ist das so? Warum dürfen wir uns im Museum Bilder ansehen, die ausserhalb des Museums von denselben Leuten als Ärgernis empfunden werden würden? Man stelle sich vor, es gäbe Fotografien aus dem Privatleben einer prominenten Person, die diese ähnlich wie Bonnards Marthe bei der Toilette zeigen würde – ein Skandal. Warum empört sich niemand, wenn solche Bilder im Museum hängen? Vielleicht ist genau das der Grund: Dass Bilder im Museum einen Kunstanspruch haben, der erlaubt, was sonst für Entrüstung sorgen würde.

 

 

Verschleierte Nacktheit

Um Erklärungen für diese so unterschiedliche Behandlung von Nacktheit zu finden, ist es aufschlussreich, einen kurzen Blick in de Geschichte der Kunst zu werfen. Nackte Körper in Aktdarstellungen sind seit der Renaissance aus der Malerei nicht mehr wegzudenken. Der nackte Körper war das bevorzugte Sujet, um das handwerkliche Können des Künstlers unter Beweis zu stellen. Meist handelte es sich dabei um eine weibliche Person. Damit ist ein zweiter wichtiger Punkt angesprochen: Die weiblichen Personen fanden sich meist nur auf und nicht hinter der Leinwand. Der Kunstbetrieb war von männlichen Personen dominiert. Dass der weibliche Akt auch die Blicklust und die erotischen Fantasien des männlichen Betrachters befriedigen sollte, zeigt sich schon daran, dass viele Bilder dieser Art für Privaträume entstanden sind – den Weg vom Schlafzimmer ins Museum fanden sie erst nachträglich. Dennoch war der reine nackte Körper lange (oder immer noch?) ein Ding der Unmöglichkeit: Immer wurde seine Nacktheit verschleiert und auf diese Weise gerechtfertigt. Auf der Leinwand war nicht eine nackte, reale Person von nebenan zu finden, sondern die Göttin der Liebe, der Held Herkules oder Adam und Eva im Paradies. So wurde der Akt von der Realität entrückt. Offenbar wurde dies im Jahr 1863, als Edouard Manet sich in seinem Bild “Frühstück im Grünen” erdreistete, eine nackte, gewöhnliche Frau inmitten bekleideter Männer zu zeigen – was prompt für einen handfesten Skandal sorgte. Diese Verschleierungstaktik wird auch heute noch gebraucht. Wenn von Bonnards Aktbildern die Rede ist, geht es weniger um die Tatsache einer nackten Frau oder um das voyeuristische Tun des Betrachters, sondern um Farbe, um Licht, um die Malweise.

 

 

Ungestörtes Betrachten

Bilder von nackten Personen haben eine lange Tradition. Und wir können uns nicht einfach von dieser Tradition lösen. Auch wenn wir nicht immer wissen, was für eine mythologische Gestalt in einem Akt dargestellt ist, reicht allein schon die Tatsache, dass ein Bild im Museum hängt aus, um uns von der reinen Nacktheit abzulenken. Deshalb dürfen wir ungeniert im Museum unseren Blick über nackte Körper schweifen lassen, ohne dass wir mit moralischen Einwänden konfrontiert werden. Der Kunstcharakter rettet Bilder von nackten Personen davor, unter das Verdikt der moralischen Verwerflichkeit zu fallen. Vielleicht betrügen wir uns auf diese Weise selbst. Und wenn wir beim Betrachten von Bonnards Badezimmer-Bildern ein dumpfes Gefühl von Voyeurismus spüren, ist das ein Zeichen dafür, dass wir uns der Problematik unseres Tuns bewusst sind. Vermutlich üben Aktbilder gerade deshalb eine grosse Anziehungskraft auf uns aus, weil sie erlauben, was in der Realität nur bedingt möglich wäre: Den ungestörten Blick auf nackte Körper.