Sport | 13.03.2012

Präzision an der Stange

Eine authentische Show auf hohem Niveau bewies am Samstag in Bern, dass Poledance eine eigenständige akrobatische Kunstform ist: Im Theater National ging die internationale Aerial Pole Meisterschaft über die Bühne. Der Siegerpokal ging an die Ukreanerin Nataliia Tatarintseva und den Mexikaner Dante Hernandez Villaverde.
Dante Hernandez Villaverde aus Mexico tanzte mit viel Hüftschwung zu eigener Musik (1. Platz Männer).
Bild: Fabian Bloch Nataliia Tatarintseva aus der Ukraine flirtete mit dem Publikum zu Tangorhythmen (1. Platz Frauen). zvg

“Lasst uns fliegen, lasst uns Stangentanzen!”. So beschreibt die Poleartistin Diana Ham aus Mexiko, eine der Teilnehmerinnen, ihre Passion für das Pole Dancing. Die Tanzart, zu Deutsch Stangentanz stammt ursprünglich aus China (siehe Kasten). Mit der Eleganz und Sinnlichkeit eines Schmetterlings bewegen sich die Artistinnen und Artisten scheinbar schwerelos an den Stangen, verbleiben in anmutigen Posen und halten sich dabei geschickt mit Beinen, Händen und Armen fest.

 

Im Rahmen der zweiten Aerial Pole International Meisterschaft traf sich am vergangenen Wochenende die Elite der Poleartistik in den Räumen des Theater National in Bern. Neun Teilnehmerinnen und drei Teilnehmer präsentierten ihre eigens für die Meisterschaft kreierten Choreografien in zwei Disziplinen. Zwei fünf Meter hohe Stangen standen ihnen zur Verfügung, eine davon war statisch, die andere um die eigene Achse drehend.

 

Poledance – eine Kunstform

“Poledance ist eine relativ neue, international anerkannte Form des artistischen Tanzes an einer 4,5 cm dicken Chromstahlstange, eine Mischung aus Akrobatik und Anmut, Kraft und Körperbeherrschung, Choreographie und Charme”, beschreibt Gabriella in-Albon die auch in der Schweiz aufkommende Kunstform. Die Veranstalterin der Aerial Pole International Meisterschaft kann als Mutter des Pole Dancing in der Schweiz bezeichnet werden. 1995 entdeckte sie den Tanz in London während eines ihrer festen Engagements in einer Modernjazzcompany. Von einer Poledance-Weltmeisterin liess sie sich darin unterrichten und gründete 2005 Pole Positions CH, die erste Pole Dancing Schule in der Schweiz.

 

Dem Attribut Kunst wurde die Sportart in Bern in jeder Beziehung gerecht. Die Artistinnen und Artisten brachten das Publikum in Genuss von vielfältigen und kreativen Performances. Mit Musik und Tanz wurden Geschichten erzählt. Die Engländerin Bendy Kates etwa sorgte für Gänsehaut mit animalischen, erdigen Bewegungen, die an ein Raubtier erinnerten. Nataliia Tatarintseva aus der Ukraine versprühte pure Leidenschaft und Kraft zu Tangorhythmen, flirtete mit dem Publikum und schickte ihm Luftküsse zu. Issey Yamasaki aus Japan imitierte Captain Jack Sparrow aus “Fluch der Karibik” treffend – nicht nur kostümtechnisch, sondern auch durch Gestik und Mimik. Und Dante Hernandez Villaverde, mexikanischer Tänzer, Choreograf, Schauspieler und Sänger überraschte mit einer temperamentvollen und frischen Perfomance. Mit viel Hüftschwung tanzte und sang er zu einem eigenen Lied. Einmal hielt er kurz inne und klatschte im Takt des Liedes, bis das Publikum mit einfiel.

 

Viel Haut gezeigt

Manche Kostüme fielen schlicht und unauffällig aus, andere waren aufwendig gestaltet, beispielsweise mit Federschmuck. Jeder Dress jedoch entsprach dem Charakter der jeweiligen Show des Künstlers, war knapp und sexy. Viel Haut wurde gezeigt. Ein Grund dafür sei, dass blosse Haut auf Metall besser hafte, erklärte Gabriella in-Albon 2009 in einem Interview. Der Saal war gut besucht und zählte deutlich mehr Frauen als Männer. Aus allen Teilen der Welt waren sie angereist, um ihre Landesleute zu unterstützen und anzufeuern. Die Stimmung im Saal war gespannt, das Publikum fieberte mit und gemessen am Applaus und den strahlenden Gesichtern der Artistinnen und Artisten, war die Freude am Pole Dancing auf der Bühne wie auch unter den Gästen gross.

 

Eine internationale Fachjury beurteilte nach folgenden Kriterien: Präzision der Ausführung und choreografische Vielfalt, Ausdruck Persönlichkeit und Flexibilität, Individualität und Originalität der Performance, Interpretation der Musik und Kostüm. Die Meistertitel gingen an Nataliia Tatarintseva und Dante Hernandez Villaverde aus Mexico. Tatarintseva gewann zusätzlich in der Kategorie beste musikalische Ausführung sowie den Publikumspreis, über welchen schriftlich abgestimmt wurde. Insgesamt verlieh die Jury Preise in fünf gemischte Einzeldisziplinen. Der Preis für die beste Umsetzung ging an die Italienerin Alessandra Marchetti. Für die besten Tricks wurde die Amerikanerin Heidi Coker ausgezeichnet, für das beste Kostüm Bendy Kate aus England und für die beste Performance Phoenix Kazree aus den USA.

 

 

Weder Striptease noch Fitness


Poledance entspringt entgegen der häufigen Annahme nicht dem Striptease, sondern der chinesischen Zirkusartistik. Chinesische Artisten begannen die Mittelstange des Zeltes (Englisch: “the pole”) in ihre Darbietungen mit einzubeziehen und kreierten so das sogenannte Chinese Pole. Hier werden einzelne Figuren und akrobatische Bewegungselemente an einer bis zu neun Meter hohen Stange artistisch aneinandergereiht. Im Gegensatz dazu gehen die Elemente im Poledance fliessend ineinander über. Dies unterscheidet das Poledance wiederum von der ebenfalls aufkommenden Disziplin Polefitness, bei dem Ausdauer und Krafttraining im Vordergrund stehen. Wann und wie genau aber das Pole Dancing via chinesischen Zirkus in heutige Tanz- und Sportstudios gelangte, ist unklar.

Links

  • Der Verband Aerial Pole International (API) organisiert die internationale Meisterschaft. API besteht aus einem Team von Fachleuten aus England, Amerika, Kanada, Deutschland und der Schweiz und bietet Pole-Tänzerinnen und -Tänzern weltweit eine Plattform, ihr Können zu beweisen.