Kultur | 20.03.2012

Mit Elektronik gegen die Erwartungen

Text von Tobias Söldi
In dieser Serie wurde eine Band bislang sträflichst vernachlässigt: Radiohead. Nicht umsonst zählen die fünf Engländer zu den wohl wichtigsten und grössten Bands der Gegenwart. Seit Jahren spielen sie von Kritikern und Fans hochgelobte Alben ein. "Kid A" aus dem Jahr 2000 ist darunter wohl das bedeutsamste Album in der bald 20-jährigen Geschichte der Band.

Es dauert fast 15 Minuten, bis auf “Kid A”, dem vierten Album von Radiohead, die vertrauten Gitarren zum ersten Mal zu hören sind. Wer die Band bis dahin verfolgte und liebte, sass beim ersten Hören wohl verwirrt und befremdet vor den Boxen, sich vergewissernd, ob das tatsächlich Radiohead sind, die da musizieren. Bis “Kid A” erschien waren die Engländer nämlich vor allem als melancholische bis depressive Rockmusiker mit Hang zu hymnischen Melodien und Pathos bekannt. Allgemein bekannt und beliebt auch bei Nicht-Fans der Band ist der Überhit “Creep” von ihrem Debut-Album “Pablo Honey” aus dem Jahre 1993 und vielleicht gitarrenorientierte Songs wie das krachige “Just” (mit seinem übrigens äusserst sehenswerten Videoclip) oder das ruhige “Street Spirit (Fade Out)” vom Zweitling “The Bends” aus dem Jahre 1995. Zwei Jahre später erschien “Ok Computer”, in weiten Kreisen als Meilenstein der Rock- und Pop-Musik der 1990er Jahre gefeiert. “Paranoid Android”, “Karma Police”, “Exit Music” und all die anderen Stücke sind grossartige, emotionale und intensive Songs, die einem immer noch kalte Schauer über den Rücken jagen.

 

 

Neuerfindung geglückt

Und dann kam “Kid A”. Das eröffnende Dreigestirn ist ein harter, aber lohnender Brocken, den man sich erarbeiten muss. Dranbleiben lohnt sich. Eine Keyboard-Melodie statt verzerrte Gitarren in “Everything in its right place”, verfremdete Stimmen, Spieluhr-Klänge und sphärische Soundflächen im namensgebenden Stück “Kid A”, Freejazz und Rhythmus statt schöne Melodien in “The National Anthem”. Das erinnert kaum mehr an die alten Radiohead. “How to disappear completely” holt den Hörer nach dieser Verwirr- und Irrfahrt kurzzeitig zurück auf den Boden der Realität und scheint ihn mit seinen sanften Gitarren und der wunderschönen Melodie beruhigend zu streicheln. Erinnerungen an frühere Songs der Band werden wach und insgeheim hofft man, es gehe nun so weiter.

Doch diese Hoffnungen werden gnadenlos und schon im Keim erstickt, vom folgenden “Treefingers”, einem reinen Ambient-Stück, das eigentlich nur aus sphärischen, ineinanderfliessenden Klängen besteht. Nach den fast schon konventionellen Gitarrensongs “Optimistic” und “In Limbo” zeigen Radiohead nochmals und am radikalsten ihr neues Gesicht: “Idiotique”: Harte Beats, kalte, mechanische Klänge und dazu die schneidende Stimme von Sänger Thom Yorke. Spätestens hier ist klar: Radiohead haben sich neu erfunden und meinen es ernst. Das Experiment ist geglückt.

 

Künstlerischer und kommerzieller Erfolg

Das haben auch die Fans gemerkt, die das Album zu einem riesigen Erfolg für die Band werden liessen. Obwohl es keine Interviews im Vorfeld der Veröffentlichung gab, auch keine Singles oder Videos, war das Album bald in vielen Ländern auf Platz eins der Charts zu finden. Radiohead ist es gelungen, künstlerischen und kommerziellen Erfolg zu vereinen. Inzwischen nehmen sie auch ab und zu die Gitarren wieder in die Hand, ihre Neigung zu elektronischen Sounds und Beats aber haben sie nie ganz abgelegt. Radiohead machen einfach das, was sie am besten können: Gute Musik ohne Rücksicht auf Genregrenzen. “Kid A” war dazu der richtige erste Schritt.

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