Kultur | 27.03.2012

Mehr als nur Musik

Text von Tobias Söldi | Bilder von Katharina Good
Mysteriöse Stille vor einem Club und ein älterer Herr, der sich für die Musik von jungen Burschen begeistern konnte. Das BScene 2012 in Basel bot mehr als nur Musik. Aber was heisst hier "nur"? Immerhin gaben an zwei Tagen rund 60 Schweizer Bands in 10 verschiedenen Clubs ihr Können zum Besten. Die Auswahl allein für den Samstag war gross und fiel entsprechend schwer.
Die dunklen Töne von "We Loyal" hätten mehr Freiraum verdient, um ihre ganze Grösse entfalten zu können. Die jungen Indie-Rocker "Christopher Christopher" begeisterten vor allem das junge Publikum, brachten aber auch andere zum Tanzen. Die vier Jazzstudenten von "Judy Birdland" waren eine der grösseren Überraschungen an der BScene 2012.
Bild: Katharina Good

Ganz leise musste man am Samstagabend draussen auf der Strasse vor dem „Sud“ sein. Es hiess, man wolle die Nachbarn nicht stören. Schnell eilten bei Äusserungen in gewöhnlicher Lautstärke die Sicherheitsleute herbei und wiesen einen auf das Vergehen hin oder alle anderen draussen Herumstehenden straften den Aufmüpfigen mit einem kollektiven „Shhh“. Das zeigte Wirkung. Es war schon fast unheimlich ruhig.

 

Ärgerliches Geplapper

Drinnen im „Sud“ musste dann offenbar die aufgestaute Redelust abgebaut werden und man widmete sich munter dem Gespräch. Leider versiegte der Redefluss auch nicht, als um Mitternacht die ersten dunklen Töne der Band „We Loyal“ erklangen. Das war besonders bei stillen Songs ärgerlich, die zum Teil nur aus Gesang und Gitarre bestanden. Fast wünschte man sich einen Ordnungshüter von draussen herbei, der die Plappermäuler zurechtweisen würde. Denn die Musik der drei Basler braucht Platz und Freiraum, um sich in ihrer ganzen Grösse entfalten zu können.

„We Loyal“ zeigten sich aber unbeirrt und spielten ihre düstere, hypnotische, erhabene Musik. Das erinnerte wegen der dunklen Stimme stark an „Joy Division“ aus den frühen 80er, und manchmal ein bisschen an „Interpol“. Genauso wenig wie auf der Bühne, lassen sich „We Loyal“ auf ihrem Karriereweg beirren: Nach von Kritikern und Musik-Fans wohlwollend aufgenommenen Songs und Konzerten in New York haben sie ihren Wohnsitz mittlerweile nach Berlin verlegt. Den Namen „We Loyal“ sollte man sich merken.

 

Begeisterung bei Jung und Alt

Weniger gewichtig, düster und schwermütig ging es etwa eine Stunde zuvor im Volkshaus bei „Christopher Christopher“ zu und her. Die jungen Indie-Rock-Aufsteiger aus Baden machen melodiöse, leicht psychedelische Musik. Gitarrenlastig und mehrstimmig brachten sie das junge Publikum zum Kreischen. Wenn man seinen Fanclub gleich mitbringt, kann in dieser Hinsicht wohl nichts schiefgehen. Wahrscheinlich nicht zum Fanclub und auch nicht unbedingt zur Zielgruppe von „Christopher Christopher“ gehörte ein älterer, schon leicht angegrauter Herr. Die geschätzten fünfzig Jahre liess er sich nicht anmerken und tanzte hemmungslos und voller Leidenschaft. Da konnte manch junger Konzertbesucher noch etwas von der alten Garde lernen. Und „Christopher Christopher“ können auf der anderen Seite wahrlich von sich behaupten, Jung und Alt zu begeistern.

 

Keine Extravaganzen

Überraschung des Abends waren „Judy Birdland“ im Parterre. Geht man ohne Erwartungen und Vorkenntnisse an ein Konzert, erlebt man immer wieder unerwartete Momente des Staunens. „Judy Birdland“ bewegten sich musikalisch zwischen Jazz, Blues, Rock und Pop. So beliebig wie die Beschreibung klingt, war die Musik aber bei Weitem nicht. Die vier Jazz-Studenten machten äusserst spannende, vielseitige und komplexe, nicht dem einfachen Strophen-Refrain-Strophen-Schema folgende Musik. Meist starteten die Songs gemächlich, steigerten sich und endeten nicht selten in einer kleinen Lärmorgie. Dazwischen gab es Gitarren- und Basssolos wie im Jazz, viele schöne Melodien, Blues, und ein grosses Quantum Spielfreude. Für einmal waren keine aussermusikalischen Extravaganzen festzustellen. Es gab schlicht und einfach Musik.

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