Kultur | 26.03.2012

Mamis kleines Monster

Text von Nicole Döbeli | Bilder von cineman.ch
Evas Haus ist blutverschmiert - so will es jedenfalls die Symbolik. Ein rotfarbener Racheakt verzweifelter Eltern, deren Kinder durch Evas Sohn Kevin sterben mussten. Was, wenn der eigene Sohn ein kaltblütiger Mörder ist? Mit dieser düsteren Thematik setzt sich der Film «We need to talk about Kevin« auseinander, der seit erstem März in den Schweizer Kinos läuft.
Schon da hängt der Haussegen schief.
Bild: cineman.ch

Eva, grandios gespielt von Tilda Swinton, wollte eigentlich gar kein Kind. Doch ihrem Mann zuliebe wagt sie den grossen Schritt und lässt sich auf das Abenteuer «Mutter sein« ein. Aber ihr Sohn Kevin, verkörpert von Jungschauspieler Ezra Miller, verweigert sich ihr von der ersten Sekunde an. Auch Eva wartet vergebens auf das Gefühl der bedingungslosen Mutterliebe, das jeder Frau prophezeit wird.

 

Mein Sohn der Mörder

Kevin’s Kindheit wird zu einem Machtkampf. Der Kleine scheint Evas klägliche Bemühungen als Mutter von weitem zu durchschauen und torpediert sie, wo er kann. Im Gegensatz dazu reagiert er auf seinen Vater, gespielt von John C. Reilly, sehr viel positiver, was mit der Zeit einen Keil zwischen Eva und ihren Mann treibt. Denn auch dahinter vermutet Eva manipulative Bosheit ihres Sprösslings. Diese gipfelt einige Tage vor Kevins sechzehntem Geburtstag in einem Amoklauf an seiner Schule. Eva muss fortan damit klarkommen, einen Mörder herangezogen zu haben. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, wird sie von der Nachbarschaft geächtet und sieht sich immer wieder Hassattacken wie der roten Farbbombe ausgesetzt. Tilda Swinton geht auf in ihrer Rolle als verzweifelte, zerrissene Mutter, die sich mit der Frage auseinandersetzen muss, wie viel Schuld sie an der grausamen Tat ihres Sohnes trägt.

 

Buch vor Film

Der Film, der auf dem gleichnamigen Buch basiert, versucht gar kunstvoll und alternativ daher zu kommen. An vielen Stellen scheint die Regisseurin Lynne Ramsay die Spannung der Kunst zu opfern. Eva erzählt im Buch ihre Geschichte in der Vergangenheit und führt die Leser flüssig durch die vielen Zeitsprünge. Der Film greift zwar viele Szenen aus dem Buch auf, jedoch fehlt eine Erzählstimme, die den Zuschauern den Weg weist. So scheinen die Szenen zu willkürlich  zusammengewürfelt und sind ohne das Vorwissen aus dem Buch schwer verständlich. Der Film sollte eher nach der Lektüre geschaut werden – als eindrucksvolle Szenen-Collage mit fantastischen Schauspielern.