Kultur | 21.03.2012

“Ich schliesse oft meine Augen”

Text von Martin Sigrist | Bilder von Martin Sigrist
Die französische Sängerin Soko meldet sich aus ihrem Exil Los Angeles zurück, nach sieben Jahren mit ihrem ersten Album. Tink.ch traf die 26-Jährige in Zürich und sprach mit ihr über ihren Erstling, ihr Tourleben und ihre mögliche Zukunft.
Bild: Martin Sigrist

Du störst dich in einem deiner Lieder an der oberflächlichen Frage nach dem Befinden. Trotzdem, wie geht’s dir?

Ganz gut, aber es ist jetzt Halbzeit auf der Tour. Ich war schon lange nicht mehr so viel auf Tour und jetzt bin ich ziemlich müde. Ich habe diesen Tiefpunkt und bin erschöpft. Ich schlafe die ganze Zeit und fühle mich lethargisch, das ist so etwas wie ein Winterschlaf. Ich wache nur auf, um Konzerte zu spielen. Auf der Bühne bin ich dann aber doch nur halb wach.

 

Fühlt es sich dennoch gut an, wieder auf Tour zu sein?

Es ist komisch, denn ich bin es mir gewohnt, spontane Konzerte zu spielen, die kurzfristig angekündigt und kostenlos sind, einmal mit Kerzen, dann in Parks oder in Wohnzimmern. So wollte ich es immer machen, einfach spielen, wenn ich Lust dazu hatte. Aber jetzt ist alles geplant, ich muss täglich spielen, die Leute kaufen dafür Tickets, auch der Besuch der Konzerte ist geplant. Das fühlt sich alles sehr anders an. Es ist hart, jeden Abend echt und verletzlich auf der Bühne zu stehen. Das macht mich sehr depressiv.

 

Wie schaffst du es dennoch auf die Bühne?

Ich schliesse oft meine Augen. Ich versuche ohne Setlist zu spielen und mich damit zu überraschen. Es soll alles doch irgendwie spontan bleiben.

 

Viele Leute freuen sich auf deine Konzerte und sind froh, dass sie es vorher wissen.

Rare Dinge sind spezieller. Ich mag es aber selbst auch, vorher von Konzerten zu wissen und freue mich auch, dass Leute zu meinen Konzerten kommen. Ich sehe also beide Seiten. Als Künstlerin möchte ich mich nie festlegen und einfach dann spielen, wenn ich Lust dazu habe. Aber als Musikfan freue ich mich selbst auch auf Livekonzerte.

 

Es war lange unklar, ob von dir ein Album erscheint. Wie kam es nun dazu?

Ich bin vom Tod bessessen und denke immer daran, dass ich sterben werde. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Ich denke immer daran, was denn ist wenn ich morgen sterbe. Was hinterlasse ich denn der Welt von mir. Jene Musik, die von mir ins Internet gestellt wurde hasse ich. Ich möchte zurücklassen, was ich mag. Darum habe ich jetzt ein Album gemacht und damit jene Musik, die ich wirklich machen wollte. Das gab mir die Stärke, das Album zu machen.

 

Das klingt auch nach einer Verpflichtung. Hat es dir überhaupt Spass gemacht?

Es war überlebenswichtig, ich hätte nichts anderes tun können bevor das Album fertig ist. Es war für mich in dem Moment das Wichtigste. Ich schreibe die ganze Zeit und muss die Songs festhalten, sonst würden sie nicht existieren. Das ist meine Erinnerung an diese Zeit.

 

Ist es die Auswahl, die du hinterlassen möchtest?

Ich habe die letzten fünf oder sechs Jahre Songs aufgenommen. Ich habe so viele Songs, es ist verrückt. Es sind verschiedene Wege, um mich auszudrücken. Nach dieser Tour gehe ich zurück nach L.A. und versuche, mein zweites Album fertig zu machen. Aufgenommen ist es wie gesagt schon, ich muss es nur noch mixen.

 

Wird es anders sein?

Nein, ich habe alle Songs gleichzeitig aufgenommen.

 

Deine früheren Songs erschienen fröhlicher. Heute hasst du sie jedoch. Wieso?

Ich mag traurige Musik, denn ich bin eher eine traurige als eine fröhliche Person. Ich weiss nicht warum ich früher auf der Bühne so getan habe als wäre ich glücklich. Ich habe mich zu sehr bemüht, fröhliche Songs zu machen. Jetzt bin ich ehrlich und habe das Album gemacht, welches wirklich reflektiert wer ich bin. Es war für mich wichtig, zu machen was mir gefällt.

 

Bist du auf der Bühne glücklich?

Manchmal, ich spiele aber auch mal ein ganzes Konzert weinend. Mein Freund hat mich am Tag vor dem Tourstart verlassen. So habe ich beim ersten Konzert in Bristol viel geweint.

 

Du sprichst vom Gefühl, jederzeit sterben zu können. Ist das für dich positiv oder negativ?

Für mich ist das positiv. Ich habe diesen Song “We Might Be Dead By Tomororw” geschrieben. Ich bin sehr todesbewusst, vielleicht weil ich meinen Vater so verloren habe. Er ist einfach gestorben, im Bett neben meiner Mutter. Das zeigte mir, dass man im Leben nichts planen kann. Daher möchte ich jeden Tag so leben als wäre es mein letzter. Ich verstehe Leute nicht, die so beschäftigt sind und einen auch mal zwei Wochen vertrösten um sich dann zu treffen. Dann denke ich, okay, du bist nicht mein Freund. Ich kann mit Leuten nicht umgehen, die zwei Monate im Voraus planen wollen. Das ist auch ein Grund, warum ich mich von meinem Freund getrennt habe. Wenn ich auf Tour bin, könnte ich jeden Tag sterben, da kann man nicht einfach sagen, ich sehe dich dann wenn du zurück bist.

 

Wie gehst du jetzt mit deinen Fans um?

Das ist komisch. Ich mache mein eigenes Facebook und Twitter, ich kommuniziere gerne mit den Leuten. Da die Leute wissen, dass ich das selbst mache, schreiben die Leute oft sehr persönliche Dinge. Im Netz fühle ich mich sicherer weil ich hinter einem Schutzschirm bin. Im echten Leben bin ich sehr schüchtern. Ich bin oft alleine und schätze es, Zeit alleine zu verbringen. Viele meiner Freunde kennen meine Musik nicht, ich hatte immer Angst zu hören, was die Leute davon denken. Mit dem Bewusstsein, dass sich die Leute mein Album anhören, hätte ich es nie machen können. Ich bin einfach froh, dass es existiert, aber ohne Gedanken daran, ob es den Leuten gefällt.

Links