Politik | 21.03.2012

Hoffen, dass die Welt nicht länger wegschaut

Text von Nadine Küng | Bilder von Nadine Küng
Ein Exiltibeter versucht in Alleingang die UNO dazu zu bringen, über das Schicksal seiner Heimat zu sprechen. Das ist kein einfaches Unterfangen, doch Sara Dawa hat Geduld. Ein Jahr lang demonstrierte er jeden Monat vor dem Sitz der Vereinten Nationen in Genf, sammelte Unterschriften und erklärte sich chinesischen Touristen.
Sara Dawa will die Vereinten Nationen in Genf (im Hintergrund deren Haupteingang) dazu bringen, über das Schicksal seiner Heimat Tibet zu entscheiden. Vor einem improvisierten tibetischen Altar betet Sara Dawa, dass sein Protest vor der UNO glücklich verlaufen wird.
Bild: Nadine Küng

Bunte Gebetsfahnen flattern vor dem Eingang der Vereinten Nationen in Genf. Es ist bitterkalt. Ein einzelner Mann trotzt der Bise. In tibetische Gewänder gehüllt verteilt er Briefe an die spärlichen Passanten. Diese Briefe sind an niemanden geringeren gerichtet, als Ban Ki Moon, den Generalsekretär der UNO. Unterschrieben hat Sara Dawa. So heisst der Mann der seit einem Jahr in Genf protestiert . Regelmässig, einmal pro Monat. Heute demonstriert Sara Dawa zum letzten Mal.

 

Denn heute ist wieder der 10. März, jener Tag, an dem der Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Herrschaft vor 53 Jahren offiziell begann. “Seither wird die Situation jedes Jahr schlimmer”, begründet Dawa seinen Protest und zeigt stumm auf die Fotos, die neben den Fahnen auf dem Place des Nations stehen. Zu sehen sind junge Tibeter, meist Mönche und Nonnen, hinter ihnen züngeln Flammen. “Sie haben sich selber verbrannt, weil sie keinen anderen Weg mehr sahen als diese höchste Form der gewaltlosen Demonstration. Sie haben gehofft, dass die Welt so nicht länger wegschaut”, erklärt Dawa. Bis heute seien 30 Selbstverbrennungen bekannt, doch China schottet Tibet ab und versucht die Angelegenheit zu vertuschen.

 

Jetzt will Dawa die UNO dazu bringen, das heikle Thema anzusprechen. Es sei an der Zeit, dass sich die Vereinten Nationen einschalten und eine unabhängige Delegation nach Tibet schicken, um die Situation zu beurteilen. Ein Jahr lang sammelte Dara in Genf Unterschriften für sein Anliegen. 1500 hat er zusammengebracht. Die Unterzeichnenden stammen aus der ganzen Welt. Doch obwohl der Exiltibeter seinen Protest mit dem Brief an Ban Ki Moon offiziell angekündet hat, wartet er bis heute auf eine Antwort vom Sekretariat der UNO.

 

Nachts über den Himalaya

Dawa weiss, weshalb er kämpft: Acht Jahre alt war er, als ihn seine Eltern auf ihre Schultern setzten und der chinesischen Unterdrückung entflohen. Das war vor 52 Jahren. “Kurz zuvor hatte die chinesische Polizei eine friedliche Demonstration brutal beendet”, erinnert sich der heute 60-Jährige gefasst. Auf der Flucht überquerten sie bei Nacht sie Schritt für Schritt das Himalaya-Gebirge. Tagsüber schliefen sie in den Wäldern. Im indischen Exil war vorerst Endstation. Dort wuchs Dawa auf und arbeitete fortan im Strassenbau.

 

Mit Hilfe des Roten Kreuzes kam er vor bald vierzig Jahren in die Schweiz. Heute spricht er fliessend Deutsch, arbeitet in einer Fabrik im Kanton Glarus im Schichtbetrieb und sieht die Schweiz als zweite Heimat – aber in Tibet seien nun mal seine Wurzeln. Sagt es und kniet sich vor einen kleinen Altar, den er den tibetischen Gottheiten vor der UNO errichtet hat. Vor gut zehn Jahren konnte er mit seinen drei Kindern kurz in seine Heimat zurückkehren. Natürlich habe er sich gefreut, aber viel zu schnell habe er die unendliche Trauer der Tibeter gespürt.

 

Weil die Menschen Egoisten sind

Viele Passanten gehen neugierig auf die bunte Aktion zu. Meist geht es ruhig zu und her. Einige Male wurde es aber schon brenzlig, etwa wenn plötzlich chinesische Touristen vor der UNO standen. “Die Jüngeren, eher demokratisch orientierten haben mir zugehört. Bei den älteren war es schwieriger. Einer hatte sogar Angst, mit dem Brief in der Tasche nach China zurückzukehren”, fasst Dawa zusammen. Er habe aber mit allen gesprochen, er sei nicht wütend auf die Chinesen.

 

In seinem Brief anerkennt Dawa etwa, dass die chinesische Regierung die tibetische Infrastruktur ausgebaut hat. Doch leider habe China bisher viel mehr Gutes versprochen als Gutes getan. Das Grundproblem ist in den Augen des Exiltibeters denn auch nicht Chinas Regime, sondern eine Kerneigenschaft der Menschen: “Wir sind Egoisten und hören nur auf das, was wir wollen. Deshalb setzt der Dalai Lama auch hier an, um Frieden auf der Welt zu schaffen.”

 

1500 Unterschriften an die UNO

Dawa versucht bei seinen Aktionen realistisch zu bleiben. Er kämpft schon gar nicht mehr für die Unabhängigkeit Tibets. Er fordert, dass China alle politischen Gefangenen freilässt, die ohne Prozess eingesperrt sind und dass die tibetischen Ressourcen nicht länger ausgebeutet werden. Er fordert, dass China das zweite tibetische Oberhaupt, den Panchen Lama, freilässt und dem Dalai Lama erlaubt, seine Pilgerstätten zu besuchen. Er fordere, was für andere Völker selbstverständlich sei, sagt er.

 

Vergangene Woche übergab Dawa seine Forderungen und die 1500 Unterschriften einem Vertreter der UNO. Jetzt werde er einfach wieder und wieder darauf bestehen, bis das Thema zur Sprache komme. Er plant bereits seine nächsten Aktionen. Verraten, worum es sich handelt, will er allerdings noch nicht – zuerst müsse er die Bewilligungen abwarten.