Kultur | 27.03.2012

Gesellschaftliche Abgründe vermittelt durch Schrott

Text von Bernhard Marsden | Bilder von Katharina Good
Edward Kienholz zeigte der Gesellschaft auf, dass die menschlichen Abgründe oft sehr nahe am vermeindlichen sicheren Hafen liegen. Um das zu verdeutlichen baute er ganze Strassenzüge nach. Durch seine Kunstwerke spricht er auch 18 Jahre nach dem Tod noch mit seinem Betrachter. Tink.ch hat sich die Ausstellung von Edward Kienholz im Basler Tinguely-Museum angeschaut.
Die ausgestellten Tableaus von Edward und Nancy Kienholz schockieren mit Themen der Gewalt, Macht oder Sexualität. Die Interaktion mit den Werken ist hier in Basel aber nicht erwünscht. Im Vordergrund: "My Country Tis of Thee", 1991. Nur auf den ersten Blick scheint "The Eleventh Hour Final" (1968) eine gemütliche Fernsehstube nachzubilden. Hier die Detailansicht mit der wöchentlichen Todesstatistik. Seid ihr Schweizer mit eurer Regierung zufrieden? Zum ersten Mal bekommt der machthungrige Reiter in "The Ozymandias Parade", 1985, eine Augenbinde mit der Antwort "Yes".
Bild: Katharina Good

Zurzeit zeigt das Museum Tinguely eine Ausstellung der besonderen Art: “Kienholz, die Zeichen der Zeit”. Die Tableaus von Kienholz, die oftmals aus Trödel und Schrott konstruiert wurden, bilden lebensgroße Szenen aus dem alltäglichen Leben. Im familiären Wohnzimmer oder in der Kneipe. Eine leichte Verfremdung der vertrauten Umgebung bewirkt allerdings, dass nicht das wohlanständige und geborgene der bürgerlichen Lebenswelt in den Blick tritt, sondern dass die Abgründe einer Doppelmoral sichtbar werden, die in Form eines latenten Rassismus, eines Sexismus und einer stumpfen Gewalt vielfach direkt unter der Oberfläche eines geordneten Lebens brodeln.

 

Kustharz im Halbschatten

Edward Kienholz, der als erster Künstler den Schritt von der dadaistischen Installation zur Objektmontage vollzogen hat, begann sein Schaffen in den späten 1950er Jahren, indem er Flohmärkte und Trödelgeschäfte abklapperte und dort diejenigen Gegenstände erwarb, aus denen er seine monumentalen Tableaus konstruierte. Billardtische mit dazugehörigen Spielern, eine Bar oder das Innere eines Wohnzimmers entstanden dabei ebenso wie der Straßenzug eines Amsterdamer Rotlichtviertels allesamt in Lebensgröße. Das riesige Ausmaß der Werke sollte dazu führen, dass sich der Betrachter unmittelbar in eine Szenerie hineinversetzt fühlt, die er zumindest den Gegenständen nach aus seinem Alltag kennt. Damit das Altbekannte aber aus einem anderen, oftmals verdrängten Blickwinkel gesehen wird, kommen Kunstharz und Masken sowie Musik- oder Lichteffekte zum Einsatz. Mit ihnen verfremdet Kienholz die bekannte Szenerie, sodass das Objekthafte der Frau in einer gewalttätigen Männerwelt oder die grausamen Folgen des Vietnamkriegs dem Betrachter schockierend vor Augen treten. Die Wirkung wird durch halbdunkles Licht im Ausstellungsraum des Tinguely-Museums noch erhöht.

 

“The Eleventh Hour final”

Als gutes Beispiel hierfür kann “The Eleventh Hour final” dienen. Auf den ersten Blick findet sich der Betrachter beim Betreten des eigens für das Tableau konstruierten Raumes in der behaglichen Umgebung eines abendlichen Fernsehzimmers wieder. Eine Couch und ein Tisch samt Fernsehzeitschrift sorgen für eine geschützte und gemütliche Samstagabendatmosphäre. Diese traute Atmosphäre wird allerdings brutal durchbrochen, wenn der Betrachter sich umwendet und sein Blick auf den Fernseher gelenkt wird, dessen Form an einen Grabstein erinnert. Während auf der Mattscheibe die Todesstatistik einer vergangenen Woche des Vietnamkriegs flimmert, liegt im Bildschirm der abgetrennte Kopf einer Puppe, der die nüchternen Zahlen mit einer eigenen Realität auflädt. Die geborgene Atmosphäre des bürgerlichen Heims wird so an eine grausame Wirklichkeit erinnert, zu der der jeweilige Bewohner auch einen Anteil beigetragen hat. Obwohl “The Eleventh Hour final” bereits 40 Jahre zurückliegt, hat seine mahnende Aussage auch in der heutigen Zeit nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Menschen lesen jeden Tag beim morgendlichen Kaffee erneut von Bombenanschlägen, um im nächsten Moment gleichgültig zur nächsten Seite der Zeitung umzublättern, auf der sie die neusten kulturellen Angebote finden.

 

Das erste Ja aus Basel

“The Eleventh Hour final” ist eines von ca. 25 Tableaus, die zurzeit in Basel zu sehen sind. In ihrer Auswahl bilden sie einen guten Querschnitt durch die verschiedenen Thematiken des Kienholzschen Werks. Neben der Gleichgültigkeit einer bürgerlichen Welt beschäftigte sich der Künstler vorwiegend auch mit der Rolle der Frau, mit Religion, Rassismus, Sex und politischen Machtstrukturen, denen er mit seinem Werk “The Ozymandias Parade” ein eindrückliches Denkmal gewidmet hat. In Basel kommt diesem Denkmal eine ganz besondere Bedeutung zu. Eine vom Museum durchgeführte, nichtrepräsentative Onlineumfrage ergab nämlich, dass die lokale Bevölkerung mit ihrer Regierung zufrieden sei. Dies führt nun dazu, dass der machthungrige, auf einer ausgezehrten Alten reitende General ein weißes Tuch mit dem Worte “Yes” statt dem sonst üblichen “No” vor dem Munde trägt. Damit kann er als Parodie auf den Künstler selbst verstanden werden, der die gegenteilige Antwort der Besucher in sein Kunstwerk eingerechnet hatte. Obwohl Basel der erste Ort mit einem “Yes” für seine Regierung ist, zeigt dies doch, dass die in den Kienholzschen Werken kritisierten Themen einer immer neuen Auseinandersetzung bedürfen, die durchaus auch gegenteilig zur vom Künstler intendierten Kritik ausfallen kann. Kienholz steht also auch 18 Jahre nach seinem Tod immer noch im Dialog mit dem Betrachter.

 

Der Betrachter im Kunstwerk

Bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Tableaus fällt auf, dass die Anzahl der ausgestellten Objekte sehr klein ist. Gerade Kenner dürften eine größere Zahl an Tableaus erhofft haben, da das Werk in seiner Reichhaltigkeit noch einiges zu bieten hätte. Weiter zu bedauern ist, dass die Werke nicht mehr benutzt werden können. Kienholz selbst hatte in seiner Objektkreation damit gerechnet, dass sich der Betrachter durch das Setzen auf einen Stuhl oder durch das Benutzen eines Spielautomaten zu einem Teil des Kunstwerks machte. Dieser Umstand tut der Ausstellung insgesamt aber keinen Abbruch. Teilweise kann diese Absicht bewahrt werden, indem in “Pool Hall” der Kopf des Betrachters durch einen Spiegel über dem fehlenden Kopf des Opfers erscheint. Kienholzens Werke beeindrucken auch weiterhin durch ihre monumentale Größe und durch die Härte einer Realität, die oftmals nur hauchdünn unter dem Alltag vieler Menschen brodelt. Der anhaltende Dialog, zu dem der Künstler den Betrachter einlädt, hat damit nichts von seiner Aktualität eingebüßt und macht den Besuch der Ausstellung zu einer spannenden Gelegenheit, um sich die Abgründe des eigenen gesellschaftlichen Daseins vor Augen führen zu lassen.