Kultur | 28.03.2012

Eine wen iig, dr Dällebach Kari

Text von Helen Bumann
Mani Matter schrieb Lieder über ihn. Im letzten Jahr war das Musical zu hören. Jetzt kommt seine Geschichte in die Kinos. In breitem Berndeutsch wird das Leben des Dällebach Kari erzählt. Im frühen 20. Jahrhundert lebt dieser als Coiffeurmeister in Bern und lernt an einem Schwingfest Annemarie kennen. Eine wunderschöne Liebesgeschichte, amüsant, aber auch himmeltraurig.
Der Film über Dällebach Kari fokussiert sich sehr stark auf die Beziehung zu Annemarie.

Im Fim „Eine wen iig, dr Dällebach Kari“ wird die Geschichte des wohl berühmtesten Coiffeurs von Bern erzählt. In Rückblenden erinnert sich der alte Kari (Hanspeter Müller-Drossaart) an seine jungen Jahre, gespielt von Nils Althaus, besonders an die Zeit mit Annemarie, seiner grossen Liebe.

 

Geboren mit einer Hasenscharte, hat es Kari von Anfang an nicht leicht: Der bei der Geburt herbeigerufene Arzt empfiehlt den Eltern, ihn wie eine Katze zu ertränken. Verhungern würde er sowieso, meint dieser. Die Eltern bringen das Ertränken aber nicht übers Herz und füttern ihn durch. Von allen belächelt und verspottet kämpft er sich durch die Schule und absolviert anschliessend eine Lehre als Coiffeur. Während dieser Zeit begegnet er auch jener Person, die sein Leben verändern wird: Annemarie Geiser (Carla Juri), Fabrikantentocher aus besserem Hause. Aus einem ersten Tanz wird bald Liebe, doch Standesdünkel der damaligen Gesellschaft steht zwischen den beiden.

 

Mit viel Feingefühl hat Xavier Koller die Story des Films geschrieben und umgesetzt. Er hat in die Geschichte den Humor eingebracht, für den Kari so berühmt gewesen ist. Durch die Natürlichkeit, mit der die Figuren gespielt sind, beeindruckt die Liebesgeschichte umso mehr. Man kann sich sofort mit den Charakteren identifizieren und fühlt sich von der Handlung mitgerissen.

 

Romantik anstatt Alkohol

Im Gegensatz zum Musical konzentriert sich der Film aber nicht auf den berühmten Kari, der mit seiner Schlagfertigkeit ganz Bern fasziniert, sondern auf eine kurze Episode in seinem Leben, die erste Liebe. Mit Annemarie trifft Kari das erste Mal auf jemanden, der ihn behandelt wie jeden anderen auch. Leider rückt die Romanze im Film so in den Vordergrund, dass Kari’s Krebserkrankung und sein jähes Lebensende, ganz zu schweigen von seinem übermässigen Alkoholkonsum, zu wenig zur Geltung kommen.

 

War der exzessive Alkoholkonsum in seinem richtigen Leben Ausdruck der nie überwundenen unerfüllten Liebe zu Annemarie, wird dieser in Kollers Film vollständig ausgeblendet. Um diese Wehmut anders darzustellen, arbeitete Koller sehr viel mit dem Motiv Wasser. Das Wasser, welches Kari durch ertränken schon an seinem ersten Lebenstag das Leben hätte nehmen sollen, taucht deshalb in vielen Schlüsseszenen wieder auf.

 

Mehr Ecken und Kanten, bitte

Der sorgfältig aufgebaute Film mit dezenter Klavier-Musik gehört sicher zu den besten Schweizer Filmen überhaupt. Allerdings erinnern einige Szenen gegen Schluss stark an Hollywood-Klischees. Koller hat in den USA gelernt, einen Film für das breite Publikum zu machen. Einen Ausbruch aus den gesetzten Normen hat er leider nicht gewagt, denn obwohl fantastisch inszeniert, bleibt er märchenhaft. Ein wenig mehr Ecken und Kanten hätten es schon sein können.

 

Wie das damals genau war mit dem Dällebach Kari und seiner Annemarie, kann man nicht mehr rekonstruieren. Aber als tiefgreifende Liebesgeschichte, eingepackt in allgemeinen Denkanstössen fürs Leben, überzeugt der Film. Die Story geht ans Herz, Situationskomik verführt zum Lachen, und Tragik zehrt an der Tränendrüse. Wer in nächster Zeit einen Kinobesuch plant, für den ist „Eine wen iig, dr Dällebach Kari“ auf jeden Fall empfehlenswert.