Kultur | 21.03.2012

Die Schiebe ist lön

Text von Veronika Henschel | Bilder von Raoul Pellaton
Vergangenen Mittwoch wurde zum vierten Mal im Hinterhof in Basel geslamt. Sieben Slamer und eine Slamerin aus Deutschland und der Schweiz verpackten Themen wie das Frausein, Alltagsleben und die Suche nach Antworten in spritzige Texte und Darbietungen.
Das Naturtalent: Hazel Brugger. Viel Gefühl für eine Flasche Whisky: Gewinner Botho Wimmer. Philip Vlahos und Marc Stöckli führen souverän durch den Abend.
Bild: Raoul Pellaton

Bei der Türöffnung um 19.30 Uhr ist der Hinterhof noch leer, nur ein paar Slamer sitzen in einer Ecke zusammen. Doch nach und nach füllt sich der von Kerzen erleuchtete Raum, alle Stühle werden besetzt, am Ende müssen einige stehen. Seit Dezember 2011 organisieren Marc Stöckli und Philip Vlahos einmal pro Monat den Hinterhofslam. Hochkarätige Gäste werden eingeladen, aber grundsätzlich darf sich jeder anmelden, der einen eigenen Text präsentieren möchte. Die Qualität ist den Moderatoren wichtig, aber der Hinterhofslam soll auch eine Plattform für Newcomer sein.

 

Blut und Whisky

Eine Newcomerin ist auch Hazel Brugger. Die 18-Jährige slamte zum ersten Mal im Juni 2011. Seitdem ist sie kaum zu stoppen, wird als die neue grosse Hoffnung der Schweizer Slamszene gehandelt und hatte zuletzt gar einen Auftritt bei “Giacobbo / Müller” auf SF1. Die Dielsdorferin fand trotzdem Zeit für ein kurzes Gespräch mit Tink.ch:

 

Tink.ch: “Du hast drei Wörter: Wie hast du dich vor, während und nach deinem ersten Slam gefühlt?”

Hazel: “Angst, gut, unsicher”.

T.: “Und wie fühlst du dich mittlerweile, vor, während, nachher?”

H.: “Freude, aufgeregt, müde”.

T.: “Findest du dich lustig, auf der Bühne und privat?”

H.: “Nicht extrem. Vielleicht ein bisschen mehr als der Durchschnitt. Ich bin auf der Bühne gleich wie im Privatleben”.

T.: “Wenn deine Texte ein Getränk wären…”

H.: “…dann wären sie ein Ginger Beer, das trinke ich nämlich gerade und es ist sehr gut. Nein, Quatsch, sie wären… Bloody Mary. Ja, das passt”.

 

Um Blut geht es zwar in keinem der Texte, doch Hazel berichtet in “Lepraliebe” über einen Mann, der wortwörtlich ein Auge auf sie wirft. Gregor Stäheli lässt seinem Frust über dumme Menschen im Alltag freien Lauf, Micha de Roo denkt über Filmremakes nach, Diego Häberli macht Schneeengel am Strand. Lasse Samström spricht vom Abendgang des Unterlandes und davon, dass Schiebe lön ist. David Heil schliesslich trägt mit Hilfe seines iPhones Gedichte aus seinen letzten zehn Jahren vor. Nach der Finalrunde muss mehrmals geklatscht und gepfiffen werden, um den Gewinner des obligatorischen Whiskys zu ermitteln. Die Flasche geht schlussendlich an Botho Wimmer, der mit seiner Tragödie vom romantischen Huhn Ruth die Emotionen des mehrheitlich weiblichen Publikums weckte.

 

Zwar ist die Stimmung während des ganzen Abends locker und entspannt, aber das Publikum so richtig aufheizen können auch die beiden Moderatoren nicht. Es scheint, als habe die Basler Bevölkerung einfach noch zu wenig Slamkultur im Blut. Doch das soll sich dank Marc Stöckli ändern. Er will die Slamszene in Basel fördern, ab September einen “Slam Basel” einführen und die Stadt am Rheinknie zu einer neuen Hochburg des Bühnensports machen. Uns freut es, kann man doch zwischendurch immer wieder einen Abend voller Wortakrobatik, Ironie, Poesie und Bühnenpräsenz vertragen.