Kultur | 13.03.2012

Das Anhalten der Zeit

Text von Katharina Good | Bilder von Katharina Good
Die Ausstellung "Pierre Bonnard" in der Fondation Beyeler zeigt Werke eines Malers aus Leidenschaft. Anders als die Avantgarde des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat sich Bonnard nicht auf die gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit bezogen, sondern Emotionen des privaten Alltags auf die Leinwand gebannt. Seine Bilder sind Liebeserklärungen an die Farbe und die Malerei selbst.
Bonnard lehrt uns, auch zwischen den leuchtenden Farben der Natur, Figuren zu erkennen. Der Sommer, 1917, Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint-Paul. Besonders in seinen Spiegelbildern reflektiert Bonnard die menschliche Wahrnehmung und seine eigenen Werke. Der Kamin (Frau bei der Toilette), 1916, Privatsammlung.
Bild: Katharina Good

Nicht die Gesellschaft verändern, sondern die Betrachter seiner Bilder das Sehen lehren. Dies war der Anspruch des Franzosen, der vom Vater zum Jurastudium nach Paris geschickt wurde, gleichzeitig aber auch Malkurse an der Académie besuchte. Die Strassenszenen der Grossstadt und erste Werke, die sich am japanischen Holzschnitt inspirierten, bilden den Anfang der Einzelausstellung.

 

“La maison immaginaire”

Lange hielt es der eigenwillige Künstler dort nicht aus und zog sich ab 1909 für immer längere Zeit auf das Land zurück. Die helleren und grösseren Ausstellungsräume der Fondation Beyeler machen nun Platz für die häuslichen Sujets Bonnards. Unterteilt in verschiedene Zimmer und Alltagszenen, sehen wir immer wieder die gleichen Motive, in unzähligen Farbvariationen und Kompositionen. Der als “Salle à  manger” betitelte Raum vereint Küchenszenen und unkonventionelle Stillleben, auf denen Gegenstände, Menschen und Tiere aus verschiedenen Perspektiven zu sehen sind.

 

Das Zentrum der Ausstellung ist die lichtdurchflutete “Salle de bains”. Hier stehen die vielen Aktbilder, die Bonnards Frau Marthe bei der täglichen Toilette zeigen. Schliesslich gelangen wir, über die bildtheoretisch interessanten Spiegelmotive, zu einem weiteren Höhepunkt der Ausstellung: dem Garten. Grossformatige Gemälde aus verschiedenen Schaffensphasen widerspiegeln Bonnards ungebrochene Liebe zur Natur. Dass die Gartenbilder dem Seerosenteich vor der Galerie dabei gegenüberstehen, ist natürlich kein Zufall. Bonnard selbst hätte dies sicherlich gefallen, denn wie er bei einem Besuch im Louvre bemerkte, waren für ihn die Fenster im Museum das Schönste.

 

Sehen und staunen lernen

Mehrere der ausgestellten Werke widmen sich der Beziehung zwischen Innen- und Aussenraum. Im Blick aus dem Fenster lässt sich jeweils eine innere Stimmung des Künstlers erkennen. Ganz im Gegensatz zu den Impressionisten, zu denen er fälschlicherweise immer wieder gezählt wird, malte Bonnard nie in der freien Natur. Er benutzte Zeichnungen und Fotografien als Skizzen, machte sich ausführliche Notizen zu Stimmung und Wetter, malte aber hauptsächlich aus der Erinnerung. Allein nach der “ursprünglichen Vorstellung” der Dinge, übertrug er mit einem kräftigen Farbauftrag die Dauer seines Blickes auf die Leinwand. Die wirkliche Perspektive wird dabei nebensächlich, denn es gehe “nicht darum, das Leben zu malen, sondern die Malerei lebendig zu machen.”

 

Bonnard bezeichnete seine eigenen Bilder als Farbflecken, die sich zu Gegenständen vereinen. Besonders die Gartenbilder scheinen auf den ersten Blick bloss schöne Landschaften abzubilden, doch ein genauer Blick lohnt sich. So tauchen zwischen den leuchtenden Farben aus Bonnards Erinnerung immer mehr menschliche Gestalten auf.

 

Zeitlos – oder die andere Moderne

In all seinen Werken sehen wir immer wieder die gleiche Frau, Marthe, Bonnards Geliebte und ab 1925 seine Ehefrau. Obwohl sie beinahe fünfzig Jahre zusammen lebten (1893 – 1942), wird sie von Bonnard in der immer gleichen jugendlichen Schönheit gemalt. Dies mache es schwierig, das Entstehungsdatum der Gemälde festzustellen. Der Kurator Ulf Küster liess sich deshalb zu einer thematischen Einteilung in imaginäre Zimmer inspirieren. Ein Glück, denn die Werke finden in den Räumen des Architekten Renzo Piano alle ihren perfekten Platz.

 

Von seinen Zeitgenossen als “Bonnard Bonheur” belächelt, einem Maler des bürgerlichen Glücks, kann man ihn in Riehen bei Basel schätzen lernen. Während die meisten Künstler neue Medien oder die Abstraktion erforschten, fand er neue Wege für die figürliche Malerei, unabhängig von den kunsthistorischen “Ismen”. Bonnards Gemälde sind das, was er sich von Kunstwerken wünschte: “Ein Anhalten der Zeit.”

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