Östliche Musik trifft Schweizer Tanzlaune

Bis ins Jahr 1994 war der Balkanexpress eine Eisenbahnlinie. Allerdings führte die Linie nicht ins ehemalige Jugoslawien, sondern durch Nordrhein-Westfalen, von Wuppertal nach Opladen. Weil das Gebiet sehr dünn besiedelt war, hatte sie den Übernamen Balkanexpress erhalten. Heute ist der Balkanexpress ein Label aus der Musikbranche. Sogenannte Balkanparties sind Garant für eine gute Stimmung, wenn man sich am Wochenende auf die Suche nach Bässen und Parties begibt.

 

Haltestellen des Schweizer Balkanexpress waren unter anderem das Xtra in Zürich und auch schon das Locarno Film Festival. Nun machte der Zug im Gaswerk in Winterthur Halt. Mit von der Partie waren das “Krassimir Kulenko Orkestar” und “Palko Muski”. Das Publikum sollte tanzen bis die Füsse qualmen und sich in einer Mischung aus zuviel Bass und guter Laune wiederfinden.

 

Kopiert und mit Elektronik versehen

Am Freitag luden zwei Bands zum Tanzen in den Gaswerk Winterthur ein. Zuerst stand Krassimir Kulenko und sein Orkestar auf der Bühne. Ihre Spezialität ist das Covern von Polkapunk-Songs quer durch die Popgeschichte, natürlich an die Sprache des Publikums angepasst. Dass den Leuten die Stücke der Pussycat Dolls oder von den Rolling Stones deswegen merkwürdig vertraut vorkamen, war kein Hinderungsgrund, um zu tanzen. Wer im kleinen Raum keinen Platz mehr hatte, musste es sich auf der Treppe bequem machen.

 

Ob es nun darum ging, ins Publikum zu gehen und sich auf den Boden zu legen, auf den Keyboards zu stehen oder sich von Publikum zu tragen wie ein Rockstar – bei Palko Muski sieht man alles. Nicht einmal der Komplettausstieg der Keyboards konnte die Band stoppen. Eine Mischung von rockig bis polkamässigen Songs mit Wehmut und einer Spur Disko. Beendet haben die Jungs ihr Konzert mit einem Verkauf von CDs direkt von der Bühne weg. Die Männer von Palko Muski wissen, wie Marketing funtionniert.

Musikalischer Ausflug in die Geschichte

Schon früh pilgerten die ersten Fans aus der ganzen Schweiz Richtung Pratteln, denn am späten Nachmittag stand der erste Termin an: Die Autogrammstunde mit Eluveitie. Einige Gänge der Regale wurden abgesperrt, die Leute in geregelte Bahnen geleitet und man sah schon bald, dass sich einige über die Musik im Laden ärgerten. Doch plötzlich wurde der Popsong abgewürgt und man hörte das Intro der neuen Scheibe. Vereinzelte Jubelrufe erklangen und die Band bahnte sich den Weg zu ihren Stühlen.

 

Unbekanntes und Zweifelhaftes

Kurz nach sechs Uhr ging es dann in der Konzertfabrik z7 weiter. Die Einstimmung brachten die drei Vorbands. Zuerst enterten die Isländer von Sólstafir die Bühne. Dass sie bei uns nur mittelmässig bekannt sind, sah man beim Blick in die Halle, die sich erst zögerlich füllte. Dennoch vermochten die Insulaner zu begeistern.

 

Heidevolk brachte dann die fehlende Stimmung auf die Bühne und die draussen wartenden Leute in den Saal. Spätestens bei den Tönen ihres neuen Albums “Batavi” war von müder Vorbandstimmung keine Rede mehr. Ihr Ziel war klar: Party pur. Der klare zweistimmige Gesang ist etwas Besonderes in dieser Sparte. Zu “Vulgaris Magistralis” war der Name dann Programm: Das Publikum gröhlte.

 

Eine weitere unbekannte Perle waren die Rumänen von Negură Bunget. Eine eher düstere und atmosphärische Musikrichtung mit speziellen Instrumenten wie kleinen Kuhglocken liessen die Menge ein wenig abkühlen. Ihre von Menschlichkeit und Emotionen getragene Musik stand im Gegensatz zu dem Vorwurf, eine rechte Einstellung zu verfolgen, den sich die Band oft gefallen lassen muss.

 

Musikalische Eperimente

Dann war es so weit. Das Licht verdunkelte sich und mit einer grollenden Ansage des Sängers “Nemtheanga” betraten Primordial die Bühne. Die stolzen Iren liessen ihre Fans in die Geschichte ihres Landes eintauchen, wie es kaum eine Band schafft. Ihre Lieder handeln zum Grossteil von der irischen Geschichte und den dortigen Traditionen. Dazu komponierte Primordial düstere Riffs.

 

Auch Eluveitie laden den Besucher zur Geschichtsstunde ein. Ihr neues Album “Helvetios” erzählt als erstes Album mit durchgängiger Story vom gallischen Krieg. Es ist das erste Konzeptalbum der Band – und sie hat es damit bis in die nationalen Radiostationen geschafft. Gleich mit dem Intro lösen sie ihr Versprechen ein, an diesem Abend vor allem Hits zu spielen. Gleich zu Beginn des Konzertes wurden zwei der sieben versprochenen Liedern vom neuen Album gespielt.

 

Die Band trumpfte mit diversen Gastmusikern und musikalischen Experimenten auf, so etwa einer irischen Harbe. Ob mit schnellen Riffs und harter Stimme zu den Ufern der Seine oder mit traurigem Frauengesang zu dem Kampf in Alesia, wie wir es aus “Asterix und Obelix” kennen. Man tauchte von der ersten bis zu der letzten Note in eine Welt ein.

Eine wen iig, dr Dällebach Kari

Im Fim “Eine wen iig, dr Dällebach Kari” wird die Geschichte des wohl berühmtesten Coiffeurs von Bern erzählt. In Rückblenden erinnert sich der alte Kari (Hanspeter Müller-Drossaart) an seine jungen Jahre, gespielt von Nils Althaus, besonders an die Zeit mit Annemarie, seiner grossen Liebe.

 

Geboren mit einer Hasenscharte, hat es Kari von Anfang an nicht leicht: Der bei der Geburt herbeigerufene Arzt empfiehlt den Eltern, ihn wie eine Katze zu ertränken. Verhungern würde er sowieso, meint dieser. Die Eltern bringen das Ertränken aber nicht übers Herz und füttern ihn durch. Von allen belächelt und verspottet kämpft er sich durch die Schule und absolviert anschliessend eine Lehre als Coiffeur. Während dieser Zeit begegnet er auch jener Person, die sein Leben verändern wird: Annemarie Geiser (Carla Juri), Fabrikantentocher aus besserem Hause. Aus einem ersten Tanz wird bald Liebe, doch Standesdünkel der damaligen Gesellschaft steht zwischen den beiden.

 

Mit viel Feingefühl hat Xavier Koller die Story des Films geschrieben und umgesetzt. Er hat in die Geschichte den Humor eingebracht, für den Kari so berühmt gewesen ist. Durch die Natürlichkeit, mit der die Figuren gespielt sind, beeindruckt die Liebesgeschichte umso mehr. Man kann sich sofort mit den Charakteren identifizieren und fühlt sich von der Handlung mitgerissen.

 

Romantik anstatt Alkohol

Im Gegensatz zum Musical konzentriert sich der Film aber nicht auf den berühmten Kari, der mit seiner Schlagfertigkeit ganz Bern fasziniert, sondern auf eine kurze Episode in seinem Leben, die erste Liebe. Mit Annemarie trifft Kari das erste Mal auf jemanden, der ihn behandelt wie jeden anderen auch. Leider rückt die Romanze im Film so in den Vordergrund, dass Kari’s Krebserkrankung und sein jähes Lebensende, ganz zu schweigen von seinem übermässigen Alkoholkonsum, zu wenig zur Geltung kommen.

 

War der exzessive Alkoholkonsum in seinem richtigen Leben Ausdruck der nie überwundenen unerfüllten Liebe zu Annemarie, wird dieser in Kollers Film vollständig ausgeblendet. Um diese Wehmut anders darzustellen, arbeitete Koller sehr viel mit dem Motiv Wasser. Das Wasser, welches Kari durch ertränken schon an seinem ersten Lebenstag das Leben hätte nehmen sollen, taucht deshalb in vielen Schlüsseszenen wieder auf.

 

Mehr Ecken und Kanten, bitte

Der sorgfältig aufgebaute Film mit dezenter Klavier-Musik gehört sicher zu den besten Schweizer Filmen überhaupt. Allerdings erinnern einige Szenen gegen Schluss stark an Hollywood-Klischees. Koller hat in den USA gelernt, einen Film für das breite Publikum zu machen. Einen Ausbruch aus den gesetzten Normen hat er leider nicht gewagt, denn obwohl fantastisch inszeniert, bleibt er märchenhaft. Ein wenig mehr Ecken und Kanten hätten es schon sein können.

 

Wie das damals genau war mit dem Dällebach Kari und seiner Annemarie, kann man nicht mehr rekonstruieren. Aber als tiefgreifende Liebesgeschichte, eingepackt in allgemeinen Denkanstössen fürs Leben, überzeugt der Film. Die Story geht ans Herz, Situationskomik verführt zum Lachen, und Tragik zehrt an der Tränendrüse. Wer in nächster Zeit einen Kinobesuch plant, für den ist “Eine wen iig, dr Dällebach Kari” auf jeden Fall empfehlenswert.

Silbermond erfinden sich neu

Haben sich Silbermond in ihren Anfängen vehement gegen den Einsatz von Elektronik gewehrt, darf diese heute zum Einsatz kommen. Die Melodien und Refrains sind untermahlt von hymnischen Chorgesängen und kreativ eingesetzten Instrumenten. Nein, es ist nicht mehr nur Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Silbermond haben ihren Horizont erweitert und ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. Besonders deutlich wird das bei der Vertonung: Ein Hall wurde nicht wie üblich digital hinzugefügt – man stellte stattdessen das Schlagzeug in die Damentoilette beim Proberaum. Auch der Oberschenkel von Schlagzeuger Andreas Nowak wurde spontan zum Klangwerk umfunktioniert – bis er violett anlief.

 

Andauernd zusammen in der Pizzeria

So oder so stehen hinter Silbermond mehr als nur vier Musiker die zufällig in einer Band spielen. Seit vierzehn Jahren machen die vier Freunde gemeinsame Sache und haben dabei noch nie eine Auszeit genommen. Ihnen ist bewusst, dass dies für so manch andere Band unrealistisch scheint. “Es ist ja wirklich komisch”, gibt Stefanie Kloss offen zu, “wir sitzen ständig aufeinander und hängen in unserer Freizeit trotzdem andauernd zusammen in unserer Lieblings-Pizzeria ab”. Seit eineinhalb Jahren teilen sich zwei Mitglieder der Band sogar mehr als Proberaum und Bühne: Sängerin Stefanie Kloss und Gitarrist Thomas Stolle sind ein Paar. Auf die Balladen des neuen Albums wirkt sich dies hörbar positiv aus.

 

Da wäre zum Beispiel das Lied “Ja”, in dem Stefanie Kloss die Worte “Ich liebe Dich” ins Mikrofon haucht. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird “Ja” Silbermonds bislang erfolgreichster Song “Das Beste” als Hochzeitshymne ablösen. Wer könnte vor dem Traualtar schon widerstehen, wenn im Hintergrund Worte wie “Ja zu jedem Tag mit dir, ja zu jedem deiner Fehler” oder “Ich schwör auf dich und jede meiner Fasern sagt ja” den Raum erfüllen.

 

Abwechslungsreiche Weltreise

In einem ganz anderen Gewand kommt “Weisse Fahnen” daher. Es ist ein Denkmal für die grössten Opfer des Krieges – die Kinder. Im Rahmen eines Benefizprojekts lernte Silbermond einen Kriegsfotografen kennen. Dessen Geschichten über das Erlebte liess die Band nicht mehr los. So entstand die Idee für “Weisse Fahnen”, einem Lied, dass vom Alltag eines Kindersoldaten erzählt.

 

Die Titel der Platte sind so verschieden wie deren Themen. Silbermond gelingt, woran manch andere Band scheitert. Kontroverse Themen provokativ und doch harmonisch ansprechend zu verpacken. “Himmel auf” ist wie eine Weltreise, auf der kein Land dem anderen gleicht.

 

 

Wettbewerb


 

Tink.ch verlost drei Exemplare von Silbermonds neustem Werk “Himmel auf”, welches am vergangenen Freitag erschienen ist. Interessiert? Schickt für die Teilnahme eine Mail mit dem Betreff “Himmel auf” an laura.kissling(at)tink.ch. Einsendeschluss ist der kommende Sonntag, 1.4.2012.

Kultur mit dem Fahrrad

Es sind nicht die grossen Künstler oder die überfüllten Clubs, die das BScene-Festival in Basel so besonders machen. Vielmehr sind es die kleinen Bars, die motivierten, oftmals noch eher unbekannten Bands und die Art und Weise, wie ganz Basel zusammen Kultur feiert. Es ist kurz vor halb 10, man raucht die Zigarette fertig, begrüsst Bekannte mit Küsschen hier und Handschlag da, holt sich ein Bier oder lässt sich eines holen und sucht sich anschliessend seinen Platz in einer der überschaubaren kleinen Bars.

 

 

The Triad spielen heute in der 8-bar. Auch wir bestellen uns ein Bier und stützen unsere Ellenbogen auf die Theke. Rockmusik und Bier haben schliesslich schon zu Zeiten von Led Zeppelin wunderbar harmoniert. Die rockigen Klänge umhüllen uns, wir plaudern, lauschen, wippen mit.

 

Die Musik ist intensiv und entspannend, präsent und dennoch nicht aufdringlich. Längere Instrumentalteile lassen uns abschweifen, die gut platzierten Gesangparts holen uns zurück und ziehen mit. Auf meinem Programmheft umrahme ich diesen Auftritt dreifach und füge gedanklich ein „perfekter Start in einen perfekten Abend“ hinzu.

 

Scherzen mit dem Barkeeper

Von der Rheingasse geht es weiter ins Sudhaus. Bscene mit dem Fahrrad ist unbedingt zu empfehlen. Damit ist man spontan, mobil und vor allem schnell im nächsten Club. Dexter Doom & the Loveboat Orchestra bieten eine grossartige Bühnenshow im Sud. Der Leadsänger ist ein geborener Entertainer, auch wenn er nach der Halbzeit an der Bar steht, sich einen Drink gönnt und mit dem Barkeeper Sprüche klopft.

 

Das erste Ska-Stück erinnert mit arabischen Klängen an Mani Matters Sidi Abdel Assar. Auch spätere Stücke lassen an Aristocats oder Affenkönig King Louis aus dem Dschungelbuch denken. Die Band ist von Anfang an voll da, begeistert mit Lautstärke und Virtuosität. Die Texte versteht man kaum, was aber nicht weiter stört, denn wichtig ist die Festivalstimmung. Und die kommt hier definitiv auf: Schulter drückt sich an Schulter, Weingläser schwappen über, alle tanzen und stehen einander auf die Füsse.

 

Die Luft ist angenehm kühl, als wir das Grand Café verlassen. Die Klänge der vielen Holzbläser hallen in unseren Ohren nach, die Körper sind voller Musik.

 

 

Im Volkshaus erwartet uns bester Reggae, ein tanzbegeistertes Publikum und ein gemütlicher Innenhof, wo man kurz auslüften und ohne zu schreien kommunizieren kann. Dutchie Golds Dreadlocks in der Länge meines Armes sind beeindruckend und kombiniert mit einem leicht unkontrollierten Tanzschritt und einer rauen Stimme setzt sich mein Bild von einer stimmigen Reggaenacht zusammen.

 

 

Keine Ruhe, kein Verschnaufen

Die wippenden Klänge und die Ruhe, die The Dubby Conquerors ausstrahlen, sind eine angenehme Abwechslung zum virtuosen Auftritt von gerade eben. Die wechselnden Frontsänger wissen das Publikum mitzureissen, niemand scheint hier müde zu werden.

 

 

In der Kaserne wollen wir den Abend ausklingen lassen. Doch weit gefehlt: Hier rasen Herz und Musik im Gleichschlag. I Heart Sharks ziehen das Publikum zu später Stunde in ihren Bann, der Boden bebt und das Adrenalin steigt. Als die Nacht zu Ende geht, schmerzen die Füsse, plötzlich ist man doch müde, aber vor allem auch glücklich.

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Inmitten der Daunenfedern

Jeden Morgen quält man sich aus dem Bett, nach eigenem Ermessen meist viel zu früh. Irgendwie ist das Bett morgens auch immer bequemer als am Abend. Wieso aber sollten wir nicht einfach einmal liegen bleiben? Als ich das nächste Mal aufwache, greife ich vom Bett aus zu meinem Computer. Internetempfang habe ich auch von hier aus. Bald knurrt der Magen, also wird die heimelige Bettstatt kurz verlassen, aber nur lange genug, um ein reichhaltiges Frühstück auf das Nachttischchen zu bugsieren. Der Kaffee schwappt ein bisschen über, kleckert auf ein Buch. Wie gut ein Gipfeli doch schmecken kann, so im Pyjama und unter der warmen Decke. Die paar Krümel, die auf der Decke landen, übersehe ich geflissentlich.

 

Schlaflos im Paradies

So geht es den ganzen Tag – aufgestanden wird nur für Verpflegung oder Toilettenbesuche. Ansonsten wir herumgelegen, herumgesessen, gelesen, gesurft, geschlafen und so weiter. Nach dem dritten Film und zweiten Nickerchen wäre ich bereit für einen Spaziergang an der frischen Luft – schwierig vom Bett aus. Also harre ich aus, wechsle die Liege- und Sitzpositionen, drehe die Decke immer wieder um, drapiere die Kissen neu. Gegen Mitternacht bin ich noch hellwach, keine Spur von Müdigkeit. Ich fühle mich nicht so, als würde ich einfach mal Pause machen und entspannen. Vielmehr empfinde ich die Faulheit als bedrückend, als unnützes Herumsitzen, ich fühle mich überflüssig. Der Gedanke, weitere acht Stunden an diesem Ort zubringen zu müssen, beängstigt mich. Aber was mich am meisten nervt: Ich kann mich nicht völlig entspannt nach einem anstrengenden Tag in die wohlverdienten Federn fallen lassen.

 

Fazit ist also: Wir alle sollten einmal so einen Tag erlebt haben (und zwar richtig, krank sein zählt nicht!). Die masslose Auskostung der Schlafstätte, die absolute Faulheit und Bequemlichkeit, die Benutzung des Betts als Esstisch. All dies ist eine Möglichkeit, das Bett als solches wieder richtig schätzen zu lernen. Am nächsten Tag ist das Aufstehen dann übrigens eine wahre Freude.

 

Für alle, die sich keinen kompletten Bett-Tag vorstellen können, gibt es auch noch eine Light-Version: Einen ganzen Tag lang im Pyjama herumlaufen. Immerhin ist bei den meisten Menschen der Pyjama das bequemste Kleidungsstück im Schrank. Wieso sollten wir dieses Kleidungsstück nur tragen, wenn wir sowieso schlafen und nicht viel mitbekommen? Und auch eine Variante De Luxe ist möglich: Lass dir dein Essen ans Bett servieren.

 

Dieser Artikel ist der dritte aus der Serie “Das Ende ist nah”. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 21. Dezember (vielleicht) untergeht.

Gesellschaftliche Abgründe vermittelt durch Schrott

Zurzeit zeigt das Museum Tinguely eine Ausstellung der besonderen Art: “Kienholz, die Zeichen der Zeit”. Die Tableaus von Kienholz, die oftmals aus Trödel und Schrott konstruiert wurden, bilden lebensgroße Szenen aus dem alltäglichen Leben. Im familiären Wohnzimmer oder in der Kneipe. Eine leichte Verfremdung der vertrauten Umgebung bewirkt allerdings, dass nicht das wohlanständige und geborgene der bürgerlichen Lebenswelt in den Blick tritt, sondern dass die Abgründe einer Doppelmoral sichtbar werden, die in Form eines latenten Rassismus, eines Sexismus und einer stumpfen Gewalt vielfach direkt unter der Oberfläche eines geordneten Lebens brodeln.

 

Kustharz im Halbschatten

Edward Kienholz, der als erster Künstler den Schritt von der dadaistischen Installation zur Objektmontage vollzogen hat, begann sein Schaffen in den späten 1950er Jahren, indem er Flohmärkte und Trödelgeschäfte abklapperte und dort diejenigen Gegenstände erwarb, aus denen er seine monumentalen Tableaus konstruierte. Billardtische mit dazugehörigen Spielern, eine Bar oder das Innere eines Wohnzimmers entstanden dabei ebenso wie der Straßenzug eines Amsterdamer Rotlichtviertels allesamt in Lebensgröße. Das riesige Ausmaß der Werke sollte dazu führen, dass sich der Betrachter unmittelbar in eine Szenerie hineinversetzt fühlt, die er zumindest den Gegenständen nach aus seinem Alltag kennt. Damit das Altbekannte aber aus einem anderen, oftmals verdrängten Blickwinkel gesehen wird, kommen Kunstharz und Masken sowie Musik- oder Lichteffekte zum Einsatz. Mit ihnen verfremdet Kienholz die bekannte Szenerie, sodass das Objekthafte der Frau in einer gewalttätigen Männerwelt oder die grausamen Folgen des Vietnamkriegs dem Betrachter schockierend vor Augen treten. Die Wirkung wird durch halbdunkles Licht im Ausstellungsraum des Tinguely-Museums noch erhöht.

 

“The Eleventh Hour final”

Als gutes Beispiel hierfür kann “The Eleventh Hour final” dienen. Auf den ersten Blick findet sich der Betrachter beim Betreten des eigens für das Tableau konstruierten Raumes in der behaglichen Umgebung eines abendlichen Fernsehzimmers wieder. Eine Couch und ein Tisch samt Fernsehzeitschrift sorgen für eine geschützte und gemütliche Samstagabendatmosphäre. Diese traute Atmosphäre wird allerdings brutal durchbrochen, wenn der Betrachter sich umwendet und sein Blick auf den Fernseher gelenkt wird, dessen Form an einen Grabstein erinnert. Während auf der Mattscheibe die Todesstatistik einer vergangenen Woche des Vietnamkriegs flimmert, liegt im Bildschirm der abgetrennte Kopf einer Puppe, der die nüchternen Zahlen mit einer eigenen Realität auflädt. Die geborgene Atmosphäre des bürgerlichen Heims wird so an eine grausame Wirklichkeit erinnert, zu der der jeweilige Bewohner auch einen Anteil beigetragen hat. Obwohl “The Eleventh Hour final” bereits 40 Jahre zurückliegt, hat seine mahnende Aussage auch in der heutigen Zeit nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Menschen lesen jeden Tag beim morgendlichen Kaffee erneut von Bombenanschlägen, um im nächsten Moment gleichgültig zur nächsten Seite der Zeitung umzublättern, auf der sie die neusten kulturellen Angebote finden.

 

Das erste Ja aus Basel

“The Eleventh Hour final” ist eines von ca. 25 Tableaus, die zurzeit in Basel zu sehen sind. In ihrer Auswahl bilden sie einen guten Querschnitt durch die verschiedenen Thematiken des Kienholzschen Werks. Neben der Gleichgültigkeit einer bürgerlichen Welt beschäftigte sich der Künstler vorwiegend auch mit der Rolle der Frau, mit Religion, Rassismus, Sex und politischen Machtstrukturen, denen er mit seinem Werk “The Ozymandias Parade” ein eindrückliches Denkmal gewidmet hat. In Basel kommt diesem Denkmal eine ganz besondere Bedeutung zu. Eine vom Museum durchgeführte, nichtrepräsentative Onlineumfrage ergab nämlich, dass die lokale Bevölkerung mit ihrer Regierung zufrieden sei. Dies führt nun dazu, dass der machthungrige, auf einer ausgezehrten Alten reitende General ein weißes Tuch mit dem Worte “Yes” statt dem sonst üblichen “No” vor dem Munde trägt. Damit kann er als Parodie auf den Künstler selbst verstanden werden, der die gegenteilige Antwort der Besucher in sein Kunstwerk eingerechnet hatte. Obwohl Basel der erste Ort mit einem “Yes” für seine Regierung ist, zeigt dies doch, dass die in den Kienholzschen Werken kritisierten Themen einer immer neuen Auseinandersetzung bedürfen, die durchaus auch gegenteilig zur vom Künstler intendierten Kritik ausfallen kann. Kienholz steht also auch 18 Jahre nach seinem Tod immer noch im Dialog mit dem Betrachter.

 

Der Betrachter im Kunstwerk

Bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Tableaus fällt auf, dass die Anzahl der ausgestellten Objekte sehr klein ist. Gerade Kenner dürften eine größere Zahl an Tableaus erhofft haben, da das Werk in seiner Reichhaltigkeit noch einiges zu bieten hätte. Weiter zu bedauern ist, dass die Werke nicht mehr benutzt werden können. Kienholz selbst hatte in seiner Objektkreation damit gerechnet, dass sich der Betrachter durch das Setzen auf einen Stuhl oder durch das Benutzen eines Spielautomaten zu einem Teil des Kunstwerks machte. Dieser Umstand tut der Ausstellung insgesamt aber keinen Abbruch. Teilweise kann diese Absicht bewahrt werden, indem in “Pool Hall” der Kopf des Betrachters durch einen Spiegel über dem fehlenden Kopf des Opfers erscheint. Kienholzens Werke beeindrucken auch weiterhin durch ihre monumentale Größe und durch die Härte einer Realität, die oftmals nur hauchdünn unter dem Alltag vieler Menschen brodelt. Der anhaltende Dialog, zu dem der Künstler den Betrachter einlädt, hat damit nichts von seiner Aktualität eingebüßt und macht den Besuch der Ausstellung zu einer spannenden Gelegenheit, um sich die Abgründe des eigenen gesellschaftlichen Daseins vor Augen führen zu lassen.

Mehr als nur Musik

Ganz leise musste man am Samstagabend draussen auf der Strasse vor dem “Sud” sein. Es hiess, man wolle die Nachbarn nicht stören. Schnell eilten bei Äusserungen in gewöhnlicher Lautstärke die Sicherheitsleute herbei und wiesen einen auf das Vergehen hin oder alle anderen draussen Herumstehenden straften den Aufmüpfigen mit einem kollektiven “Shhh”. Das zeigte Wirkung. Es war schon fast unheimlich ruhig.

 

Ärgerliches Geplapper

Drinnen im “Sud” musste dann offenbar die aufgestaute Redelust abgebaut werden und man widmete sich munter dem Gespräch. Leider versiegte der Redefluss auch nicht, als um Mitternacht die ersten dunklen Töne der Band “We Loyal” erklangen. Das war besonders bei stillen Songs ärgerlich, die zum Teil nur aus Gesang und Gitarre bestanden. Fast wünschte man sich einen Ordnungshüter von draussen herbei, der die Plappermäuler zurechtweisen würde. Denn die Musik der drei Basler braucht Platz und Freiraum, um sich in ihrer ganzen Grösse entfalten zu können.

“We Loyal” zeigten sich aber unbeirrt und spielten ihre düstere, hypnotische, erhabene Musik. Das erinnerte wegen der dunklen Stimme stark an “Joy Division” aus den frühen 80er, und manchmal ein bisschen an “Interpol”. Genauso wenig wie auf der Bühne, lassen sich “We Loyal” auf ihrem Karriereweg beirren: Nach von Kritikern und Musik-Fans wohlwollend aufgenommenen Songs und Konzerten in New York haben sie ihren Wohnsitz mittlerweile nach Berlin verlegt. Den Namen “We Loyal” sollte man sich merken.

 

Begeisterung bei Jung und Alt

Weniger gewichtig, düster und schwermütig ging es etwa eine Stunde zuvor im Volkshaus bei “Christopher Christopher” zu und her. Die jungen Indie-Rock-Aufsteiger aus Baden machen melodiöse, leicht psychedelische Musik. Gitarrenlastig und mehrstimmig brachten sie das junge Publikum zum Kreischen. Wenn man seinen Fanclub gleich mitbringt, kann in dieser Hinsicht wohl nichts schiefgehen. Wahrscheinlich nicht zum Fanclub und auch nicht unbedingt zur Zielgruppe von “Christopher Christopher” gehörte ein älterer, schon leicht angegrauter Herr. Die geschätzten fünfzig Jahre liess er sich nicht anmerken und tanzte hemmungslos und voller Leidenschaft. Da konnte manch junger Konzertbesucher noch etwas von der alten Garde lernen. Und “Christopher Christopher” können auf der anderen Seite wahrlich von sich behaupten, Jung und Alt zu begeistern.

 

Keine Extravaganzen

Überraschung des Abends waren “Judy Birdland” im Parterre. Geht man ohne Erwartungen und Vorkenntnisse an ein Konzert, erlebt man immer wieder unerwartete Momente des Staunens. “Judy Birdland” bewegten sich musikalisch zwischen Jazz, Blues, Rock und Pop. So beliebig wie die Beschreibung klingt, war die Musik aber bei Weitem nicht. Die vier Jazz-Studenten machten äusserst spannende, vielseitige und komplexe, nicht dem einfachen Strophen-Refrain-Strophen-Schema folgende Musik. Meist starteten die Songs gemächlich, steigerten sich und endeten nicht selten in einer kleinen Lärmorgie. Dazwischen gab es Gitarren- und Basssolos wie im Jazz, viele schöne Melodien, Blues, und ein grosses Quantum Spielfreude. Für einmal waren keine aussermusikalischen Extravaganzen festzustellen. Es gab schlicht und einfach Musik.

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Studierende üben sich in Diplomatie

Im Namen der schwedischen Krone reiste ich letzte Woche mit einer Delegation der Uni St. Gallen an die Konferenz der Harvard World Model United Nations nach Vancouver. Die sogenannte MUN-Bewegung geht auf die Initiative einiger weniger Colleges aus den USA zurück, die sich in den 1920er-Jahren zusammenfanden, um dem gerade neu gegründeten Völkerbund eine neue Dimension zu verleihen. Der Jugend sollte einen einzigartigen Einblick in die Diplomatie und die Arbeit des Völkerbundes ermöglicht werden.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg blühte die Idee erneut auf und allmählich begannen Universitäten in Nordamerika und Europa das Konzept der Uno-Simulation umzusetzen. Mit der Gründung einer Simulation, welche zum Ziel hatte, die Debatten und Abstimmungen, die täglich im Uno-Hauptquartier in New York stattfinden, nachzuspielen, legten die Pioniere den Grundstein für eine weltweite Bewegung. Zu den wichtigsten Jahren gehörte 1991, als die Harvard University die World MUN-Konferenz ins Leben rief, die internationalste aller Konferenzen.

 

Erste diplomatische Schritte

Da der Zweck der MUN-Bewegung darin besteht, die Vereinten Nationen so exakt wie möglich zu imitieren, wird das Debattier-und Wahlprozedere so genau wie möglich dem Regelwerk der Uno entnommen und in den Unis zuhause wöchentlich eingeübt. Die Studierenden repräsentieren ein Land, welches sie zugeteilt bekommen. Sie argumentieren und handeln im Interesse der jeweiligen Regierung des Landes, übernehmen aber auch Formalitäten wie Anrede und Begrüssung und üben sich in der diplomatischen Ausdrucksweise. Zudem wird ausschliesslich Englisch gesprochen. Dies kommt so manchem Neuling seltsam vor, wenn sie oder er zum ersten Mal einer Debatte beiwohnt.

 

Hat man sich einmal daran gewöhnt, kommen Inhalte aufs Parkett: Die Studierenden diskutieren über globale, aber auch regionale Themen wie die Wirtschaftskrise, den Klimawandel, die Weiterverbreitung von Kernwaffen oder die Wasserknappheit. Dabei gilt es, sich immer strikt an die Position des eigenen Landes und dessen politische Ziele zu halten. Dies kann natürlich auch zu Gewissenskonflikten führen.

 

“Delegate of Sweden, you have the floor”

Doch genau darum geht es in der Uno-Simulation, sich in die Lage eines anderen Landes hineinzuversetzen und die weltpolitische Lage aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dies soll nicht nur das globale Denken und Handeln beeinflussen, sondern auch aktiv zur Verständigung der Kulturen und Systeme beitragen, etwa durch die Ländervertretung.

 

Und so erlebten es auch die 2000 Studenten bei der World MUN-Konferenz in Vancouver. Die Universität St. Gallen war mit zwölf Delegierten anwesend, welche insgesamt fünf Länder vertraten. Ich und eine Kommilitonin hatten die Aufgabe, das Königreich Schweden im OECD-Komitee zu repräsentieren. In der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung befinden sich die 30 wohlhabendsten Staaten der Welt. Als uns die Moderatorin mit “Delegate of Sweden, you have the floor” das Wort gab, stürzten wir uns in die Diskussion über die wirtschaftliche Entwicklung der Europäischen Union – eine brandaktuelle Frage der Politik.

 

Nach vier anregenden und anstrengenden Tagen verabschiedete unser Komitee eine fünfseitige Resolution mit hochgesteckten Zielen. Breit angelegte Investitionen in Forschung und Entwicklung, speziell im IT-Bereich, flexiblere Sozialsysteme und eine Finanztransaktionssteuer bildeten den Kern der Resolution. Unterzeichnet wurde sie von der Mehrheit der anwesenden Staaten, nur die USA und Portugal stimmten dagegen.

 

Mikrokosmos von morgen

Die Debatten waren allesamt interessant und humorvoll zugleich. Sympathiepunkte erhielt zum Beispiel der Vergleich zwischen der zu unterzeichnenden Resolution und Boxershorts, welche “zwar alle wichtigen Bereiche abdecken, dem Träger aber genügend Freiheiten bieten” würden. Was bei allen Debatten, Partys und Freizeitaktivitäten definitiv zu kurz kam, ist der wohlverdiente Schlaf. Was bleibt, ist die Atmosphäre, die entsteht, wenn 2000 Studenten aus aller Welt versuchen, gemeinsam einen Konsens zu finden und nach langem Hin und Her endlich zu einem befriedigenden Resultat kommen.

 

Einen unvergesslichen Eindruck hinterlässt auch die Zusammensetzung der Delegationen: Asiaten, Amerikaner, Europäer, Afrikaner, Australier und Lateinamerikaner diskutieren auf Augenhöhe über die Probleme der Welt. Alle Nationalitäten, Sprachen und Religionen sind vertreten und bringen ihre Anliegen zur Sprache. Man könnte sagen, die World Model United Nations seien ein Mikrokosmos der Diplomatie von morgen.