Kultur | 21.02.2012

Zahlen getanzt

Schon seit der Antike versucht der Mensch seine Umwelt mit Zahlen zu beschreiben und zu ergründen. Codes, Nummern und Folgen begleiten uns durch unseren Alltag. Und genau mit diesen Codes und Zahlenfolgen unserer Welt beschäftigen sich der Choreograph Marco Santi und die Tanzkompagnie des Theaters St.Gallen im Stück "Codex".
Choreograph Santi versteht es, die Tänzer zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden.
Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie

Bei “Codex” werden die Zahlen in verschiedene Zusammenhänge gebracht; das Stück spielt in diversen Räumen der Lokremise. Es zeigt, wo wir überall mit Zahlen und stereotypen Abläufen konfrontiert werden. So zum Beispiel während des Schlafes: David Schwindling tanzt den Schlaf mit all seinen immer wiederkehrenden Bewegungen auf einem Sofa und stellt dem Zuschauer so die Frage, ob man wirklich immer dem freien Willen folgt oder ob nicht jeder eine Art programmierte Maschine ist und ganz klaren Abläufen folgt.

 

Harmonisches Zusammenspiel

“Codex” hat für jeden etwas dabei. Tanzbegeisterte können sich an den grandiosen tänzerischen Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer erfreuen. Die Duette zeigen, dass die Tänzer ihr Fach wirklich beherrschen. Jeder Tänzer hat seinen eigenen Stil, und Santi versteht es perfekt diese Individualitäten der Tänzer zu einem harmonischen Ganzen zu fügen. So überwältigt mich das Duett zwischen Schwindling und Sebastian Gibas. Es zeigt, wie perfekt und schnell Tanz sein kann, und wie zwei unterschiedliche Tänzer sich so gut ergänzen können.

 

Für die an bildender Kunst und Grafik Interessierten geben die Projektionen (Video: Kristian Breitenbach; Licht: Rolf Irmer) und das Bühnenbild (Katrin Hieronimus) den Anlass zum Staunen. So wurden im Kinok vor der Leinwand weisse Würfel aufgestellt, mit und zwischen welchen sich eine ganz in weiss gekleidete Tänzerin bewegt. Auf Würfel, Leinwand und Tänzerin wird ein dem Thema entsprechendes Visual projiziert. Unzählige weisse Würfel finden auch im Schauplatz Lok Verwendung. Anfangs sind sie zu einer Mauer angeordnet, welche den Raum in zwei Teile teilt. Im Verlaufe des Tanzes werden die Würfel zu einer grossen in der Mitte des Raumes liegenden Spirale aufgeschichtet. Die in diesem Schauplatz verwendeten Hellraumprojektionen zeugen ebenfalls vom grossen Können der Grafiker und Bühnendesigner.

 

Livemusik aus Zahlen

Auch Musikliebhaber kommen auf ihre Rechnung. So fällt am zweiten Spielort in der Lok ein Mann mit einem iPad auf. Anfangs denkt man, er sei ein Tänzer, da er gleich gekleidet ist wie diese (Kostüme: Katharina Beth). Bei dem Mann mit Vollbart handelt es sich aber keineswegs um einen Tänzer, sondern um den Musiker und Musikkünstler Roderik Vanderstraeten. Bewaffnet mit einem iPad zeigt er während des Stückes sein Können und konstruiert live – auf mathematischen Formeln basierend – die elektronische Musik zum Tanz.

 

Auch Elemente wie das Vortragen eines Textes über die Fibonacci-Folge und die Chaostheorie von den Tänzern, kommen zum Vorschein und verleihen dem Stück eine kreative Vielfalt. Von Skulpturen mit den Würfeln, über Projektionen und Visuals, über Theater bis hin zum eigentlichen Tanz.

 

Doch trotz der Vielfalt der Künste, die in “Codex” Verwendung finden, verliert sich das Tanzstück nicht und beschäftigt sich immer wieder mit Zahlen und Codes. So stellen beispielsweise die Tänzer Zahlen mit ihren Bewegungen dar. Ein Modellzug fährt eine Kreisbahn beschreibend um die Bühne und lässt auf seinen Anhängern Zufallszahlen aufleuchten. Mit “Codex” ist Marco Santi und der Tanzkompagnie ein grandioses Tanzstück gelungen, welches sich so vielfältig, wie Zahlen und Codes sind, mit ihnen auseinandersetzt. Das Stück hat für jeden etwas dabei und zeigt einmal mehr, wie vielseitig Tanz sein kann.

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