Gesellschaft | 05.02.2012

Von Haus aus bilingue

Text von Matthias Schafer | Bilder von Matthias Schafer
Mal Deutsch, mal Französisch, dann wieder beides. Im Sprachendschungel von Freiburg aufzuwachsen sorgt für Besonderheiten, teils wohl auch für Verwirrungen im Alltag. Eine 20-jährige Stadtfreiburgerin erzählt von ihren Eindrücken und Erlebnissen, kurz: ihrem Leben inmitten des sogenannten Röstigrabens.
"Als Kind lehnte ich mich strikte dagegen auf, Deutsch zu sprechen": Line Corminbeuf (20) vor der Freiburger Altstadt.
Bild: Matthias Schafer

Fribourg – oder doch Freiburg? Oder etwa beides? Viele wissen nicht wohin mit dieser Stadt, welche in der Deutschschweiz momentan vor allem wegen ihres überraschend erfolgreichen Eishockeyteams Schlagzeilen macht. “Hier wird Französisch und Deutsch gesprochen!”, sagt ein Passant in der Altstadt. Doch die deutsche Sprache wird rarer, je weiter weg man sich von Freiburg bewegt: À Fribourg, on parle français, scheint man sowohl in der Deutschschweiz als auch in der Romandie den Eindruck zu haben. Wie erlebt aber eine von Haus aus zweisprachige Person das Zusammenkommen zweier Kulturen in dieser Region?

 

Line Corminboeuf (20) bestellt einen thé froid. Wir sitzen im “Belvédère”, einem gemütlichen Café im Freiburger Neustadt-Quartier, mit Blick auf die unbändige Saane und die Vieille Ville. Die Studentin lebt seit ihrer Geburt in der Stadt am Röstigraben. Sie kann deshalb viel über das Aufwachsen mitten auf der Sprachbarriere berichten. Deren unsichtbare Präsenz holt uns bereits zu Beginn des Gesprächs ein.

 

Zwischen Voltaire und Goethe

Als die Kellnerin uns mit einem Lächeln à  la française freundlich auffordert, etwas zu bestellen, rutscht auch das Interview in die Sprache Voltaires. Eine sprachliche Achterbahnfahrt steht im Folgenden bevor. Auf die Frage, ob sie eine der beiden Sprachen in ihrer Kindheit bevorzugt habe, entgegnet Line Corminbeuf lachend: “Ich lehnte mich strikte dagegen auf, Deutsch zu sprechen, weshalb meine Mutter, selbst eine Deutschfreiburgerin, auch mal zur Puppe griff, um mir spielend die Sprache Goethes beizubringen. Aber je älter ich wurde, desto mehr begann ich zu akzeptieren, dass Deutsch in meiner Familie dazugehört.”

 

Line Corminbeuf hat ihre Ausbildung zunächst in Deutsch, danach zweisprachig absolviert in der mehrheitlich frankophonen Stadt. Desweiteren hat wohl auch die Mitwirkung in einem eher französisch geprägten Musikverein dazu geführt, dass sich Line Corminbeuf weder der Deutsch- noch der Westschweiz richtig zugehörig fühlt. Zweisprachig zu sein sei ein Trumpf, sagt sie, vor allem in Freiburg. Das Beherrschen beider Sprachen sei beispielsweise bei der Jobsuche unerlässlich. “Trotzdem bringt es eine gewisse Unsicherheit in den beiden gelernten Sprachen mit sich”, fügt sie an.

 

Vorbildliche Universität

Wie sieht es mit dem Willen der Stadt aus, die Zweisprachigkeit zu fördern? Mitteilungen von Behörden werden grösstenteils in beiden Sprachen herausgegeben. Auch für eine zweisprachige Beschilderung des Bahnhofs liegen Pläne auf. Line Corminbeuf gibt zu bedenken: “Dies ändert nichts an dem Umstand, dass das Stadtleben selbst – wie kulturelle Einrichtungen oder Veranstaltungen – praktisch ausschliesslich französische Züge aufweist.” Die Universität Freiburg hingegen, an welcher die Stadtfreiburgerin im vergangenen Jahr die Ausbildung zur Sekundarlehrerin begonnen hat, vermarkte sich besser als zweisprachig. Studienvarianten seien meist in beiden Sprachen vorhanden und “bei Vorlesungen rutschen Dozenten auch mal vom Deutschen ins Französische”, erzählt Line Corminbeuf.

 

Die Kontroverse um die Zweisprachigkeit beschäftigt Freiburg mit Sicherheit auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Können daraus entstehende Synergien Standortvorteile bringen oder macht der zusätzliche Aufwand die Zweisprachigkeit eher zu einer Last für die Gesellschaft? Die neulich entbrannte Diskussion rund um die künftige Beschriftung des Bahnhofs zeigt, dass es eine schwierige Aufgabe ist, hier einen Konsens zu finden. Obwohl alles auf eine zweisprachige Lösung hindeutet, sind sich die Behörden ob der drei unterschiedlich teuren Offerten der SBB bisher nicht einig. La barrière de Rösti, so Line Corminbeuf, sei halt manchmal nicht nur ein Mythos, zumindest in ihrer Heimatstadt.