Kultur | 21.02.2012

Von Angesicht zu Angesicht

Es seien "Porträts für mich allein", wie die Schweizer Künstlerin Vera Isler ihre Werke bezeichnet. Wohl nicht nur, denn gezeigt wird eine Vielzahl von Künstlerporträts derzeit im Museum Tinguely unter dem Titel "Face to Face II".
Vera Isler vor ihren Porträts von Daniel Spoerri und Valie Export.
Bild: Katharina Good. Vera Isler: Jean Tinguely, 1990 -¨© 2011, ProLitteris, Zürich.

Mit verschränkten Armen und leicht zusammengekniffenen Augen blickt Tinguely aus der fotografischen Aufnahme den Betrachter an. Farbspuren sind sichtbar auf seiner Arbeitskleidung, im Hintergrund ist leicht unscharf eine Arbeit zu erkennen, an welcher er wohl gerade gearbeitet hatte, bis ihn die befreundete Künstlerin aus seinem Schaffensprozess herausgerissen hatte, um ihn in ein Bild zu verwandeln.

 

Künstler bei der Arbeit

Vera Islers Porträts sind fotografische Erzählungen, festgehalten ist ein Moment in einer Geschichte, die sie mit den porträtierten Künstlern teilt. Ohne die Hilfe von Assistenten besucht Isler die Künstler in ihren Ateliers oder beim Aufbau einer Ausstellung, wartet wie der Jäger auf seine Beute auf den richtigen Moment, den sie dann ohne die Verwendung von Blitzlicht mit ihrer Kamera fixiert. Geduldig wartet sie einen Augenblick ab zwischen dem kreativen Schaffensprozess des Künstlers und seiner Selbstinszenierung vor der Kamera. So entstehen diese intimen Aufnahmen von den Begegnungen mit den Künstlerinnen und Künstlern, gekennzeichnet durch eine unverkennbare Direktheit und Natürlichkeit, die das Vorher und das Nachher noch in sich zu bewahren vermögen. Geschichten von Begegnungen mit Künstlern, erzählt mittels einer Porträtfotografie. Und genau dieses natürliche und direkte Moment lädt auch den Betrachter zur Begegnung mit den porträtierten Künstlern ein, die sich dem Besucher der Ausstellung auf Augenhöhe präsentieren. Von Angesicht zu Angesicht mit bekannten Personen oder Gesichter zu bekannten Namen aus der Kunstszene, eben: Face to Face.

 

Seit 20 Jahren “Face to Face”

Die 1931 geborene Künstlerin Vera Isler kam nach einer Vielzahl von Experimenten und Arbeiten in unterschiedlichen Techniken im Jahre 1980 zur Fotografie. Nach Fotostrecken über die US-amerikanische Schwulenszene, über die Jugendbewegung der frühen 80er Jahre und einer Serie über alte Menschen, beschäftigte sie sich ab 1992 mit Porträts von Künstlerinnen und Künstlern, welche dann im selben Jahr erstmals unter dem Titel “Face to Face” in der Kunsthalle Wien präsentiert wurden. Unter anderem hatte sie auch Jean Tinguely und seine Lieb- und Bekanntschaften immer wieder porträtiert, was Isler eng mit dem Basler Künstler und dem Museum Tinguely verbindet.

 

Die seit dieser Ausstellung entstandenen Bilder einer Vielzahl weiterer Kunststars werden derzeit im Museum Tinguely unter dem etwas einfallslosen Titel “Face to Face II” präsentiert. Gezeigt werden in Zusammenarbeit mit dem Museum der Moderne Salzburg 54 grossformatige schwarz-weiss Fotografien in zwei Räumen, ein Who-˜s Who der jüngeren Kunstgeschichte. Die dichte Hängung wie auch die Grösse der einzelnen Fotografien provozieren allerdings eine visuelle Überbelastung für das Auge. Man kommt als Betrachter nicht zur Ruhe, von Porträt zu Porträt springend wird der Besucher konfrontiert mit stets ähnlichen Bildern, die sich retrospektiv zu einem Gesamteindruck zusammenfügen. Wohl im Sinne der Künstlerin, die keine Ikonen, sondern Begegnungen zu schaffen sucht.

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