Politik | 14.02.2012

“Unkontaktierte Völker” und warum sie den Kontakt meiden

Ein Flugzeug fliegt über ein Dschungelgebiet in Brasilien. Zu sehen sind Menschen mit roter Körperbemalung, die mit Pfeilen auf das Flugzeug zielen. Die Botschaft der unkontaktierten Indigenen kann nicht deutlicher sein: Lasst uns in Frieden.
Unkontaktierte Mashco-Piro Familie in Peru.
Bild: D. Cortijo/Survival Unkontaktierte in Brasilien. G. Miranda/FUNAI/Survival Haus und Garten des 'Letzten seines Volkes'. J. Pessoa/Survival International

Weltweit haben sich mehr als hundert indigene Gruppen dafür entschieden, den Kontakt mit der Aussenwelt zu meiden, sie werden als “unkontaktiert” bezeichnet. Viele dieser unkontaktierten Völker sind Überlebende oder Nachfahren vergangener Gewalttaten. Massaker und Epidemien haben ihr kollektives Gedächtnis derart geprägt, dass sie nun den Kontakt mit der Aussenwelt zu vermeiden versuchen.

 

Tödliche Folgen der Kontaktaufnahme

Einige Völker wurden durch den Kontakt mit der Aussenwelt fast vollständig ausgelöscht. Ein prägnantes Beispiel kommt aus dem Amazonas-Regenwald im Nordwesten von Brasilien. Im Bundestaat Rondonia lebt ein indigener Mann alleine in seiner Hütte – ein Letzter seines Volkes. Man weiss nicht, wer er ist und wie er heisst. Ebenso wenig kennt man den Namen seines Volkes oder seine Sprache. Sein Volk wurde komplett ausgelöscht, man vermutet, dass sie durch Viehzüchter umgebracht worden sind.

 

Der Kautschukboom, der Ende 19. Jahrhunderts das Amazonasgebiet erreichte, hatte desaströse Folgen für die lokale indigene Bevölkerung: 90% wurden versklavt oder Opfer enormer Brutalität. Viele der heute isoliert lebenden Indianer in der westlichen Amazonasregion sind Nachkommen der wenigen Überlebenden.

 

Andere tödliche Folgen des Kontaktes für die Indigenen sind Krankheiten von ausserhalb. Unkontaktierte Völker haben durch ihre Abgeschiedenheit keine Möglichkeit, Immunität gegen Viren wie Masern, Grippe oder Windpocken zu entwickeln. Diese Krankheiten, für uns harmlos, können ganze Völker auslöschen. Oftmals stirbt mit den Epidemien auch Jahrtausende altes Wissen, welches von Schamanen oder anderen Mitgliedern der Gruppe getragen wurde. In den frühen 1980er Jahren starb in Peru mehr als 50% des ehemals unkontaktierten Nahua-Volkes in Folge von Ölerkundungen auf ihrem Land durch Krankheiten und Gewaltübergriffe.

 

Ressourcen und Besetzung

Diesen Monat gingen Fotos einer unkontaktierten Familie von Mashco-Piro-Indianern in Peru um die Welt. Sie wurden von der Menschenrechtsorganisation Survival International veröffentlicht, um auf die Bedrohungen der illegalen Abholzung für unkontaktierte Völker hinzuweisen. In den vergangenen Jahren wurden ihre unkontaktierten Angehörigen vermehrt gesichtet. Man vermutet, dass sie den Dschungel nicht freiwillig verlassen. Illegale Holzfäller sowie tieffliegende Helikopter der naheliegenden Öl- und Gasprojekte treiben die Indianer aus ihrer Heimat im Wald.

 

Um an wertvolle Ressourcen wie Öl, Edelholz, oder einfach nur Land zu kommen, besetzen Siedler, Holzfäller, Rinderzüchter und Öl- und Gasfirmen in zunehmendem Masse die Gebiete unkontaktierter indigener Völker. Oftmals geraten sie auch mit Siedlern, Arbeitern oder Touristen in unfreiwilligen Kontakt. Durch solche Eindringlinge werden unkontaktierte Völker verdrängt und müssen tiefer in den Wald fliehen. Als Resultat finden sie sich oftmals heimatlos. Ihre Häuser und Gärten werden von Bulldozern zerstört und ihre Jagd- und Sammelgebiete dem Erdboden gleichgemacht. Es sind Fälle bekannt, in denen Familien über Jahre auf der Flucht waren und mehrmals ihr neu aufgebautes Zuhause zurücklassen mussten. Ihre Leidensgeschichte wurde erst bekannt, als sie Kontakt mit der Aussenwelt aufnahmen.

 

Die Folgefrage ist nun: Würden unkontaktierte Gruppen von der Integration in unsere Gesellschaft profitieren? Ganz abgesehen von den oben genannten Gefahren des ersten Kontakts zeigt die Geschichte, dass die Gesellschaft den Indigenen nur eine ‘Mitgliedschaft’ auf der untersten Stufe anbieten kann. Viele enden in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Sozialbeiträgen oder zu Drogen und sind auf Hilfe angewiesen. Das wohl bekannteste tragische Beispiel sind die Aborigines in Australien, die bis heute unter den Folgen des Kontaktes mit der Mehrheitsgesellschaft leiden.

 

Leben und leben lassen

Die unkontaktierten Indigenen werden vielleicht eines Tages aus dem Wald kommen und Kontakt zur Aussenwelt suchen. Doch es sollte ihnen überlassen werden, ob, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Grade sie diesen Kontakt herstellen wollen. Auch leben unkontaktierte Völker nicht komplett isoliert. Jeder Mensch hat Nachbarn, auch wenn diese manchmal sehr weit entfernt leben. Aber man kennt sich doch und weiss etwas über sie. Oftmals haben unkontaktierte Völker auch bereits ‘kontaktierte’ Indigene als Nachbarn und stehen in Kontakt mit ihnen. ‘Steinzeitvölker’ oder ‘unberührte’ Völker, wie wir in unseren romantischen Denkweise oft annehmen, existieren nicht. Viele unkontaktierte Völker benutzen beispielsweise seit Jahren oder Generationen Waffen aus Metall, die sie getauscht oder gefunden haben. Alle Gesellschaften verändern sich ständig und passen sich ihrer Umwelt an, dies haben sie schon immer getan.

 

Die unkontaktierten Völker in Peru und Brasilien haben uns deutlich zu verstehen gegeben, was sie wollen: Alleine gelassen zu werden. Die Regierungen dieser Länder sollten dies respektieren und das Land der Indigenen nicht an Ölfirmen, Holzfäller und Siedler verkaufen. Ferner sollten alle Aktivitäten auf Gebieten, auf denen unkontaktierten Gruppen vermutet werden, unterbunden und gestoppt werden.

 

Brasilien setzt gute Ansätze, wenn es um den Schutz unkontaktierter Gruppen geht. Brasiliens Behörde für indigene Völker (FUNAI) hat eine Unterabteilung, die dem Schutz unkontaktierter Völker gewidmet ist, die einzige weltweit. Diese Abteilung hat sichergestellt, dass über 140’000 km2, mehr als dreimal die Fläche der Schweiz, zum Schutzgebiet der Indianer erklärt wurden. Diese Gebiete werden regelmässig überflogen, um illegale Abholzung und andere Aktivitäten zu verhindern. Ferner sind Schutzposten stationiert, damit illegale Siedler und Holzfäller nicht in das Gebiet eindringen können. Auch lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen wie FENAMAD in Peru oder Survival International setzen sich für den Schutz indigener Völker ein und drängen Regierungen, diese Gebiete besser zu schützen.

 

Wann immer Regierungen und Organisationen unkontaktierten Völkern helfen und sie schützen wollen, ist das Wichtigste, dass sie respektieren, was diese Menschen wollen. Das altbewährte Sprichwort “Leben und leben lassen!” drückt es dabei wohl am Besten aus.

 

Steffi Lønskov (27) arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Survival International in London.

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