Gesellschaft | 07.02.2012

Und das Recht von der Geschicht’…

Text von Nicolas Zahn | Bilder von Nathalie Kornoski
Wer hätte gedacht, dass in unserer tabulosen Zeit, der Epoche des 'anything-goes', ein so veraltetes, verstaubtes Konzept wie die Moral doch noch über ungeahnte Kräfte verfügt? 'Die Moral' wurde nämlich aus ihrem komatösen Schlaf geholt und ist daran, sich als wirksame Waffe gegen 'schlechte' Machtfiguren zu bewähren.
Aller Enttabuisierung zum Trotz reicht es heute nicht aus, sich an die geschriebenen Gesetze zu halten.
Bild: Nathalie Kornoski

Der ehemalige Schweizerische Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand trat zurück, nicht weil er das Gesetz gebrochen hätte, sondern weil er ‘unmoralisch’ handelte und durch Devisengeschäfte den Anschein der Selbstbereicherung erweckte. Christian Wulff, seines Zeichens Deutscher Bundespräsident und verlockenden Angeboten von Freunden nicht gerade abgeneigt, bläst seit Wochen ein eisiger Wind entgegen, der es locker mit einer Sylter Sturmflut aufnimmt. Der Grund: nicht etwa ein Gesetzesbruch, nein, auch ihm werden ‘unmoralische’ Handlungen vorgeworfen, ständig kommen neue ‘Verfehlungen’ ans Tageslicht.

 

Dies sind nur zwei aktuelle Beispiele für die teilweise vergessen gegangene Macht der Moral. Im Nachhinein scheint es immer so klar: Wie konnte man nur auf die Idee kommen, als Währungshüter Devisengeschäfte zu machen? Weshalb sah man kein Problem darin, bezahlte Ferien eines Freundes anzunehmen? Es scheint fast, als würde in gewissen Positionen der gesunde Menschenverstand ausbleiben, der solche Aktionen natürlich verbieten würde. Doch weshalb fliessen moralische Bedenken nicht in die Entscheidung über bestimmte Handlungen mit ein? Und weshalb verstehen die angegriffenen Personen die Kritik nicht, sehen ihre ‘moralische Verfehlung’ nicht ein?

 

Meine These: Die Welt ist, was wir ja schon als Studenten bemerken – Stichwort Studienordnung –, bedeutend komplexer geworden und damit ist auch die Zahl an Regeln, welche es bei Entscheidungen zu beachten gibt, beträchtlich gestiegen. Wenn man sich nun überlegt, auf welchen Typ von Regeln man seine begrenzten Ressourcen bei der Entscheidungsfindung konzentrieren möchte, dann ist es am rationalsten, sich nur an Gesetze zu  halten, hier verstanden als alles, was keine moralische Regel ist. Dafür gibt es folgende Gründe:

 

Explizit versus implizit

Gesetze sind schwarz auf weiss in amtlichen Dokumenten festgehalten und jederzeit einsehbar. Nicht so moralische Prinzipien, die nur in seltenen und sehr prinzipiellen Fällen explizit festgehalten sind. Mehr noch als Gesetze müssen moralische Regeln ausgelegt und interpretiert werden, was ihre Anwendung aufwändiger macht. Zur Vernachlässigung der Moral hat natürlich auch die Enttabuisierung ihren Anteil beigetragen. Ehemals unerlaubte, da moralisch schlechte Handlungen wurden plötzlich salonfähig. Im Gegenzug ist ein regelrechter Verrechtlichungswahn auszumachen. Verbote und Gebote müssen in Gesetzesform her, weil man sich ja nicht mehr auf die Menschen von heute verlassen kann.

 

Institutionen versus unbekannte Instanz

Während Gesetze in meist langwierigen und klaren, institutionalisierten Prozessen entstehen und angepasst werden, können sich moralische Regeln ohne grosse Ankündigung komplett ändern. Niemand muss eine Initiative einreichen oder Parlamentarier sein um moralische Grundsätze festzulegen. Eigentlich ist überhaupt nicht klar, welche Instanz moralische Regeln herstellt oder anpasst. Diese Unberechenbarkeit und Intransparenz macht es weniger verlockend, sich auf moralische Regeln abzustützen, bei denen man ja nicht weiss, wie sie zustande kamen und wie lange sie gelten.

 

Globalisierung versus nationale Identitäten

Während immer mehr Gesetze den Anspruch auf globale Gültigkeit haben, kann Moral national sehr unterschiedlich definiert sein. Gleichzeitig wirken sich Entscheidungen immer häufiger nicht nur national, sondern eben teilweise auch global aus. Folglich sollte man sich nicht auf die nationale Moral als Regel verlassen.

 

Strafe versus Kritik

Der Bruch eines Gesetzes, falls entdeckt, zieht relativ klare Konsequenzen nach sich. Bei der Moral ist es schon schwer, den Bruch überhaupt festzustellen. Es ist auch nicht klar, wie man am besten gegen Verletzungen von moralischen Regeln vorgehen soll. Naming & shaming à  la Amnesty International, moralphilosophische Kritik à  la “Sternstunde” oder Schlagzeilen-Zweihänder à  la Boulevard-Presse? So oder so ist der Druck zur Einhaltung eines Gesetzes höher, da die Strafen klar und meist schwerwiegend sind. Bei der Moral kann man immer noch darauf hoffen, sich ‘rauszureden’.

 

Rechtsgleichheit versus Doppelmoral

Ein weiterer Punkt ist beim Vergleich zwischen Moral und Gesetz besonders interessant. Im Rechtsstaat geht man davon aus, dass die Gesetze für alle gleich gelten: Gleiches wird gleich, Ungleiches ungleich behandelt. Mit der Moral sieht das etwas anders aus. Sie wird sehr kontextual angewandt und man muss sich in bestimmten Positionen andere Massstäbe gefallen lassen. Wenn man seine Handlungen auf Gesetze abstützt und an die Regeln des Rechtsstaates glaubt, ist dieser Umstand natürlich besonders gewöhnungsbedürftig.

 

Konsequenterweise müsste sich die Gesellschaft eingestehen, dass sie eben doch nicht so tabulos und regelfrei ist, wie manchmal behauptet wird. Stattdessen ist es nur fair, dass über moralische Gebote nicht geschwiegen wird bis zu dem Zeitpunkt, da sie als Druckmittel gegen jemanden verwendet werden können, sondern es sollte eine Diskussion stattfinden um oben genannte Schwachstellen moralischer Regeln auszubessern. Schliesslich lässt es sich besser spielen, wenn allen die Regeln klar sind.